25. Juli 2024

Studie zur Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit


Aschaffenburg (pm) – Viele Immobilienunternehmen bleiben in der digitalen Transformation weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurück. Das belegt die aktuelle Studie „Transform to Succeed“ des Instituts für Immobilienwirtschaft und -management (IIWM) der Technischen Hochschule Aschaffenburg und des auf Bau und Immobilien spezialisierten Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE. Grundlage war eine Befragung von insgesamt 155 Führungs- und Fachkräften der Branche.

Das zentrale Ergebnis der Studie der Technischen Hochschule Aschaffenburg und des Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE zum digitalem Reifegrad von Immobilienunternehmen: In der Immobilienwirtschaft gibt es besonders auf Führungsebene in vielen Unternehmen eine Verzerrung zwischen der eigenen Einschätzung des digitalen Reifegrads und inwieweit digitale Anwendungen im Bereich Datenmanagement, Datenanalyse oder Prozessautomatisierung tatsächlich zum Einsatz kommen. In Sachen Digitalisierung halten zudem jüngere Fachkräfte ihre Unternehmen für deutlich weniger fortgeschritten als ältere Teilnehmende mit Führungsposition.

Noch ist die Zurückhaltung bei der Integration von Künstlicher Intelligenz, Internet der Dinge (IoT), Blockchain und Augmented Realitiy in der Immobilienwirtschaft hoch: 60 Prozent der für die Studie Befragten verzichten bislang ganz auf diese Technologien. Gerade einmal ein Viertel nutzt im Unternehmensalltag Verfahren wie Predictive Analytics und damit digitale Verfahren, um Muster in großen Datenmengen zu identifizieren und zukünftige Ergebnisse vorherzusagen. Business-Intelligence-Tools kommen nur bei einem Drittel zur Anwendung. Bei 39 Prozent fehlen messbare Ziele für die digitale Transformation völlig. Eine klar formulierte und kommunizierte Digitalstrategie des Arbeitgebers ist sogar mindestens der Hälfte der Teilnehmenden unbekannt. Für mehr als jedes zweite Unternehmen ist außerdem unüblich, mit Startups der Branche, sogenannten Proptechs, zusammenzuarbeiten. Im starken Kontrast zu diesen Ergebnissen stehen die hohen Zustimmungswerte zu folgenden Aussagen: 64 Prozent sehen sich von der Unternehmenskultur zu lebenslangem Lernen ermutigt. 55 Prozent schätzen die optimale Unterstützung durch ihre IT-Infrastruktur. Für knapp die Hälfte stehen die digitalen Fähigkeiten der Mitarbeitenden außer Frage.

Digitalisierungs-Gap: Studie zeigt Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit

Ein Großteil der Ergebnisse überrascht Dr. Chris Richter nicht, der als Associate Partner beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE den Bereich Digital Services verantwortet. „Unternehmen spüren einen starken digitalen Veränderungsdruck. Wie weit die digitale Transformation aber faktisch schon im Unternehmen vorangeschritten ist – insbesondere hinsichtlich der Effizienz- und Umsatzwachstumsziele, gerade hier liefert uns die Studie anhand eines fundiert entwickelten Reifegradmodells wichtige Anhaltspunkte“, erklärt Richter, der mit Prof. Dr. Verena Rock, Professorin und Studiengangleiterin Digitales Immobilienmanagement an der Technischen Hochschule Aschaffenburg, die Studie konzipierte.
Prof. Dr. Verena Rock zufolge sprechen viele Teilnehmende zwar gerne von Innovationen, Ökosystemen und einer hohen Diversifikation der Geschäftsmodelle. Doch bei genauerem Nachhaken zeige sich: „Was die technologische Infrastruktur, Datenanalyse und Datenmanagement sowie Prozessdigitalisierung und -automatisierung angeht, sind bislang nur wenige Unternehmen der Immobilienbranche sehr gut aufgestellt“, so die Immobilienexpertin.

Reifegrad im Mittelfeld: Digitales Reifegradmodell zeigt Handlungsfelder auf

Gemeinsam für die Studie entwickelten Prof. Dr. Verena Rock und ein Drees & Sommer-Projektteam ein digitales Reifegradmodell und werteten dieses aus. Das Modell gibt anhand der drei Dimensionen Strategie, Digitalisierung und Transformation Aufschluss darüber, wie weit die digitale Transformation in den verschiedenen Bereichen eines Unternehmens schon vorangeschritten ist. Als Grundlage diente eine quantitative Befragung von 155 Fach- und Führungskräften aus der Immobilienwirtschaft. Zu je etwa einem Drittel sind die Befragten der Geschäftsführungs-, Team- und Bereichsleiter- oder Fachexpertenebene zugehörig mit einer ausgewogen verteilten Altersstruktur. Die Teilnehmenden verteilen sich breit über die Wertschöpfungsstufen der Bau- und Immobilienwirtschaft. Hinsichtlich der Unternehmensgröße sind kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern mit 35 Prozent am häufigsten vertreten.
Insgesamt erreicht die Branche ein Reifegrad-Scoring von 3,37 aus 5 möglichen Punkten. Einzeln aufgegliedert weist dabei die Kategorie Transformation mit einem Score von 4,44 einen vergleichsweise hohen Wert auf, die Bereiche Strategie (3,0) und Digitalisierung (2,67) landen hingegen nur im Mittelfeld. Insbesondere im Detailfaktor Datenmanagement und -analyse, aber auch bei der Entwicklung digitaler Innovationen und neuer Geschäftsmodelle zeigt das Scoring Nachholbedarf bei vielen Unternehmen auf.

Führungskräfte mit Tendenz zur Selbsttäuschung

„In den befragten Teilgruppen ergeben sich interessante Unterschiede. So bescheinigen ältere Mitarbeitende und Führungskräfte ihren Unternehmen im Schnitt einen deutlich höheren Reifegrad als es jüngere Mitarbeitende und Fachkräfte tun“, erläutert Prof. Dr. Verena Rock. Das lege nahe, dass Führungskräfte, die tendenziell auch älter seinen, den Stand der Digitalisierung in ihren Unternehmen überschätzten – möglicherweise im Glauben daran, dass Thema strategisch bereits gut aufgegriffen zu haben. Gleichzeitig sind Führungskräfte durchaus selbstkritisch: Sie hinterfragen die eigene Rolle und geben mangelndes Digital Leadership, falsche Priorisierung im Management und fehlendes Commitment der Führungsetage als wichtigste Gründe für die stockende Digitalisierung an.

Vielfältige Hindernisse für die Digitalisierung

Vor die Frage gestellt, warum es darüber hinaus nicht vorangeht, nennen die Befragten vor allem Mentalitäts- und Kulturfragen: Für rund ein Viertel sind diese der entscheidende Grund, der die digitale Entwicklung behindert. Jeder Fünfte stellt eine generelle Widerstandshaltung gegenüber Veränderungen im Unternehmen fest. Aber auch organisatorische und strategische Hindernisse (18 Prozent) sowie technologische und prozessuale Barrieren (14 Prozent) stehen dem digitalen Wandel im Weg.
Entmutigen lassen sollten sich die Immobilienunternehmen von diesen Hürden allerdings nicht – denn mit einer gut durchdachten Strategie lassen sich die geeigneten Digitalisierungsbausteine finden. Das bestätigt Steffen Helbig, Geschäftsführer der kommunalen WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH: „Gemeinsam mit dem Digital-Services-Team von Drees & Sommer entwickelten wir eine passgenaue Digitalisierungsstrategie, die unser bestehendes Leistungsangebot optimal erweitert. Die Strategie setzt einerseits auf Experimentierfreude bei neuen Technologien und die schnelle Umsetzung von Pilotprojekten, zum Beispiel vom KI-gesteuerten Chatbot über virtuelle 3D-Planungstische und andererseits zum Beispiel auf die Digitalisierung der Kernprozesse und die Evaluation des ERP-Systems. Jedes dieser Projekte schafft unmittelbar einen klaren Mehrwert – und gleichzeitig behalten wir neben solcher Quick Wins die langfristigen Ziele im Blick.“

Digitalisierungsstrategie als Grundlage des Unternehmenserfolgs

Für Dr. Chris Richter ist das die wesentliche Grundlage des Erfolgs: „Digitalisierungsstrategien dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Richtig eingesetzt bilden Digitalisierungsbausteine beispielsweise die Grundlage für erfolgreiche ESG-Maßnahmen oder senken die Kosten in den eigenen Prozessen. Langfristig gedacht bedeutet das mehr Wettbewerbsfähigkeit und damit eine wichtige Investition in die Zukunft eines Unternehmens.“ Gleichzeitig warnt Richter vor wahllosen Investitionen: „Der Grundsatz `Viel hilft viel´ ist bei der Digitalisierung kein guter Ratgeber. Hier gibt es keine allgemeingültige Blaupause. Was notwendig ist und für das eigene Geschäftsfeld Sinn macht, muss jedes Unternehmen in Hinblick auf Wachstums- und Effizienzziele analysieren.“ Richter rät gerade jetzt dazu, sich mit dem Thema zu befassen: „Mitten in der Marktkrise ist Digitalisierung eines der wichtigsten Transformationsthemen. Sie beeinflusst die Attraktivität als Arbeitgeber, die Innovationsfähigkeit der Geschäftsmodelle und damit auch die Zukunftssicherheit.“

Das Reifegradmodell

Das Reifegradmodell wurde u.a. auf Basis der „Integralen Landkarte“ des imu Augsburg und dem Bitkom-Reifegradmodell Digitale Geschäftsprozesse iterativ entwickelt und für diese Studie an die Besonderheiten der Digitalen Transformation von Bau- und Immobilienunternehmen angepasst.
Bei der Ermittlung des Reifegrads konzentriert sich die Studie auf drei Dimensionen, die jeweils mehrere Faktoren umfassen. Im ersten Bereich geht es um den Schlüsselfaktor Strategie. Kernfragen sind beispielsweise, inwieweit ein Unternehmen klar formulierte und messbare Digitalisierungsziele hat, inwieweit es Raum für Innovationen und neue Geschäftsmodelle gibt und wie es um die Zusammenarbeit mit Ökosystem-Partnern bestellt ist. Im zweiten Bereich sollten die Befragten Angaben zum Stand der digitalen Transformation im Unternehmen machen. Dazu gehören etwa kulturelle Faktoren, Mitarbeiterkompetenzen und Change Management. Der dritte Schwerpunkt liegt auf der technischen Digitalisierung, also auf der technologischen Infrastruktur, der Datenanalyse und dem Datenmanagement sowie auf Prozessdigitalisierung und -automatisierung.

Quelle: Technische Hochschule Aschaffenburg