20. April 2021

Wohnen als Integrationskraft

Stuttgart (pm) – Welche Merkmale von Wohnformen zum Gelingen von Integration beitragen, das haben Prof. Christine Hannemann und Karin Hauser vom Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie der Universität Stuttgart untersucht. Die Ergebnisse haben sie 2020 in einer Publikation veröffentlicht.

Wohnen ist mehr, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Welche Wohnkonzepte ermöglichen und fördern Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten? Und welche haben zugleich die individuellen Bedürfnisse der Zusammenwohnenden im Blick? Christine Hannemann, Professorin im Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie am Institut für Wohnen und Entwerfen (IWE) der Universität Stuttgart und Karin Hauser, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IWE, haben zusammen mit anderen Forschenden untersucht, welche Merkmale von Wohnprojekten dazu beitragen, dass die Integration von Zugewanderten gelingt. Ihre Ergebnisse haben sie 2020 in dem Buch „Zusammenhalt braucht Räume – Wohnen integriert“ veröffentlicht.

Den Autorinnen ist neben dem wissenschaftlichen Diskurs über das Thema auch eine öffentliche Diskussion wichtig. Deshalb stellen sie ihre Ergebnisse im Rahmen verschiedener Veranstaltungen vor, so zum Beispiel im Februar 2021 in einer vom Hospitalhof Stuttgart organisierten Online-Präsentation mit anschließender Diskussion, der über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefolgt waren.

„Erstaunlicherweise fehlt bisher das Wohnen bei Beschreibungen des Integrationsbegriffs“, stellt Prof. Christine Hannemann fest. Als wichtige Aspekte sozialer Integration von Zugewanderten würden meist Sprache, die (Berufs-)Ausbildung, der Arbeitsmarkt und politische Teilhabe genannt. „Doch auch Wohnen gehört dazu, da es eine Existenzgrundlage darstellt!“ Hannemann zitiert aus dem Buch ihre zentrale These: „Integration und Zusammenhalt braucht ganz konkret Wohnraum. Wohnen ist in der Einwanderungsgesellschaft von grundsätzlicher Bedeutung. Denn Wohnungs- und Städtebau sind wesentliche Schlüssel zum Gelingen von Integration in Stadt und Quartier.“

Mit diesem Ansatz hatte sich die Soziologin mit ihrem Team und dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) als Verbundpartner 2016 für eine Projektförderung beim Bundesministerium für Bildung und Forschung erfolgreich beworben. Die Bedeutung von Zusammenhalt und sozialen Problemen, wie Einsamkeit und Isolation, betreffe nicht nur Neuzugewanderte, sondern auch viele andere Gruppen, wie zum Beispiel jüngere Menschen. Dies sehe man gerade jetzt zur Zeit der Pandemie sehr deutlich, so Hannemann.

Betrachtung von sechs Fallstudien

Das Forschungsteam hat zusammengetragen, welche integrativen Wohnprojekte bundesweit schon vorhanden sind. Integratives Wohnen ist ein interkulturelles, moderiertes und freiwilliges Zusammenwohnen von verschiedenen sozialen Gruppen und Personen unterschiedlicher geografischer Herkunft. Im Fokus der Forschung stand dabei das Zusammenleben von Neuzugewanderten und Ortsansässigen. Das Team um Prof. Hannemann untersuchte 36 Wohnprojekte und wählte daraus in enger Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat des Forschungsprojekts sechs Fallstudien aus. Die Auswahl fand nach sechs sozialen und architektonischen Kriterien statt: Soziale Zusammensetzung/Bewohnerschaft, Nachbarschafts-/Quartiersbezug, zivilgesellschaftliches Engagement, architektonisches Erscheinungsbild, baulich-räumliche Typologie und städtebaulicher Kontext.

Die sechs Fallstudien haben verschiedene Träger, beispielsweise kirchliche oder städtische. Es gibt Neubauten oder alten Baubestand darunter, sowie große Gebäude für viele Bewohner*innen und kleine, zum Beispiel ein ehemaliges Pfarrhaus für zehn Bewohner (Zwei Jesuitenpatres und acht Männer unterschiedlichen Alters, Herkunft und Religion). Das Hoffnungshaus in Leonberg beispielsweise besteht sogar aus drei Gebäuden, in denen rund 40 Bewohner*innen leben, darunter Familien, Einzelpersonen, Neuzugewanderte und Ortsansässige inklusive der Hausleitung mit ihrer Familie. Hier gibt es Gemeinschaftsräume, Garten und Veranstaltungsräume, die auch der Nachbarschaft offen stehen. Die Wohnprojekte sind in den letzten Jahren ab 2015 entstanden.

Neun Gelingensfaktoren

„Wir haben Gespräche mit Bewohner*innen und Schlüsselpersonen geführt und gesehen, welche Wege die Bewohner*innen innerhalb und außerhalb der Gebäude gehen und wo spontane Begegnungen stattfinden. Wir haben die Atmosphäre vor Ort miterlebt“, berichtet Karin Hauser. „Trotz der sehr unterschiedlichen Fallstudien konnten wir Gemeinsamkeiten herausstellen“, erklärt Christine Hannemann. Als Ergebnis haben Hannemann und Hauser neun Gelingensfaktoren integrativer Wohnprojekte identifiziert.

1. Architektonische Botschaft
Bei der Fallstudie in Hamburg haben die Gebäude beispielsweise ein gleiches Erscheinungsbild. Wie bei einer Schuluniform wird dadurch ein Zugehörigkeitsgefühl geschaffen.

2. Stadträumliche Integration
Integration in den Stadtraum funktioniert nur in einer städtisch eingebundenen Wohnlage, die fußläufig erreichbare Infrastrukturen wie Einzelhandel, Bildungseinrichtungen, medizinische Versorgung, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen aufweist und gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist.

3. Baulich-räumliche Vernetzung
Ein Vorhandensein von öffentlichen, gemeinschaftlichen und privaten Flächen. Spontane, alltägliche Kontakte sind leicht möglich.

4. Interne Begegnungsmöglichkeit
Beispiel Fallstudie Abuna-Frans-Haus in Essen: Es gibt viele Gemeinschaftsräume wie Küche, Werkstatt, Sportraum, Garten und Spielplatz.

5. Privater Rückzugsraum
Private Einzelzimmer oder Wohnungen als „Schutzraum“ und Orte des Rückzugs.

6. Gesicherte Wohnperspektive
Unbefristeter Mietvertrag mit gesetzlicher Kündigungsfrist. Eine stabile Gemeinschaft kann entstehen, die Menschen können zur Ruhe kommen, sich wohlfühlen.

7. Soziale Verwaltung
Wichtig ist eine Moderation der Hausgemeinschaft, eine Steuerung des Miteinanders. Diese Aufgabe kann zum Beispiel eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter übernehmen, der auch im Gebäude wohnt.

8. Systematische Selbstbefähigung
Die Schaffung von Beteiligungsformaten zum Mitbestimmen und Einbringen, wie zum Beispiel Haustreffen.

9. Geplante Quartiersbrücken
Vernetzung ins Quartier, eine gelebte Nachbarschaft: Bewohner*innen sind Mitglied in örtlichen Vereinen, und die Nachbarschaft kommt zu verschiedenen Veranstaltungen ins Haus.

Viel positive Resonanz

In der anschließenden Diskussion fragten die Zuhörerinnen und Zuhörer unter anderem nach den Wohnkosten. Da es sich vorwiegend um geförderten Wohnraum handelt, ist die Miete niedriger als auf dem freien Wohnungsmarkt. Weitere Themen waren die Auswahl der Bewohner*innen, die meist durch ein Bewerbungsgespräch stattfindet. In diesem wird darauf eingegangen, dass ein besonderes Engagement erwartet wird (zum Beispiel die Teilnahme an Hausversammlungen, die Unterstützung beim Cafébetrieb oder ganz allgemein das Einbringen in die Gemeinschaft). Christine Hannemann und Karin Hauser sind sehr zufrieden mit der Resonanz auf die bisherigen Veranstaltungen und auf ihre Buchveröffentlichung: „Unser Wunsch ist es, dass die Ergebnisse eine möglichst breite Anwendung finden.“

Pressemitteilung: Universität Stuttgart