23. Oktober 2020

Sto-Stiftung fördert DesignBuild Projekte im Architekturstudium: „Eine Dienstleistung an der Gesellschaft“

Im Frühjahr 2019 baute ein internationales Team ein Zentrum für Kultur und Ökologie in der mexikanischen Gemeinde Santa Catarina Quiané/Oaxaca. Mit dabei waren auch Ursula Hartig und Studierende der Architektur und des Bauingenieurwesens der Hochschule München. Gefördert wurde das Projekt unter anderem im Rahmen einer Summerschool der gemeinnützigen Sto-Stiftung. Das Foto zeigt eines der Gebäude nach dem Richtfest. Foto: Quiané DesignBuild Mexico

Essen (pm)  -Prof. Dipl.-Ing. Ursula Hartig hat Architektur an der TU Berlin studiert und gelehrt. Sie ist Mitbegründerin des „European DesignBuild Knowledge Network“. Von März 2017 bis September 2020 lehrte sie als Professorin für Planen und Bauen im globalen Kontext an der Hochschule München. Der Schwerpunkt hier: ebenfalls DesignBuild. Im Interview bezieht sie Stellung für die Lehrmethode als einen wichtigen Teil des Architekturstudiums.

Prof. Dipl.-Ing. Ursula Hartig ist Mitbegründerin des „European DesignBuild Knowledge Network“. Von März 2017 bis September 2020 lehrte sie DesignBuild als Professorin für Planen und Bauen im globalen Kontext an der Hochschule München. Sie ist Verfechterin der Lehrmethode. Dafür spreche die berufliche und persönliche Entwicklung der Studierenden im Prozess eines DesignBuild Projektes. Foto: David Curdija

Frau Hartig, DesignBuild wird an deutschen Universitäten immer beliebter, auch wenn die Lehrmethode nicht ganz unumstritten ist. Kritiker sprechen gar von Neokolonialismus, weil die meisten Projekte in Entwicklungsländern entstehen. Was ist es für Sie?

DesignBuild ist sinnhaft. Es bietet Studierenden eine direkte Auseinandersetzung mit dem Kontext, mit dem sie sich über eine gewisse Zeit intensiv beschäftigen. Es zeigt Architektur in einem anderen Licht – als Dienstleistung an der Gesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Im DesignBuild schaffen Studierende mittels ihrer Projekte Architektur für die Gesellschaft. Für mich ist es auch eine Art Weichenstellung im Bezug darauf, wie der Beruf begriffen wird. Das Erstellen von Architektur nicht nur als Gestaltung oder Technik zu sehen, sondern auch als Kunst. Architektur auch seine Wirkung auf Menschen und die Gesellschaft zu beachten.

Was bedeutet das hinsichtlich der Ausbildung?

Das Architekturstudium an Unis und Hochschulen richtet sich hauptsächlich an den einzelnen Studierenden, an das Individuum. Theorie steht im Vordergrund. Es gibt ihnen wenig Möglichkeiten, sich der Realität zu stellen. An diese Stelle tritt DesignBuild. Es bietet die Möglichkeit, in einem Team an einem realen Projekt vor Ort zu arbeiten und sich dabei seiner eigenen Stärken und Schwächen als angehender Architekt bzw. Architektin bewusst zu werden. Deshalb ist DesignBuild so wichtig für die Ausbildung und bei Studierenden so beliebt.

Sie waren zuletzt in Mexiko. Können Sie sagen, welche Erfahrungen Studierende bei den Projekten konkret machen? Was schildern sie Ihnen?

Sie erleben alles sehr direkt. Der Prozess des Architekturerstellens rückt in den Vordergrund, wird real ausgeübt. Das Projekt steht im Zusammenspiel mit anderen Beteiligten wie den Gemeinden, Behörden, Handwerkern und Menschen vor Ort. Die Studierenden lernen, dass ihre Arbeit nur ein Teil des Prozesses ist. Das ist meiner Ansicht nach elementar für deren weitere berufliche Entwicklung und ihr Verständnis von Architektur.

Warum?

Weil DesignBuild ihnen eben zeigt, dass sie mit ihrem Entwurf nur einen Teil abdecken. Sie lernen, Schritt für Schritt zusammen mit anderen von der ersten Skizze bis zur letzten Schraube zu denken und zu planen. Sie müssen ihren beruflichen Alltag strukturieren, erlernen Zeitmanagement, Kostenmanagement, Führungskompetenzen, das Arbeiten im Team. Hinzu kommt der Respekt vor dem Handwerk. All diese Punkte, sind den Studierenden bekannt, allerdings nur in Theorie. Die praktischen Erfahrungen führen bei vielen zu einer starken Persönlichkeitsentwicklung. Sie kommen von solch einem Projekt als andere Menschen zurück.

Und wie geht es den Einheimischen? Wie reagieren diese auf die Hilfe aus dem fernen Europa?

Absolut positiv. Aber wir verstehen unsere Projekte nicht als Hilfsprojekte. Die Menschen freuen sich, dass wir kommen, so wie wir uns freuen, zu ihnen zu fahren. Sie wollen uns kennenlernen und mit uns zusammen ein Projekt realisieren, das sie dringend benötigen, aber nicht in der Lage wären, zu bauen oder zu finanzieren. Sie lassen uns an ihrem Leben teilhaben. Somit ist es auch für sie eine sehr intensive Zeit.

Woher wissen Sie, wo welcher Bedarf herrscht und wo Sie das nächste Projekt angehen können?

Wir arbeiten mit lokalen NGOs zusammen, die in den jeweiligen Ländern sehr gut vernetzt sind. Ihre Mitarbeiter kennen die Menschen und Gegebenheiten und wissen, wo und was konkret benötigt wird. Sie wenden sich an uns und fragen, ob wir helfen können. Es sind also nicht wir, die hingehen und den Menschen sagen, was sie brauchen. Es ist umgekehrt. Das wird von Kritikern des DesignBuild oft falsch dargestellt. Eine Richtigstellung ist mir an dieser Stelle wichtig. Man sollte DesignBuild nicht mit falsch verstandener Entwicklungshilfe verwechseln.

Pressemitteilung: Sto-Stiftung