15. Juli 2024

pbr: Neubau der Ernst-Abbe-Bibliothek und des Fachdienstes Bürger- und Familienservice in Jena

Osnabrück (pm) – Mit dem Neubau der Stadtbibliothek und des Bürger- und Familienservices eröffnet das Architektur- und Ingenieurbüro pbr der Stadt Jena die Chance auf die Eigendarstellung als kulturell lebendige und moderne Stadt. Der ausdrucksstarke Neubau erzeugt ein hohes Alleinstellungsmerkmal mit Wiedererkennungspotenzial, das maßgeblich zur Verdichtung und Reorganisation einer funktionierenden Stadtstruktur beiträgt.

Mit dem Ziel, den zentralen Engelplatz im Zentrum von Jena zu reanimieren, aber auch zur Verbesserung der Arbeits- und Nutzungsbedingungen der Ernst-Abbe-Bibliothek und des Fachdienstes Bürger- und Familienservice der Stadt Jena lobte diese, vertreten durch die Kommunale Immobilien Jena, im Jahr 2017 einen Architekturwettbewerb zur Errichtung eines gemeinsamen Neubaus für beide Einrichtungen aus. pbr konnte den Wettbewerb gemeinsam mit Stock Landschaftsarchitekten seinerzeit für sich entscheiden und übergab das Objekt am 22. März dieses Jahres offiziell an die Nutzer.

Reaktion und Aktion

Das urbane Erscheinungsbild des zu beplanenden Areals sowie der unmittelbaren Umgebung ist geprägt durch gewachsene Quartiersstrukturen, die durch unterschiedliche Einflüsse zuletzt weniger einen geschlossenen und funktionierenden Stadtorganismus als vielmehr ein Konglomerat heterogener, aufgebrochener Strukturen darstellten, in dessen Mitte sich mit den Resten des ehemaligen Karmeliterklosters „Zum Heiligen Kreuz“ und den erhaltenen Bauteilen Sakristei, Kapitelsaal sowie der gestalterischen Darstellung des Kreuzgang-Grundrisses zudem ein schützenswertes Kulturdenkmal befindet.

Dem Prinzip „Reaktion und Aktion“ folgend reagiert der neue Baukörper auf das umgebende Spannungsfeld, umspielt den angrenzenden Bestand, dockt an entscheidenden Punkten an und lässt dort, wo es notwendig ist, bewusst den nötigen Freiraum für Interaktion. So ergänzt der Neubau die Blockränder im Norden und Osten des Gebiets, definiert die Quartiersabschlüsse im Westen und Süden neu und schafft zugleich die Raumkanten zur Kulturarena und zum Engelplatz.

Der differenzierte Umgang mit dem Bestand setzt sich in der Höhenentwicklung fort, nimmt Bezug und vollzieht durch die Staffelung der Geschosse die vorhandene lebendige Dachlandschaft der Umgebung nach. Gleichwohl setzt sich der neue Baukörper selbstbewusst in Szene, reanimiert auf diese Weise den zentralen Engelplatz und macht ihn als öffentlichen Raum wahrnehmbar. Mit dem Neubau ist es den Architekten von pbr gelungen, eine neue Aufenthaltsqualität zu ermöglichen, die dieser wichtigen Schnittstelle in der Stadt Jena angemessen ist.

Stringenz und Leichtigkeit

Die ausdrucksstarke Morphologie der Fassaden erzeugt ein Alleinstellungsmerkmal und entwickelt darüber eine besondere Anziehungskraft. Vertikale Lamellenstrukturen bewegen sich in unregelmäßigen rhythmischen Reihungen vor der eigentlichen Gebäudehülle und vermitteln in der Kombination mit größtenteils raumhohen Aluminiumfenstern zwischen Stringenz und Leichtigkeit. Die vorgehängten Glasfaserbetonelemente sind rund 20 Millimeter stark und wurden in vorelementierten Breiten auf Geschosshöhe als hinterlüftete Fassaden fugenlos an der Außenwand angebracht. Das gewählte Material, Glasfaserbeton, zeigt sich im Produktionsprozess als fließfähig und ermöglicht so die Herstellung einer Vielzahl zwei- und dreidimensionaler Formteile, was dem Wunsch nach einer spannungsvollen Fassade zugutekam. Dabei wurden die vertikalen Lisenen entsprechend der elementierten Fassadenplatten unregelmäßig vor der Ebene Fassadenplatte angeordnet. Die bis zu vier Meter hohen konischen Fassadenteile wurden mittels horizontaler Stahlprofile nach unten und oben optisch geschlossen. Die Lisenen vor den Fensterelementen wurden durch ein Edelstahleinschubprofil freispannend über- und oberhalb der Fenster befestigt. Attika und Brüstungen sowie die Sockelbereiche wurden ebenfalls in den dreidimensional geformten Elementen ausgeführt. In ihrer Farbigkeit orientiert sich die bis ins letzte Detail durchdachte und handwerklich aufwendig ausgeführte Fassade an regionalen Gesteinsarten, stellt sich in einem hellen Muschelkalkton dar.

Ausgewogenes Verhältnis

Die Nutzungsarten des neuen Baukörpers sind enorm unterschiedlich. So steht auf der einen Seite mit der Bibliothek als offenes Forum für Lernen und Wissen ein Ort der Kultur mit langer Verweildauer, auf der anderen Seite mit dem Bürgerzentrum ein Ort der Verwaltung mit hohem Durchlauf und kurzer Verweilzeit. Um diese Nutzungsarten nicht nur baulich, sondern auch funktional zu einer Einheit verschmelzen zu lassen, setzen die Architekten von pbr bewusst auf eine kommunikative Struktur mit vielfältiger Vernetzung einzelner Bereiche. Auf diese Weise wird ein dialogisches Verhältnis zwischen Bibliothek und Bürgerservice geschaffen, bei dem das gewählte Konstruktionsraster ein Höchstmaß an Flexibilität erlaubt, so dass gut auf mögliche Veränderungen reagiert werden kann.

Die Bibliothek: Interaktion und Abwechslung statt langer Regalreihen

Ausgehend von wissenschaftlichen Erkenntnissen in Bezug auf kooperatives und lebenslanges Lernen soll sich die neue Bibliothek neben der Dualität von Arbeit und Privatleben künftig als dritter Ort der aktiven und lustvollen Freizeitgestaltung für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Jena etablieren. Der Entwicklung des Raumprogramms und den Grundprinzipien der Innenraumgestaltung lag folglich zugrunde, die Bibliothek nicht nur als Zentrum für Lernen und Wissen zu betrachten, sondern als sozialen Treffpunk anzuerkennen, der Begegnung fördern, Kommunikation unterstützen und zum Verweilen einladen kann. Um dabei mit künftigen gesellschaftlichen, medialen und technologischen Entwicklungen Schritt halten zu können, wurde ein besonderes Augenmerk auf ein Maximum an räumlicher und technischer Flexibilität gelegt. Mobile Raumeinbauten und Möbelstandorte sowie multifunktionale Elemente, die mit den Besucherinnen und Besuchern interagieren, tragen unter anderem dazu bei.

Das Erdgeschoss der Bibliothek dient der Aufnahme des zentralen Foyers wie auch der technischen Zone mit Buchrücksortieranlage, Bücheraufzug, sanitären Anlagen. Aber auch ein Veranstaltungsraum, ein Zeitschriften-Salon und die Kinderbibliothek sowie ein Veranstaltungsbereich, der als Kreativraum und Werkstatt genutzt werden kann, finden im Erdgeschoss Platz. Der Übergang zur Neugasse kann dabei über eine Sitzstufenanlage erschlossen werden und bietet Raum für die Buchbinderei und den zentralen Wareneingang. Der integrierte Bücheraufzug fährt vom Untergeschoss alle Ebenen der Bibliothek an und ermöglicht Besucherinnen und Besuchern über die Verglasung interessante Einblicke in die technischen Abläufe der Bibliothek.

Unter dem Motto „Raum und Zeit“ setzt die Innenraumgestaltung der Kinderbibliothek auf einen phantasievollen Umgang mit Details, variable Regalelemente und bewegliche Sitzmöglichkeiten. Orientiert an den Bedürfnissen der Kleinsten, runden multifunktionale Spielelemente das Angebot in diesem Bereich ab.

Das erste Obergeschoss der Bibliothek beherbergt die Jugendbibliothek mit Comics, Mangas und Fantasy sowie Konsolenspielen. Im Bereich der Auskragung, welche den Blick auf den Kreuzgang und das Kloster freigibt, ermöglicht eine Sitzlandschaft als Rückzugsort Ruhe und Kontemplation. Hingegen bietet der Bereich Belletristik den Ausblick auf die Fragmente des Karmeliterkloster. Insgesamt stehen im ersten Obergeschoss vier Büros zur Verfügung, eines davon dezentral auf der Fläche angeordnet, drei weitere Büros für das Lektorat, die Belletristik und Musik sowie eine Teeküche für Mitarbeitende befinden sich im Gebäudeteil an der Neugasse.

Im gesamten Geschoss wurden Ausleihstationen für Laptops und Tablets und weitere digitale Medien und Angebote bewusst platziert, um gemäß dem Bild einer Bibliothek der Zukunft Interaktion zu fördern und digitale Kompetenz zu vermitteln.

Im zweiten Obergeschoss wurden die deutlich ruhigeren Nutzungen angeordnet. Hier finden sich die Bereiche der Sachliteratur, das Lernzentrum, eine Digitalwerkstatt und eine kleine Artothek. Zwei Carrels können durch kleinere Gruppen angemietet werden, um sich in einen geschützten Raum für konzentriertes Arbeiten zurückzuziehen. Im Bereich Neugasse wurden die Büros für die Bibliotheksleitung, Verwaltung, die IT-Stabsstelle, die Mitarbeitenden der Öffentlichkeitsarbeit sowie ein offener Teeküchen- und Pausenraum angeordnet. Büros der Sachliteratur und des Lernzentrums wurden dezentral auf der Fläche angeordnet, folgen somit dem Dienstleistungsanspruch dieser Ebene, so dass Besucherinnen und Besucher unkompliziert Kontakt aufnehmen können.

Im Untergeschoss der Bibliothek wurden die Lagerräume und das Magazin mit Fahrregalanlage untergebracht. Hier befindet sich außerdem die Tiefgarage mit 28 PKW-Stellplätzen.

Der Bürger- und Familienservice: Mehr Atmosphäre, weniger Verwaltung

Im Bereich des Bürger- und Familienservice verringert sich mit zunehmender Geschosszahl der Anteil öffentlich zugänglicher Flächen. Und so befindet sich auch hier im Erdgeschoss der zentrale Empfangsbereich mit sanitären Anlagen, einer Servicetheke, einem Teamleiterbüro sowie der Frontofficebereich mit 18 Arbeitsplätzen.

Das erste Obergeschoss beherbergt die Räume des Familienservice mit insgesamt zehn Doppelbüros, einem Teamleiterbüro mit Besprechungsraum, einer Teeküche sowie den dienenden Räumen, wie Lager und Druckerraum. Im zweiten Obergeschoss wird der südliche Teil ebenfalls vom Team des Familienservices genutzt. Ein Besprechungsraum mit Teeküche, großzügigem Pausenbereich und Austritt nach außen bietet hier eine hohe Aufenthaltsqualität für die Mitarbeitenden. Der nördliche Gebäudeteil steht den Mitarbeitenden der Fahrerlaubnisbehörde zur Verfügung und bietet sechs Doppelbüros, ein Teamleiterbüro sowie dienende Räume. Im dritten Obergeschoss stehen zwei Teamleiterbüros und acht Räume des Backoffice zur Verfügung. Ebenso wurde hier eine kleine Teeküche mit Pausenbereich eingerichtet.

Das vierte und damit oberste Geschoss sind dem Fachdienstleiter und Stellvertretung sowie deren Assistenz vorbehalten. Ein großer Besprechungsraum mit Austritt auf die Dachterrasse sowie eine Teeküche und ein Lager ergänzen das Raumangebot auf dieser Etage.

Freianlagen

Die wenige Freifläche, die inmitten des Zentrums rund um den Neubau zur Verfügung steht, gliedert sich gemäß der Planung von Stock Landschaftsarchitekten in drei öffentlich zugängliche Bereiche:

  • der ehemalige Kreuzgang des Karmeliterklosters
  • die Platzfläche am Engelplatz mit Zugang zur Bibliothek von Osten
  • die südliche Querverbindung vom Theatervorplatz zur Neugasse und zwei Innenhöfen als Lesehof

Mit einer Naturstein-Pflasterung wurde der neue Gebäudekomplex eingefasst, so dass ein homogener Gesamteindruck entsteht. Eine reduzierte Gestaltung im Bereich des historischen Kreuzganges zollt diesem den nötigen Respekt. Der Platz vor dem Fachdienst Bürger- und Familienservice besitzt als Teilbereich des Engelplatzes unterschiedliche wichtige stadtprägende Funktionen, dient als Verweilbereich, nimmt zugleich aber auch die Fußgängerströme zwischen Westbahnhof und Innenstadt auf und dient künftig auch als Zugang für den neuen Bürgerservice sowie als zweiter Zugang zur Bibliothek.

Das Tragwerk

Das Gebäude reagiert auf die vorgegebene unregelmäßige Stadtgeometrie, fügt sich genauestens in diese ein. Diese Anomalie der Kubatur schlägt sich auch in der Konstruktion nieder. Und so muss das Tragwerk anspruchsvolle und vielfältige Objektbedingungen aufnehmen, zum Beispiel unterschiedliche Geschosshöhen, wodurch innerhalb einzelner Gebäudeebenen die Geschossdeckenplatten in unterschiedlichen Leveln liegen.

Grundsätzlich kommt eine monolithisch errichtete Stahlbetonkonstruktion über einer Flachgründung zum Einsatz. Dabei erfolgt die Aussteifung des Gebäudes durch die Außenwände, die zahlreich vorhandenen Kerne sowie durch die daran anschließenden Geschossdeckenplatten. Zur Minimierung möglicher eintretender Zwangsspannungen infolge Schwindens, Kriechens und Temperatur wurde in den Geschossdeckenplatten begleitend zu den dort jeweils vorhandenen Deckensprüngen eine Fuge entlang der inneren Kernzonen angeordnet. Die Geschossdecken wurden als Flachdecken ausgeführt, um größtmögliche Flexibilität in der Führung der Haustechniktrassen im Deckenunterbereich zu ermöglichen. Der Lastabtrag der prägnanten Auskragungen erfolgt über übereinandergestellte Wandscheiben. Die Sicherung der Bestandsbauten, an welche sich zur Errichtung des Neubaus direkt angenähert wurde, erfolgte unter anderem über Bohrpfahlwände.

Energiekonzept

Der Neubau wird durch hohe ganzjährige Kühllasten dominiert, so dass ein Kühlkonzept entwickelt wurde, bei dem die Kälteerzeugung optimiert und Synergien zwischen Heiz- und Kühlbetrieb ermöglicht werden. Der Standardanwendungsfall der Geothermieanlage ist die Wärmeerzeugung mit Unterstützung der passiven Gebäudekühlung für den sommerlichen Wärmeschutz. Durch eine intelligente hydraulische Verschaltung und Automation wurde bei diesem Gebäude zusätzlich die Kälteerzeugung hinsichtlich des Endenergiebedarfs optimiert. Ein Geothermiefeld mit 20 Erdsonden unter dem benachbarten Theatervorplatz dient als Umweltwärmequelle der Wärmepumpe. Weil der Heizbetrieb durch Wärmeentzug zur Reduzierung der Temperatur im Erdreich führt, kann diese Wärmesenke im Sommerhalbjahr zur passiven Kühlung genutzt werden. Bei der Auswahl der Wärmepumpenübertragungssysteme wurde konsequent auf ein niedriges Temperaturniveau im Winter respektive ein möglichst hohes Temperaturniveau im Sommer geachtet, was im Wesentlichen dadurch erreicht wird, dass die Temperierung der Räume über thermisch akustisch wirksame Deckensysteme erfolgt.

Die Lüftungsanlagen wurden in der Bibliothek so strukturiert, dass jede Ebene ein eigenes Zentralgerät erhielt. Auf diese Weise kann eine bedarfsgerechte Fahrweise erreicht werden und der Einsatz kostenintensiver Volumensteuerungen auf ein Minimum reduziert werden. Hingegen im Bürgerservice lediglich der Front-Office-Bereich im Erdgeschoss sowie der Besprechungsraum im vierten Obergeschoss mechanisch be- und entlüftet werden. Die restlichen Bereiche werden natürlich über Fenster belüftet.

Quelle: pbr Planungsbüro Rohling AG

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