5. August 2021

Interview mit Prof. Dr. Dr. Peter Löw: Baudenkmäler bewahren die Geschichte vieler Generationen

Prof. Löw (c) privat

Professor Löw, Sie sind siebenfacher Familienvater und Ehemann, promovierter Jurist, promovierter Historiker, INSEAD-MBA sowie Honorarprofessor für Wirtschaftsphilosophie und erfolgreicher Unternehmer.

Sie haben eine private Initiative „The European Heritage Project“ gegründet, die der Erhaltung des kulturellen und architektonischen Erbes in Europa dient. „The European Heritage Project“ kauft historische Gebäude und rettet sie vor dem Verfall. Darunter ist ein Bergbauerhof in Tirol, ein Weingut in Südafrika, mehrere Schlösser, Klöster und sogar zwei Palazzi am Canal Grande. Ihre neueste Errungenschaft ist ein Anwesen am Ufer des Gardasees, eine der ältesten Limonaien.

 

 

Architekturblatt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Initiative „The European Heritage Project“ ins Leben zu rufen?

Prof. Löw: Sie wissen, wie es um die Infrastruktur in Europa bestellt ist. Brücken bröckeln, Straßen sind marode, das Eisenbahnnetz ist ein Sanierungsfall, von der Internetanbindung ganz zu schweigen. Wir schaffen es also nicht einmal unsere lebensnotwendigen Strukturen zu erhalten. Da wird das kulturelle Erbe schnell vergessen. Auf den Staat kann man hier jedenfalls nicht bauen und deshalb braucht es diese privaten Initiativen, ohne die immer mehr Baudenkmäler zu Schuttbergen werden. Und ist erst einmal ein Denkmal verschwunden, verschwindet auch ein Teil unserer Geschichte. Diesem Trend muss man sich entgegenstellen.

 

Architekturblatt: Sie haben als Schüler bei einem Restaurator gelernt und gearbeitet. Was waren Ihre Aufgaben? War diese Erfahrung ein Beweggrund, sich für das kulturelle Bauerbe zu engagieren?

Prof. Löw: Ich war natürlich nur Hilfskraft. Aber der Restaurator hatte mir auch etwas zugetraut. So durfte ich die Firnis von den vergilbten Bildern abnehmen, Schellackpolituren auftragen oder gefasste Schnitzereien mit Pinsel, Achat und echtem Blattgold vergolden. Zu sehen, mit welcher Detailgenauigkeit, mit welcher Hingabe und Handwerkskunst die Schaffenden früherer Zeiten ihre Werke vollbrachten, hat sicherlich meinen Respekt für ihr Kunsthandwerk gefördert. Und diese Kunstfertigkeit, die wir heute selbst gar nicht mehr anwenden, findet sich genauso in den Baudenkmälern wieder.

 

Architekturblatt: Zu den Anfängen ihrer unternehmerischen Tätigkeit schreiben Sie in ihrer Autobiografie „Flusenflug“ zu ihrem sogenannten sechsten Abenteuer: „Aber Bauentwickler, das beschloss ich für mich, wollte ich auf keinen Fall werden. Sich nur mit toten Steinen und ansonsten mit diversen Behörden herumzuschlagen, das war nicht meine Welt.“ [1] Was hat sich geändert?

Prof. Löw: Sie haben sehr genau gelesen. Jedenfalls sehe ich mich immer noch nicht als Bauentwickler, also als jemand der etwas umgestalten will. Mein Ansatz ist der, dass ich bei einem vor dem Verfall stehenden Baudenkmal die Idee des ursprünglichen Bauherren und seines Baumeisters wieder zur Geltung bringen will. Ein wesentlicher Teil unserer Projekte zielt daher nicht alleine auf den Erhalt des Bestehenden, sondern auch auf den Rückbau späterer Zutaten, die den Blick auf das Ursprüngliche verfälschen, ab. Die Steine der Baudenkmäler sind auch nicht tot, sondern transportieren die Geschichte vieler Generationen. Und um diese Geschichten nicht zu vergessen bin auch bereit mich mit Behörden herumzuschlagen. Das hat sich geändert.

 

Architekturblatt: Suchen Sie die Projekte oder finden die Projekte Sie?

Prof. Löw: Das ist durchaus unterschiedlich. Doch in letzter Zeit häufen sich tatsächlich die Fälle, wo wir sogar von öffentlichen Stellen angeschrieben werden, ob wir uns nicht diesem oder jenem Denkmal annehmen möchten. Denn im Grunde ist das, was wir machen ja die Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe.

 

Architekturblatt: Auf Ihrer Internetseite[2] ist eine systematische Vorgehensweise beschrieben, wie Sie ein Projekt entwickeln. Gibt es darüber hinaus ein Geheimrezept, damit die Projekte erfolgreich werden?

Prof. Löw: Die Sanierung eines Baudenkmals ist eigentlich nicht vergleichbar mit den Arbeiten im gemeinen Baugewerbe. Es bedarf doch eines hohen Maßes an Fachkenntnissen über alte Bautechniken, verwendeter Materialien, über den Zweck mancher Einrichtungen und darüber, wie dies alles in Einklang mit den Anforderungen der modernen Welt, wie Brandschutz, Barrierefreiheit, Energieeffizienz usw.  gebracht werden kann, ohne das Denkmal in seinem Wesen und seiner Substanz zu verändern. Dazu bedarf es entsprechender Know-How-Träger, also Mitarbeiter, die aus eigener Erfahrung wissen, wie man ein Kreuzgewölbe stabilisiert, wie und womit Steinmauern verpresst werden oder wie ein Maßwerk verfestigt werden kann. Das heißt, wir arbeiten überwiegend mit eigenen Mitarbeitern, die bereits mit uns auf zahlreichen Baudenkmälern zuvor gearbeitet haben. Ich glaube dieser erworbene Wissensschatz macht einen Unterschied.

 

Architekturblatt: Erzählen Sie uns die Geschichte zu dem Gebäude, das Ihnen besonders am Herzen liegt.

Prof. Löw: Ich glaube Schloss Hofhegnenberg könnte ein solcher Fall sein. Als wir die Anlage aus dem frühen 16. Jahrhundert erwarben, stand das Schloss vor dem Verfall. Der Baron hatte das Erbe seiner Vorfahren im Glücksspiel verloren und war seit Jahrzehnten nicht mehr in der Lage gewesen notwendigste Sanierungen vorzunehmen. Im Wirtschaftshof waren bereits zwei Gebäude eingestürzt. Im Hauptschloss standen im Speicher überall Schüsseln, die das eindringende Regenwasser auffangen sollten. Das Finanzamt hatte die Zwangsvollstreckung bereits angekündigt. Da traf ich das alte Eigentümerehepaar im Winter auf dem Schloss. Ich wurde freundlich in den Wohnsaal geführt, wo beide in Daunenmänteln saßen. Es war auch hier gefühlt minus 2 Grad kalt und die Atemnebel kamen aus unseren Mündern. Warum wir nicht in einen geheizten Saal gingen, fragte ich noch naiv. „Wir heizen nicht! Deshalb kriegen wir auch keine Grippe“, war die Antwort. So lebten die beiden Herrschaften also tagein tagaus in einem bitterkalten Schloss. Nach dem Erwerb wusste ich auch warum: es gab gar keine Heizungen mehr. Selbst die alten Kamine waren versottet und undicht.

 

Schloss Hofhegnenberg (c) Bild links: The European Heritage Project , Bild rechts: Vadim Photo

 

Nach einer zweieinhalbjährigen Sanierung erstrahlte das Schloss wieder im alten Glanz. Zahlreiche Veranstaltungen locken die Öffentlichkeit in die alten Mauern. Und auf dem jährlich jetzt im Schlosshof stattfindenden Weihnachtsmarkt kommen die Dorfbewohner ganz zutraulich zu uns. „Des is so schee geworde“. Da kann man nur zufrieden sein.

 

Schloss Hofhegnenberg (c) Bild links: The European Heritage Project , Bild rechts: Vadim Photo

 

Architekturblatt: Welches Bauwerk hat Sie am meisten herausgefordert?

Prof. Löw: Eine besondere Herausforderung ist das Projekt Lauffen an der Traun. Denn hier geht es nicht nur um die Sanierung eines Einzeldenkmals, sondern gleich um die Revitalisierung eines ganzen Ortskerns. Lauffen war im Mittelalter wirtschaftliches Zentrum des Salzkammergutes. Vor allem im 16. Jahrhundert entstanden hier zahlreiche herrschaftliche Stadthäuser der wohlhabenden Salzfertiger. Heute ist Lauffen ein eher heruntergekommenes Dörfchen mit zahlreichen ruinösen Baudenkmälern. Hier hat das European Heritage Project gleich 4 bedeutende Baudenkmäler erwerben können, in desolatem Zustand natürlich.

Ziel des Projektes ist es nicht nur diese Baudenkmäler zu erhalten und zu sanieren, sondern gleichzeitig den gesamten Ortskern zu revitalisieren. So soll wieder eine Gaststätte einziehen, endlich wieder eine Bäckerei tätig werden und wir planen sogar noch ein Krippenmuseum zu eröffnen. Alles in unseren Baudenkmälern. Das ist sicherlich eine besondere Herausforderung.

 

Lauffen (c) The European Heritage Project

 

Lauffen (c) The European Heritage Project

 

Architekturblatt: Wie lautet Ihr Wahlspruch?

Prof. Löw: „Vor nichts nimm dich bei Tag und Nacht als vor dir selber dich in Acht.“ Erst den Fehler bei sich selbst suchen. Dort wird man in den meisten Fällen auch fündig.

 

Architekturblatt: Vielen Dank für das Interview.

 

[1] Peter Maria Löw: Flusenflug. Die Bekenntnisse eines Firmenjägers, Hamburg 2020, S.76.

[2]www.europeanheritageproject.com