Gastbeitrag – Ein Großteil der deutschen Brücken ist stark sanierungsbedürftig. Dennoch beschäftigen wir uns im Brückenbestand noch zu oft mit Schadensverwaltung, während im Hochbau bereits intensiv über Kreislaufwirtschaft und ressourcenschonendes Bauen diskutiert wird. Dabei ist die zentrale Frage dieselbe: Wie lässt sich vorhandene Substanz erhalten, weiterentwickeln und an neue Anforderungen anpassen?
So stammen viele Brücken in Deutschland aus den 1960er- bis 1980er-Jahren und wurden für geringere Frequentierung, weniger Beanspruchung und andere technische Rahmenbedingungen geplant. Heute tragen sie deutlich mehr Verkehr und müssen gleichzeitig Anforderungen an Nachhaltigkeit, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllen. Das zeigt: Nicht einzelne Bauwerke sind das Problem, sondern der fehlende strategische Umgang mit dem Gesamtbestand.
Es geht auch nicht primär darum, ob eine Brücke saniert oder ersetzt werden muss. Entscheidend ist, welche Lösung über den gesamten Lebenszyklus den größten Nutzen stiftet. Nicht jeder Schaden rechtfertigt einen Neubau. Häufig können gezielte Verstärkungen, Instandsetzungen oder Teilmodernisierungen die Nutzungsdauer deutlich verlängern. Das spart Ressourcen und CO₂-Emissionen, schont öffentliche Haushalte und reduziert Eingriffe in den fließenden Verkehr.
Dafür braucht es belastbare Entscheidungsgrundlagen. Baujahr, Konstruktion, Zustand, Nutzung und Restnutzungsdauer müssen systematisch erfasst und bewertet werden. Erst dann entsteht Transparenz darüber, wo Handlungsbedarf besteht und welche Maßnahmen priorisiert werden sollten. Ein Beispiel liefert die Stadt Nürnberg, die ihren Bestand von rund 300 Brücken strategisch analysieren ließ. Solche Portfoliobetrachtungen helfen, Investitionen gezielt einzusetzen und knappe Ressourcen wirksam zu steuern.
Für ein wirksames Erhaltungsmanagement ist es wichtig, ähnliche Schäden in Clustern zu bündeln, Erhaltungsmaßnahmen mithilfe belastbarer Prognosen zeitlich einzuordnen und die verkehrliche Bedeutung der jeweiligen Bauwerke zu berücksichtigen.
Ebenso entscheidend – und in der Praxis anspruchsvoller – sind die Planung und die Bereitstellung erforderlicher Ressourcen. Erst die systematische Analyse des Ressourcenbedarfs für den Abbau bestehender Erhaltungsrückstände und die laufende Instandhaltung ermöglicht ein strategisches und lebenszyklusorientiertes Erhaltungsmanagement. Dabei gilt es, die Nutzungsdauer der einzelnen Brücken möglichst vollständig auszuschöpfen.
Auf dieser Grundlage werden Erhaltungsaufgaben langfristig planbar, transparent und priorisierbar. Gleichzeitig erhalten Kommunen und Straßenbaulastträger erstmals ein belastbares Bild über den tatsächlichen Umfang der anstehenden Erhaltungsaufgaben sowie den damit verbundenen Ressourcen- und Finanzierungsbedarf. Die Sperrung der Rahmede-Talbrücke hat gezeigt, welche Folgen der Ausfall kritischer Infrastruktur für eine ganze Region haben kann. Sie hat aber auch verdeutlicht, welches Potenzial entsteht, wenn Planung, Genehmigung und Umsetzung frühzeitig integriert werden. Diese Erkenntnis sollte nicht nur für Neubauten, sondern vor allem für den strategischen Erhalt bestehender Bauwerke genutzt werden.
Kurzum: Deutschlands Brücken benötigen weniger Schadensverwaltung, sondern mehr Zukunftsplanung. Wer Infrastruktur als wertvollen Bestand versteht, sichert nicht nur Verkehrswege. Er schafft auch die Grundlage für resiliente Städte und leistungsfähige Wirtschaftsstandorte. Die nachhaltigste Brücke ist deshalb oft nicht die neue – sondern diejenige, deren Potenzial rechtzeitig erkannt wurde.

Autor: Dr. Christian Ganz, Experte für Brückenerhaltungsmanagement bei Drees & Sommer