20. Februar 2026

Wohnungsnot: Mit Holz neue Räume schaffen

Gülzow-Prüzen (pm) – Wie Bauen im Bestand mit Holz und nachwachsenden Rohstoffen unsere Städte nachhaltig verdichtet: Interview mit Henning Klattenhoff, Fachbereichsleiter Holzbauplanung bei ASSMANN Beraten + Planen GmbH in Hamburg

Deutschland steckt in einer Wohnkrise: Vor allem in den Städten ist Wohnraum inzwischen knapp und teuer. Doch statt neue Flächen zu versiegeln, liegt ein Schlüssel zur Lösung im „Bauen im Bestand“. Eine besondere Rolle spielt dabei der nachhaltige Baustoff Holz. Warum das so ist, erklärt der Holzbauexperte Henning Klattenhoff von ASSMANN Beraten + Planen GmbH im Gespräch mit der FNR.

Herr Klattenhoff, was versteht man unter „Bauen im Bestand“ – und warum eignet sich Holz am besten für diese Aufgabe?

Bauen im Bestand bedeutet, vorhandene Gebäude zu erhalten und umzubauen, sie zu dämmen, zu erweitern, aufzustocken. Man macht also Bestandsgebäude zukunftsfähig, statt sie abzureißen und kostenintensiv neu zu bauen. Es geht darum, den Bestand soweit zu erhalten, wie er in den kommenden Jahrzehnten zeitgemäß genutzt werden kann. Und es geht darum, Bestandsgebäude und -quartiere nachzuverdichten, um weitere Versiegelungen und bauliche Ausdehnungen von Städten einzudämmen. Holz eignet sich dafür besonders gut: Es ist klimafreundlich, ressourcenschonend und besticht durch sein geringes Eigengewicht. Damit ist Holz prädestiniert für leichte Gebäudeaufstockungen. Zudem kommt der Holzbau meist vorgefertigt auf die Baustelle, wodurch Bauzeit, Lärm, Staubbelastung und Platzbedarf deutlich reduziert werden.

Welche Chancen eröffnet der Holzbau, um Wohnraumengpässe effizient zu überwinden?

Zum einen können durch die Bauordnungsänderungen der letzten Jahre heute mehr Holzbauunternehmen im Wohnungsbau aktiv werden, was die gesamte Bautätigkeit in dem Segment erhöht. Die größere Konkurrenz am Markt hat zugleich positive Effekte auf den Kaufpreis für den Auftraggeber. Zum anderen kann der Holzbau gegenüber herkömmlichem Bauen sogar preislich attraktiver sein, denn mit dem Holztafelbau lassen sich Aufstockungen realisieren, die im konventionellen Bauen statisch ausgeschlossen wären. Aufwändige Ertüchtigungen und Nachgründungen entfallen. Das geringe Gewicht ermöglicht Holzbaustockungen im Bestand, die effizient zur Schaffung zusätzlichen Wohnraums beitragen.

Stichwort preisliche Attraktivität: Ist Bauen im Bestand mit Holz nicht deutlich teurer? Und wie wirken sich Holzbauprojekte auf langfristige Kosten, Werterhalt und Wertsteigerung aus?

Die Kosten hängen stark von Planung, Grundriss, Lastabtrag und Anforderungen an Brand- und Schallschutz ab. In der Praxis zeigt sich aber, dass Holzbau nicht teurer ist: Große Wohnungsunternehmen setzen inzwischen zunehmend auf Aufstockungen und Sanierungen mit Holz. Nachhaltigkeit steigert sogar den Immobilienwert: Zertifizierungen wie DGNB, EU-Taxonomie und staatliche Förderungen begünstigen Investitionen in klimafreundliche Gebäude. In der langfristigen Kostenbilanz und Gebäudebewertung stehen Holzgebäude perspektivisch sehr gut da. Holzbauteile lassen sich relativ einfach wiederverwenden und verursachen geringere Entsorgungskosten. Das trägt zu einer positiven Lebenszyklusbilanz bei. Und natürliche Baustoffe behalten einen Restwert, der künftig einen positiven Einfluss auf die Wertermittlung von Immobilien nehmen wird.

Bei welchen Gebäudetypen lassen sich Holz und andere nachwachsende Baustoffe besonders gut einsetzen für Erweiterungen oder Modernisierungen?

Nachwachsende Rohstoffe können grundsätzlich in allen Gebäudetypen eingesetzt werden, besonders effizient sind sie dort, wo das Tragwerk in Holz realisiert werden kann und direkte Lastabträge möglich sind – etwa im Mietwohnungsbau oder bei mehrgeschossigen Bürogebäuden. Rechteckige Gebäude mit üblichen Spannweiten eignen sich besonders für Holzdecken, ebenso Kitas und Schulen bei Verwendung von Holz- oder Hybrid-Rippendecken. Bei kleinen Gebäuden können auch Dämmstoffe wie Stroh oder Lehm eingebaut werden, und selbst mehrgeschossiger Wohnungsbau lässt sich inzwischen mit Strohdämmung und Lehmputz realisieren. Serienhafte Sanierungen profitieren von vorgefertigten Holztafelelementen, die ressourcenschonend und effizient eingesetzt werden können.

Welche Vorteile bietet der Holzbau im Bestand speziell in Bezug auf Klimaschutz, Ressourcenschonung und Kreislauffähigkeit?

Das Bauen mit Holztragwerken verursacht deutlich weniger CO₂ -Ausstoß als konventionelle Bauweisen, insbesondere Beton. Intelligente Konstruktionen wie Holztafelwände nutzen wenig Material, erzielen aber viel Wandfläche, was die Ökobilanz enorm verbessert. Hinzu kommt, dass Holz leicht zu bearbeiten und wiederverwertbar ist, wodurch Bauteile am Ende des Gebäudelebens weiterverwendet oder recycelt werden können. Außerdem ist Holz eine Ressource, die nachwächst. Allein dieser Umstand ist langfristig sehr klimafreundlich und ressourcenschonend.

Herr Klattenhoff, welche technischen, politischen oder wirtschaftlichen Hürden müssen überwunden werden, damit Holzbau im Bestand flächendeckend umgesetzt werden kann?

Technisch ist der Holzbau heute gut aufgestellt, doch es fehlt oft an kompetenten Planern und Prüfern, die moderne Holzlösungen sachgerecht bewerten. Schwierig wird es, wenn aufgrund fehlender Kompetenz Sachverhalte wie vor 20 Jahren bewertet werden. Nach wie vor benötigt der Holzbau Lernwillen auf allen Seiten. Politisch muss klar sein: Wir befinden uns im Wettlauf mit der Zeit. Nachhaltige und rezyklierte Baustoffe sind wortwörtlich ein wichtiger Baustein, um zukunftsfähig bauen zu können. Politisch müssen Anreize für nachhaltiges Bauen geschaffen und die Marktfähigkeit von Holz- und Naturbaustoffen gestärkt werden. Nur so lässt sich dem Klimawandel und der Ressourcenknappheit wirksam begegnen.

Welche konkreten Schritte würden Sie Bauherren und Planern empfehlen, um Holzbau und nachhaltige Bauweisen optimal zu nutzen?

Ich empfehle dringend, nachhaltige Bauweisen früh im Prozess in die Planungsoptionen einfließen zu lassen. Wir lassen zu viele Möglichkeiten zur Einsparung von CO₂ aus, wenn konventionell drauflos geplant wird. Dabei ist es sehr wohl möglich, über parametrische Untersuchungen aus einer enormen Vielzahl nachhaltiger Bauvarianten die ökologisch effizientesten Lösungen auszuwählen, Kosten abzuschätzen und Fördermöglichkeiten zu nutzen. Außerdem sollten alle Stellschrauben geprüft werden: Wieviel Fläche brauche ich wirklich – geht es auch kleiner? Muss ich neu bauen oder kann ich im Bestand bauen? Komme ich evtl. mit geringerem Schallschutz aus? Wie viel Technik muss verbaut werden – gibt es Low-Tech-Alternativen? So lassen sich CO₂ einsparen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Gebäude realisieren.

Wie sehen Sie die Zukunft? Wird Bauen im Bestand mit Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen in deutschen Städten zur neuen Normalität?

Holzbau ist bereits heute etabliert, insbesondere bei Aufstockungen und Sanierungen. In Bereichen wie Dämmung, Innenausbau und Oberflächen besteht jedoch noch großes Potenzial für Materialien wie Stroh, Lehm, Hanf, Gras, Wolle, Zellulose oder Kork. Mit zunehmender Standardisierung, Erfahrung und Förderung wird Holzbau im Bestand in deutschen Städten langfristig zur Norm werden.

Herr Klattenhoff, vielen Dank für das Gespräch!

(Interview: FNR)