Rotterdam (pm) – Steigende Energiepreise und geopolitische Instabilität verändern die Bauerwartungen in ganz Europa neu – eine Analyse der USP Marketing Consultancy.
Der europäische Bausektor ist unter wachsendem geopolitischem Druck ins Jahr 2026 gegangen. Die anhaltende Instabilität im Zusammenhang mit globalen Konflikten, Handelsunsicherheit, Volatilität auf den Energiemärkten und umfassenderen wirtschaftlichen Spannungen beeinflusst zunehmend die Sicht von Baufachkräften auf die nahe Zukunft. Laut dem neuesten Europäischen Architekturbarometer (EAB) Q1 2026 erwartet eine klare Mehrheit der europäischen Architekten, dass steigende Energiepreise und geopolitische Instabilität die Bauprojekte in den nächsten 12 Monaten negativ beeinflussen werden. Trotz dieser Unsicherheit zeigen die Daten auch etwas Bemerkenswertes: Der Sektor bleibt relativ widerstandsfähig.
Die Untersuchung, basierend auf Interviews mit Architektinnen und Architekten aus acht europäischen Märkten, zeigt, dass die Bautätigkeit weiterhin relativ widerstandsfähig ist. Die Auftragsbücher sind weitgehend stabil, die Projekte entwickeln sich weiter, und die Erwartungen für 2027 werden bereits optimistischer.
Europäische Architekturbüros rechnen mit Einfluss der Bautätigkeit durch geopolitischen Druck
Trotz leichtem Rückgang des Index-Indikators stabilisiert sich der Architekturmarkt weiter. Der Anteil von Architektinnen und Architekten, die in den kommenden zwölf Monaten leere Auftragsbücher befürchten, bleibt mit 8 Prozent niedrig (und dabei halb so groß wie im Europaschnitt).
Das aktuelle geopolitische Umfeld beeinflusst eindeutig die Stimmung im europäischen Bausektor. Steigende Energiepreise, globale Konflikte und eine breitere wirtschaftliche Unsicherheit machen Architekten zunehmend vorsichtig gegenüber den kurzfristigen Aussichten. Laut den neuesten EAB-Ergebnissen erwarten 71 Prozent der europäischen Architekten, dass geopolitische Instabilität und steigende Energiepreise die Bautätigkeit in den nächsten 12 Monaten negativ beeinflussen werden. Fast die Hälfte (49 Prozent) erwartet eine leichte Abschwächung, während weitere 22 Prozent einen stärkeren Rückgang erwarten. Diese Ergebnisse spiegeln jedoch in erster Linie die Marktstimmung wider und keine messbaren Disruptionen in den Projektpipelines.
Mehrere zugrunde liegende Bauindikatoren bleiben relativ stabil. In vielen europäischen Märkten berichten Architektinnen und Architekten weiterhin von stabilen Auftragsbüchern, während Verarbeiter- und Installationsbetriebe ebenfalls angeben, dass die Arbeitsbelastung Monate im Voraus besetzt bleibt. Darüber hinaus ist der Anteil der Architekturfirmen, die mit abgesagten oder verschobenen Projekten konfrontiert wurden, in den meisten Ländern nicht signifikant gestiegen.
Das deutet darauf hin, dass trotz geschwächtem Vertrauen viele Projekte vorerst weitergeführt werden. Die von der Architekturbranche geäußerten Bedenken beziehen sich hauptsächlich auf eine breitere wirtschaftliche Unsicherheit, darunter:
- Volatilität bei den Energiepreisen,
- Instabilität in der Lieferkette,
- steigende Finanzierungskosten,
- schwächeres Investorenvertrauen,
- geopolitische Spannungen rund um die Ukraine und den Welthandel
- und Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen Wirtschaftspolitik.
Für Bauunternehmen, Projektentwickler, Architektur- und Planerfirmen sowie Lieferanten bedeutet dies ein vorsichtigeres Investitionsumfeld und einen zunehmenden Druck auf die Machbarkeit von Projekten.
Steigende Materialkosten sind nun das größte Problem der Branche
Die EAB-Daten zeigen, dass geopolitische Instabilität vor allem durch Kostendruck spürbar ist. Die mit Abstand am häufigsten genannte Folge sind steigende Materialkosten. In ganz Europa sieht 70 Prozent der Architektenschaft höhere Materialpreise als den Hauptnegativen Effekt geopolitischer Instabilität auf den Bausektor. Dies macht die Kosteninflation zur dominierenden Herausforderung für den Markt im Jahr 2026.
Weitere häufig erwähnte Folgen sind:
- Unsicherheiten bezüglich Preisgestaltung und Budgetierung,
- verringertes Investorenvertrauen,
- verzögerte Projekte,
- abgesagte Projekte,
- Rohstoffengpässe
- und Störungen in der Lieferkette.
Was die aktuelle Situation besonders schwierig macht, ist die Unvorhersehbarkeit der Kosten. Mehrere Märkte berichten, dass die Berechnung präziser und wettbewerbsfähiger Angebote aufgrund schwankender Preise für energieintensive Materialien, Logistikkosten und anhaltender Unsicherheit im internationalen Handel immer komplizierter geworden ist.
Dieser Druck ist besonders bei Wohnneubauprojekten sichtbar, wo die Margen aufgrund von Finanzierungskosten und Erschwinglichkeitsproblemen oft bereits unter Druck stehen.
Dennoch werden Projekte weiterhin vorangetrieben
Trotz der geopolitischen Unsicherheit zeigt der europäische Baumarkt ein überraschendes Maß an Widerstandsfähigkeit. Im Gegensatz zu den Stimmungsumfragen aus der Finanzkrise oder der COVID-19-Pandemie zeigen die aktuellen EAB-Daten keinen starken Zusammenbruch der Projektkontinuität. In den meisten Ländern sind verschobene Projekte häufiger als vollständige Absagen.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Es deutet darauf hin, dass Entwickler, Investoren und öffentliche Behörden im Allgemeinen Entscheidungen verzögern, anstatt Projekte ganz aufzugeben. In vielen Märkten bleiben die langfristigen Nachfragegrundlagen intakt.
Architektinnen und Architekten in ganz Europa berichten weiterhin von relativ stabilen Bestellbüchern, und der Anteil, der mit völlig leeren Bestellbüchern rechnen muss, bleibt in den meisten Ländern begrenzt.
Mehrere strukturelle Faktoren unterstützen weiterhin die Aktivitäten:
- Europas anhaltender Wohnungsmangel,
- steigende Nachfrage nach Renovierungen,
- Nachhaltigkeits- und Energieeffizienzvorschriften,
- Investitionen in öffentliche Infrastruktur,
- und den langfristigen Übergang hin zu kohlenstoffarmen Gebäuden.
Daher ist der Marktausblick für 2026 vorsichtig – aber nicht katastrophal.
Ein relativ flaches Jahr 2026 für den europäischen Bau
Die gesamte Prognose für den europäischen Baumarkt für 2026 deutet eher auf Stagnation oder ein moderates Wachstum als auf einen großen Abschwung hin.
Die EAB-Prognosen zeigen gemischte, aber insgesamt stabile Erwartungen in ganz Europa:
- Deutschland: -0,9 Prozent
- Belgien: +0,6 Prozent
- Polen: -0,4 Prozent
- Frankreich: -0,4 Prozent
- Italien: +1,0 Prozent
- Niederlande: +2,0 Prozent Spanien: +2,5 Prozent
- Vereinigtes Königreich: +2,2 Prozent
Diese Zahlen unterstreichen die fragmentierte Natur des europäischen Marktes.
Warum 2027 bereits positiver aussieht
Während 2026 voraussichtlich herausfordernd bleiben wird, ist der Ausblick für 2027 deutlich optimistischer: Laut EAB-Prognose wird erwartet, dass alle acht europäischen Baumärkte im Jahr 2027 wieder wachsen.
Erwartetes Gesamtwachstum der Produktion für 2027:
- Belgien: +1,0 Prozent
- Frankreich: +1,0 Prozent
- Deutschland: +1,0 Prozent
- Italien: +2,0 Prozent
- Niederlande: +2,0 Prozent
- Polen: +1,0 Prozent
- Spanien: +3,0 Prozent
- Vereinigtes Königreich: +2,0 Prozent
Diese Verbesserung im Ausblick wird durch mehrere Trends gestützt, die dahinterstehen.
Erstens bleiben die nachfragefundamentalen Verhältnisse stark. Europa sieht sich weiterhin mit erheblichen strukturellen Engpässen bei Wohnraum, qualifizierter Infrastruktur und nachhaltigem Gebäudebestand konfrontiert.
Zweitens bleibt die Renovierungsaktivität in fast allen Märkten vergleichsweise stabil. Da Regierungen weiterhin Dekarbonisierungspolitiken und Energieeffizienzziele vorantreiben, wird Renovierung zunehmend zu einer stabilisierenden Kraft für die Branche.
Drittens bleiben Orderbücher in der gesamten Wertschöpfungskette angesichts des geopolitischen Hintergrunds gesünder als viele erwartet hatten.
Schließlich wächst die Markterwartung, dass, sobald sich geopolitische Spannungen und Energievolatilität stabilisieren, aufgeschobene Investitionen und verzögerte Projekte allmählich wieder auf den Markt zurückkehren werden.
Unser Fazit
Der europäische Bausektor tritt in eine Phase ein, die von Unsicherheit geprägt ist – aber auch von Resilienz.
Geopolitische Instabilität, steigende Energiepreise und Kosteninflation verlangsamen eindeutig die Entscheidungsfindung und erhöhen den Druck auf dem Markt. Doch die zugrundeliegende Nachfrage nach Wohnraum, Renovierung, Infrastruktur und nachhaltigen Gebäuden ist nicht verschwunden. Tatsächlich werden viele dieser langfristigen Herausforderungen immer dringlicher.
Die neuesten Ergebnisse des EAB deuten darauf hin, dass sich die Branche anpasst und nicht zurückzieht. Projekte werden häufiger verzögert als gestrichen, Bestellbücher bleiben relativ stabil, und das Vertrauen für 2027 verbessert sich bereits in allen befragten Ländern.
Die Botschaft des Marktes ist daher nuanciert: Die europäische Bauindustrie wird kurzfristig kaum geopolitischen Turbulenzen entkommen, scheint aber auch deutlich besser gerüstet, Unsicherheit zu bewältigen als während früherer Krisen.
USP Architekturbarometer (EAB)
Das internationale Architekturbarometer der Rotterdamer USP-Gruppe wird seit 2009 alle vier Monate unter mittlerweile über 1.000 telefonisch befragten Architekturunternehmen erhoben, davon 125 in Deutschland. Das USP Architektenbarometer ist ein zentraler Bestandteil der vierteljährlichen Monitorerhebung unter Architekturbüros in Europa, um die Konjunktur und zentrale Trends zu erheben.
Die aktuelle Ausgabe deckt Ergebnisse zu den Architketurtrends in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien, Belgien, Polen, Schweden und Dänemark ab und erhebt neben der Architekturkonjunktur die Baustoffwahl-Entscheidungsstrukturen in der Baubranche und welche Rolle Architekturbüros 2026 dabei spielen.
Quelle: BauInfoConsult