Stefan Sauer beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Verbindung von Architektur, Visualisierung und digitalen Technologien. Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums im Jahr 2000 konzentrierte er sich auf die Architekturvisualisierung und gründete 2004 ein eigenes Visualisierungsunternehmen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen setzte er sich dort intensiv mit Visualisierungen, Echtzeitgrafiken und Webtechnologien auseinander.
Seit 2015 ist Sauer auch in der Lehre tätig. Im damals neu gegründeten Studiengang Geovisualisierung an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) konnte er seine fachlichen Schwerpunkte in den Bereichen Visualisierung, CAD, Fotografie sowie Scripting im Web- und Echtzeitvisualisierungsumfeld vermitteln und weiter vertiefen. Seit 2019 arbeitet er als Fachlehrer an der THWS.
Kennzeichnend für seine Arbeit ist die Entwicklung immer neuer Themen- und Anwendungsfelder. Das Spektrum reicht dabei von Architektur und Stadtplanung bis hin zur Visualisierung der Tiefsee.
Im Gespräch mit dem Architekturblatt erläutert Stefan Sauer, wie Geovisualisierung den Blick auf Architektur und Stadtplanung erweitert, welche Rolle Virtual und Augmented Reality künftig spielen könnten und wie Künstliche Intelligenz den Entwurfs- und Visualisierungsprozess verändert.

Sie sind Architekt und arbeiten seit mehr als 20 Jahren in der 3D-Visualisierung. Was kann Geovisualisierung heute leisten, was klassische Architekturvisualisierung nicht kann?
Stefan Sauer: Für viele Visualisierungsbüros steht das Bild im Vordergrund. Das ist auch absolut richtig so, denn vornehmlich ist die Visualisierung zuerst eine bildhafte Darstellung, ob als Grafik, Animationsfilm oder Echtzeit-Präsentation.
Die Geovisualisierung stellt darüber hinaus jedoch den Geobezug her. Das bedeutet, dass die Grundlagen jeder Visualisierung Daten mit realem Raumbezug sind. Dies gewährleistet eine durchgehend maßhaltige Präzision der Darstellungen und eine jederzeit nachvollziehbare Projektstruktur.
Wie verändert sich der Entwurfsprozess, wenn ein Gebäude nicht mehr isoliert, sondern von Anfang an in seinem realen digitalen Umfeld geplant wird?
Stefan Sauer: Gerade in aktuellen Themen wie dem notwendigen Umbau unserer Innenstädte, Klima- und Raumplanung kann und soll die Geovisualisierung einen wichtigen Beitrag leisten. Geovisualisierer*innen sind nach ihrem Studium in der Lage, nicht nur korrekte räumliche Daten, sondern auch Klima-, Nutzungs- und Strukturdaten zu finden, zu laden und zu verarbeiten.
Daraus resultiert ein tieferes Verständnis für den Kontext, in dem eine Planung entsteht. Im Vordergrund muss immer eine höhere Qualität stehen, wobei Qualität nicht immer nur die bauliche, sondern bereits von Beginn an die grundlegend planerische Ebene meint.
Wird Virtual Reality der nächste logische Schritt der Architekturvisualisierung oder bleibt sie eine Spezialanwendung? Und könnte Augmented Reality langfristig sogar wichtiger werden?
Stefan Sauer: Virtual-Reality hat seit ihrer Geburtsstunde durch Ivan Sutherland 1968 schon viele Höhen und Tiefen durchlebt. So wurde VR nach den ersten Wellen der 90er oft voreilig abgeschrieben, totzukriegen war die Technologie jedoch nie! Gerade in Forschung, Training und High-End-Präsentationen hat die Technologie aktuell ihre Daseinsberechtigung gefunden. Den nicht nur von Meta gewünschten Durchbruch hat die VR jedoch noch nicht erreicht.
Vielmehr sehe ich Produkte wie Metas Quest oder Apples Vision Pro als Meilensteine in der Entwicklung, die unsere Gesellschaft vielleicht zum „nächsten großen Ding“ führt, wie Steve Jobs es über das iPhone sagte. Dieses Ding könnte beispielsweise die Augmented Reality sein. VR ist dafür keine reine Übergangstechnologie, vielmehr ist der Übergang von VR zu AR eher fließend zu sehen. Daher spricht man hierbei auch von einem Mixed-Reality-Continuum.
Bereits Metas Quest 3 Headset beherrscht einen guten Passthrough-Modus, bei dem die reale Umgebung durch Kameras eingefangen und dann mit digitalen Inhalten kombiniert wird. Das eigentliche Ziel der globalen Player wie Google, Apple oder Meta ist jedoch eine Optical-See-Through-Brille, mit der die Realität um einen virtuellen Layer überlagert und ergänzt werden kann.
Einen wichtigen Meilenstein legt Google bereits mit dem Digital Twin, den wir täglich verwenden: Google Maps, einem extrem angereicherten Daten-Modell unserer Welt! Den Durchbruch haben die Brillen-Endgeräte jedoch noch nicht geschafft. Neben technischen Hürden sind dies meiner Ansicht nach auch durchaus gerechtfertigte gesellschaftliche und datenschutzrechtliche Fragen, die geklärt werden müssen.
Treffen Bauherren, Jurys und Bürger bessere Entscheidungen, wenn sie einen Entwurf virtuell begehen können oder wird Architektur dadurch nur noch wirkungsvoller inszeniert?
Stefan Sauer: Das ist ein sehr sensibles Thema, denn in den Anfängen der 3D-Visualisierung waren selbst Planende häufig erstaunt, wie ihr Entwurf im Dreidimensionalen wirkt. Das hat die Arbeit der 3D Visualisierer*innen früher besonders sinnvoll gemacht. Nachdem nun der Prozess der Planung in fast allen Büros in 3D geschieht, wird dieser Prozess an den Anfang der Planung vorgezogen und die Qualität der Planung definitiv verbessert.
Die virtuelle Begehung ist das nächste Level der Präsentation, denn hier werden nicht nur die Planenden, sondern auch die nicht-fachkundigen Endkund*innen und Bürger*innen mit allen Dimensionen und Details der Planung konfrontiert.
Auf der einen Seite führt dies natürlich zu einer wesentlich höheren Transparenz des Entwurfes, auf der anderen Seite verlagert sich der Blick des nicht fachlich geschulten Betrachters auf Details, die im aktuellen Planungsstand möglicherweise irrelevant sind. So wird beispielsweise im Vorentwurf eines Einfamilienhauses darüber diskutiert, dass der vorhandene Kleiderschrank nicht hinter die Türe passt, obwohl diese Frage im Kontext der Gesamtinvestition völlig unwichtig ist.
Statische Visualisierungen zeigen immer nur einen „optimierten“ Ausschnitt einer Planung, in der Regel das, was Kunden sehen sollen. In Echtzeit-Szenarien entscheiden Betrachter*innen selbständig, worauf sie ihren Fokus richten, was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt.
KI kann heute in Sekunden überzeugende Architekturbilder erzeugen. Wie wichtig wird es künftig, zwischen einer plausiblen Darstellung und einer räumlich und planerisch belastbaren Visualisierung unterscheiden zu können?
Stefan Sauer: KI verändert unsere Welt rasant. Zuerst natürlich in allen Digitalberufen, somit natürlich auch in der Visualisierung. Hübsche Bildchen kann KI schon lange, die jedoch in der Regel keinen echten Größenbezug haben. Natürlich zieht auch hier die Technologie nach und bringt Systeme hervor, die Bildgeneratoren mit Real- und Planungsdaten verknüpfen.
Wichtig ist meiner Ansicht nach jedoch die Nachvollziehbarkeit der Entstehung einer Visualisierung. Am Ende muss immer noch ein Mensch für die Belastbarkeit einer Visualisierung geradestehen, egal mit welcher Technik sie entstanden ist.
Wenn KI künftig nicht nur Bilder erzeugt, sondern reale Planungsdaten verarbeitet: Wie verändert sich dann die Rolle des Architekten im Entwurfsprozess?
Stefan Sauer: Auch Planende müssen sich den neuen Tools stellen. Tools, die schneller effizientere Grundrisse entwickeln als Menschen und dabei baurechtliche Grundlagen einhalten, sind keine Zukunftsmusik mehr. Die Verwendung von KIs, die Fassaden-Varianten und Material-Vorschläge liefern, sollte beinahe schon Pflicht sein!
Dass der Mensch als „Digital Shepherd“ die Entscheider-Funktion behalten muss, ist vermutlich selbstverständlich. Häufig wird der Vergleich des Orchestrierens der Werkzeuge herangezogen. Doch wie wird sich das menschlich kreative Potential entwickeln, wenn es nicht mehr trainiert wird? Ist der Mensch intrinsisch motiviert, kreativ und spielerisch zu lernen oder überwiegt das Prinzip des energiesparenden Konsumierens?
Für mich ist es ein absolut spannendes Erlebnis, bei der Einführung der „Digitalen Dampfmaschine“ dabei sein zu dürfen. Dabei sollten wir die Technologie angstfrei, aber kritisch begrüßen und ein wachsames Auge auf menschliche Werte behalten.


Welche Fähigkeiten müssen Architektinnen und Architekten künftig selbst beherrschen, wenn KI immer mehr Aufgaben beim Entwerfen, Modellieren und Visualisieren übernimmt?
Stefan Sauer: Wie vorher erwähnt, ist das Orchestrieren natürlich eine wesentliche Aufgabe. Das Kontrollieren der erstellten Planung bleibt eine wesentliche Pflicht des Planenden, schließlich verändern wir mit dem Bauprozess unsere eigene Realität über viele Jahre.
In der Programmierung ist das Kontrollieren und Testen KI-generierten Codes von Beginn an ein großes Thema gewesen. Die Ausbildung von Expert*innen, die noch ansatzweise verstehen, was im Hintergrund passiert, ist unabdingbar, um die Kontrolle nicht komplett aus der Hand zu geben.
Aber auch die Beratung der Bauherrschaft bleibt ein menschliches Thema. Ein Gefühl für die Menschen und deren Bedürfnisse zu entwickeln, bleibt vorerst noch eine Kernkompetenz. Ein Gefühl für den Ort und dessen Geschichte zu entwickeln, an dem gebaut werden soll, ebenso.
Der spannende Teil Ihrer Frage ist jedoch das Wörtchen „künftig“. Beschreibt es den Ist-Zustand und die folgenden Monate, oder die kommenden Jahre, für die bereits die AGI (Allgemeine Künstliche Intelligenz) angekündigt wurde?
Oder wird es „künftig“ eine Retro-Bewegung geben und wir zeichnen Entwürfe wieder mit der Hand?
Wie sieht der Architekturentwurf in zehn Jahren aus? Arbeiten wir noch am Bildschirm oder gemeinsam mit KI in begehbaren, georeferenzierten digitalen Stadtmodellen?
Stefan Sauer: „In zehn Jahren wird der Entwurfsprozess nicht mehr primär im statischen 2D/3D-Viewport eines einzelnen CAD-Programms stattfinden, sondern sich zu einem kontinuierlichen Dialog in immersiven, semantischen Digital Twins entwickeln.
Der klassische Bildschirm wird zwar als hochpräzises Kontroll- und Konfigurationswerkzeug für spezifische Aufgaben erhalten bleiben, verliert aber seine Rolle als zentraler Entstehungsort von Architektur.“… Das antwortet die KI darauf.
Meine persönliche Antwort dazu ist wesentlich undifferenzierter:
Die aktuelle Entwicklung ist so rasant, dass ich noch nicht einmal weiß, was morgen ist. Wie soll ich 10 Jahre in die Zukunft schauen?
Anstatt jedoch vor dieser Entwicklung Angst zu haben, sollte man es halten wie Beppo Straßenkehrer in Michael Endes Buch „Momo“:
„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“
… und tatsächlich sind alle Antworten ohne KI entstanden. Lediglich eine Rechtschreib-Prüfung und ein Fakten-Check wurde durchgeführt.
Arbeiten ohne KI? -> Trainiert das Gehirn und synthetisiert die eigene Meinung.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr Informationen, Arbeiten und Inhalte finden Sie unter:
https://geovisualisierung.com
https://sauer3d.de