13. Januar 2026

Wie KI den Visualisierungs- und Designprozess in der Architektur verändert

Gastbeitrag – Eine internationale Studie des renommierten britischen Ingenieur- und Beratungsunternehmens Arup hat kürzlich deutlich gemacht, dass sich der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Architektur- und Bauwesen weltweit dynamisch entwickelt. Die Tendenz ist klar: Während viele Architekturbüros in den USA, Großbritannien oder Südkorea KI-gestützte Tools bereits im Alltag nutzen, hinkt Deutschland in der praktischen Umsetzung dieser Technologien derzeit noch hinterher.¹

Gerade für Architekten, die am Puls technologischer Entwicklungen arbeiten, lohnt sich daher ein Blick darauf, wie KI Gestaltung, Visualisierung und Entscheidungsfindung beeinflusst.

Von isolierten Tools zum kreativen Partner

Die eigentliche Transformation beginnt nicht mit spektakulären Einzelfunktionen, sondern mit einem schrittweisen Wandel: Künstliche Intelligenz entfaltet ihr Potenzial vor allem dort, wo sie als kreativer Partner verstanden wird. Statt als isoliertes Add-on verstanden zu werden, wird KI zunehmend als struktureller Bestandteil im digitalen Entwurfsalltag verankert, etwa in der frühen Konzeptphase, in der technischen Dokumentation oder bei der Material- und Szenengestaltung.

So lassen sich heute bereits erste Skizzen oder grobe 3D-Modelle innerhalb weniger Minuten in anschauliche Visualisierungen und sogar kurze Animationen überführen. Dies geschieht direkt aus gängigen Entwurfsumgebungen heraus. So eine direkte Anbindung ermöglicht einen dialogischen Entwurfsprozess, bei dem Ideen visuell erlebbar werden, noch bevor sie vollständig ausformuliert sind. Architekten können damit schneller Rückmeldungen einholen, iterieren und Entscheidungen vorbereiten, ohne aufwändig zwischen Tools oder Dateiformaten wechseln zu müssen.

Auch auf operativer Ebene verändert sich der Umgang mit wiederkehrenden Aufgaben. Was bislang manuell erledigt wurde, wie beispielsweise die Erstellung von Plänen, das Anlegen von Views oder die Platzierung von Markierungen, lässt sich zunehmend automatisieren. Der Fokus verlagert sich vom Ausführen hin zum Steuern. Gleichzeitig unterstützen KI-gestützte Werkzeuge die Entwicklung realistischer Materialien auf Basis visueller Referenzen. Vor allem in frühen Entwurfsphasen mit hohem Iterationsdruck ist das ein großer Vorteil.

In all diesen Anwendungen zeigt sich ein gemeinsames Muster: KI wirkt am stärksten dort, wo sie kreative Prozesse unterstützt, aber nicht dominiert. Sie reduziert technische Reibungspunkte, fördert gestalterische Exploration und beschleunigt Rückkopplungsschleifen – ohne die Autorschaft aus der Hand der Planenden zu nehmen.

Worin KI ihren wahren Wert entfaltet: Effizienz durch Vereinfachung

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus aktuellen Praxisanalysen: Der größte Mehrwert von KI liegt nicht unbedingt in der Beschleunigung einzelner Aufgaben, sondern darin, ganze Schritte im Workflow zu eliminieren. Designer und Architekten müssen nicht mehr zwischen mehreren Softwarelösungen wechseln oder Arbeitsschritte mehrfach wiederholen, wie früher bei der Visualisierung eines Entwurfs. Durch KI lassen sich viele dieser Übergänge nahtlos gestalten.

Bald können beispielsweise Skizzen direkt in visualisierbare Geometrien umgewandelt werden. Oder komplexe Szenen, bei denen früher jedes Detail manuell programmiert wurde, werden automatisiert vorbereitet, inklusive Materialzuweisungen, Lichtszenarien und Kameraperspektiven. Das bedeutet: weniger Aufwand für technische Handgriffe, mehr Raum für gestalterische Entscheidungen.

KI ermöglicht zudem eine neue Form der Zusammenarbeit. In Meetings mit Kundinnen kann beispielsweise eine Visualisierung live angepasst werden – egal ob Materialwechsel, Lichtstimmungen oder Wettereffekte, all diese Aspekte lassen sich mit wenigen Klicks verändern. Das fördert nicht nur die Kommunikation, sondern steigert auch das kreative Vertrauen zwischen Planungsteams und Auftraggeberinnen.

Die Rolle der Architekten im KI-Zeitalter

Trotz aller technologischen Fortschritte bleibt eines klar: Die Architekturpraxis wird nicht durch Maschinen ersetzt. Was sich verändert, ist die Rolle der Architekten im Gestaltungsprozess. KI übernimmt zwar repetitive Aufgaben, doch die inhaltliche Führung, die kritische Auswahl, die narrative Einbettung und vor allem die Verantwortung für Designentscheidungen liegen weiterhin beim Menschen.

In der Arbeit mit KI bedeutet das, sich neue Kompetenzen anzueignen. Dazu gehört zum Beispiel die Fähigkeit, Ergebnisse zu hinterfragen. Es wird also wichtiger zu erkennen, wann ein KI-generiertes Bild nur oberflächlich gut aussieht, aber konzeptionell nicht trägt. Ebenso zentral ist das Erzählen von Geschichten. Visualisierungen werden heute nicht mehr nur als „schöne Bilder“ verstanden, sondern als narrative Werkzeuge, die aus einer Vielzahl komplexer Entscheidungen entstehen und eine Haltung transportieren. Wer KI nutzt, um viele Varianten zu erzeugen, muss auch lernen, diese Varianten gezielt zu präsentieren und kontextuell einzuordnen.

Eine weitere neue Kompetenz ist „Prompting“ – also das präzise Steuern von KI-Ergebnissen über Eingaben, Parameter und Metadaten. Hier zeigt sich, dass KI zwar keine kreative Intelligenz ersetzt, aber sie verstärkt: wer weiß, was er will, kann mit KI schneller zum Ziel kommen. Wer hingegen unklar formuliert, erhält ebenso unspezifische Ergebnisse.

Herausforderungen und wie verantwortungsbewusste Büros ihnen begegnen

Wie bei jeder technologischen Umwälzung bringt der KI-Einsatz auch neue Risiken mit sich. Dazu zählen Fragen des Datenschutzes, beispielsweise, wenn sensible Projektdaten über öffentliche Modelle verarbeitet werden. Auch besteht die Gefahr der kreativen Homogenisierung, wenn viele Teams mit denselben Trainingsdaten arbeiten.

Hinzu kommt eine psychologische Komponente: KI-Ergebnisse sehen oft „perfekt“ aus, obwohl sie inhaltlich nicht tragfähig sind. Gerade unter Zeitdruck könnte es passieren, dass solche scheinbar fertigen Ergebnisse ungeprüft in Präsentationen oder Konzepte übernommen werden.

Verantwortungsvolle Büros begegnen diesen Herausforderungen mit klaren Regeln. Dazu gehören eigene Governance-Strukturen, interne Prüfprozesse, Schulungen zum KI-Einsatz und vertraglich geregelte Datenrichtlinien. Immer häufiger werden diese Standards bereits in Projektverträgen definiert, etwa durch Vorgaben zur Datenverarbeitung oder zur Auswahl der Tools. Zudem wird der Umgang mit KI und mit Daten oft zu einem wichtigen Bestandteil von Verträgen, was die Wichtigkeit der Transparenz verdeutlicht.

Ein Blick nach vorn: KI als eingebettete, kontinuierliche Assistenz

Die nächste Entwicklungsstufe der KI im Architekturbereich wird nicht aus einzelnen Tools bestehen, sondern aus vernetzten Assistenzsystemen, die den gesamten Projektzyklus begleiten. Denkbar sind KI-Modelle, die permanent mit dem Planungsmodell verbunden bleiben und automatisch auf Änderungen reagieren – etwa durch das Anpassen von Visualisierungen, das Prüfen von Bauvorschriften oder das Simulieren von Energiebilanzen.

KI wird so zum Partner, der Gestaltung mit Analyse, Visualisierung mit Compliance und Kreativität mit Präzision verbindet.

Fazit: Menschliche Kreativität bleibt zentral – KI ist der Verstärker

Die Möglichkeiten von KI in der Architektur sind ohne Frage beeindruckend – aber ihr eigentlicher Wert zeigt sich erst dann, wenn sie in die Tiefe professioneller Praxis integriert wird: als Werkzeug, das kritisches Denken, gestalterische Intelligenz und strategisches Arbeiten unterstützt, nicht ersetzt. KI ermächtigt Architekten durch Verstärkung und Erweiterung ihrer Kompetenzen. 

In einem Umfeld, das von wachsendem Zeitdruck, steigender Komplexität und immer neuen Erwartungen geprägt ist, kann KI dazu beitragen, Routineaufgaben zu entlasten, Iterationen zu beschleunigen und Visualisierungen emotional aufzuladen. Doch diese Effizienzgewinne sind nur dann produktiv, wenn sie nicht auf Kosten der Qualität, Autorenschaft oder gestalterischen Differenz gehen.

Gerade für Architekten in Deutschland ergibt sich daraus eine doppelte Chance: Wer sich heute mit den Potenzialen, aber auch den Grenzen von KI auseinandersetzt, positioniert sich sowohl technologisch, als auch gestalterisch-strategisch für die Zukunft. Die entscheidende Frage wird sein: Wie gelingt es, KI so einzusetzen, dass sie kreative Prozesse verstärkt, ohne sie zu standardisieren?

Unsere Erfahrung bei Chaos zeigt: Der Schlüssel liegt in einer menschenzentrierten KI, die Kreativität nicht ersetzt, sondern erweitert. Unsere Werkzeuge wurden bewusst so gestaltet, dass sie Gestaltern die Kontrolle über Input, Stil, Qualität und Ergebnis lassen. Sie sollen dabei helfen, Ideen klarer zu kommunizieren, Entscheidungen fundierter zu treffen und mit mehr Freiheit zu explorieren. AI that builds with you.

Zugleich sehen wir unsere Verantwortung darin, ethische und transparente Standards zu setzen: etwa durch klare Datenpraktiken, Schutz geistigen Eigentums und durch Tools, die sich in professionellen Workflows nahtlos einfügen lassen. Denn Vertrauen ist die Grundlage für gestalterische Integrität und kein technisches Feature.

Am Ende bleibt klar: KI ist kein Ersatz für architektonisches Denken, denn sie ist ein Resonanzraum dafür. Sie hilft, schneller zu entwerfen, besser zu visualisieren und mutiger zu gestalten. Aber sie braucht Menschen, die ihr Richtung geben.

Ein Gastbeitrag von Dan Ring, Head of Machine Learning bei Chaos

Dan Ring, Senior Machine-Learning-Teamleiter bei Chaos, greift auf 20 Jahre Erfahrung in fortschrittlichen Technologien zurück, um VFX-Künstler mit modernster Forschung zu unterstützen und Fortschritte im Bereich Machine Learning voranzutreiben.