27. Mai 2026

Städtebaulicher Masterplan für Marvila: Lissabon überdeckelt Bahntrassen und schafft 1.400 Wohnungen auf 28 Hektar Brachland

Rotterdam (abki) – Der Lissabonner Stadtrat hat den Masterplan für das Marvila-Quartier genehmigt – einen der größten Stadtentwicklungsprojekte, die derzeit in der portugiesischen Hauptstadt realisiert werden. Das rund 28 Hektar große Areal zwischen den Stadtvierteln Marvila und Beato am Tejo-Ufer soll durch einen landschaftsgeprägten Städtebau grundlegend neu geordnet werden. Entwickelt wurde der Plan von den Büros MVRDV (Rotterdam) und OODA (Porto), in Zusammenarbeit mit LOLA Landscape Architects und Thornton Tomasetti. Kern des Konzepts: Bahntrassen werden überdeckelt, Barrieren in Verbindungsräume verwandelt, ein durchgehendes System aus Grünräumen und öffentlichen Plätzen verknüpft vier neue Quartiere miteinander.

© MVRDV OODA

Fragmentiertes Erbe, neues Gefüge

Das Planungsgebiet an Lissabons östlichem Flussufer hat im Laufe der Geschichte viele Wandlungen erlebt – von landwirtschaftlichem Grund im Besitz wohlhabender Lissabonner Familien bis hin zu frühindustrieller Bebauung ab dem späten 18. Jahrhundert. Bahnlinien, die das Areal durchschneiden, schufen eine physische Barriere, die es sowohl von der umgebenden Stadt als auch vom Tejo trennte. Trotz seiner strategisch günstigen Lage zwischen dem historischen Stadtzentrum und dem Parque das Nações blieb das Gebiet fragmentiert: Brachflächen, veraltete Infrastruktur und fehlende Freiraumqualität prägten ein Quartier mit erheblichem ungenutztem Potenzial.

„Marvila has long been defined by the infrastructure that divides it into pieces. This plan turns those barriers into connections, using landscape and public space to reconnect the neighbourhoods with each other, with the city, and with the river“, sagt Jacob van Rijs, Gründungspartner bei MVRDV.

Vier Quartiere, ein zusammenhängendes System

Der Masterplan gliedert sich in vier eigenständige Cluster, die sich auf die angrenzenden Stadtteile beziehen: Açúcar, POLU, Beato und Madre Deus. Jeder Bereich erhält eine eigene Identität, fügt sich aber in ein durchgehendes städtisches System ein. Volumen und Anordnung der Gebäude reagieren auf Topografie, Blickbeziehungen und das umgebende Stadtgefüge; Höhen und Dichten variieren, durchlässige Höfe, offene Blockstrukturen und öffentliche Wege gewährleisten Permeabilität. Damit das Areal auch während der Bauphase nutzbar bleibt, sind in jede Realisierungsetappe die Herstellung öffentlicher Räume und grüner Infrastruktur eingebettet.

„A project of this scale is always a long-term commitment to a place and its people. What we set out to define was not just a plan, but a structure resilient enough to evolve, one that will serve Lisbon well beyond the first phase of development“, erklärt Rodrigo Vilas-Boas, Gründungspartner bei OODA.

Nutzungsmix und kulturelles Erbe

Vorgesehen sind rund 1.400 Wohneinheiten in verschiedenen Typologien – darunter geförderter und sozialer Wohnungsbau – ergänzt durch öffentliche Einrichtungen wie ein Tageszentrum und ein Pflegeheim sowie Flächen für Handel und Dienstleistungen. Dieser Nutzungsmix soll das Gebiet über den gesamten Tag hinweg lebendig halten und einem breiten Nutzerkreis dienen.

Der Plan integriert vorhandenes kulturelles und natürliches Erbe: Das Convento do Beato bleibt erhalten, und ein jahrhundertealter Kautschukbaum wird zum Mittelpunkt eines neuen öffentlichen Platzes. Neben der baulichen Wiederverwendung setzt das Projekt auf erneuerbare Energieerzeugung durch Photovoltaik sowie den Einsatz innovativer Materialien, um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Landschaft, Wasser und Mobilität

Die Freiraumstrategie integriert Wasserrückhaltungs- und Versickerungszonen, trockenheitsresistente Bepflanzung und Lebensräume für heimische Arten. Ein zentraler Stadtpark verbindet die vier Cluster durch eine Folge von Plätzen, Höfen und Grünkorridoren; er beinhaltet Fuß- und Radwege, Anbindungen ans Flussufer sowie Nutzungen wie Sport, urbane Kleingärten und Veranstaltungsflächen.

Gleichzeitig adressiert der Plan die Auswirkungen großräumiger Infrastruktur: Die künftige dritte Tejo-Querung (TTT) wird das Planungsgebiet durchschneiden; grüne Puffer und Überdeckelungen von Teilabschnitten sollen ihre Wirkung abmildern. Über den Gleisen der Nordbahn wird ein neues Deck errichtet, das die fußläufige Verbindung zwischen dem Bahnhof Chelas und dem Flussufer wiederherstellt und neue öffentliche Räume sowie Aussichtspunkte über den Tejo schafft. Ergänzt wird dies durch einen Neubau für den Bahnhof Marvila und ein reorganisiertes Straßennetz, das verschiedene topografische Ebenen verbindet und dem Fuß- und Radverkehr Vorrang einräumt.

Nach der erwarteten Genehmigung auf Ebene der Ausführungseinheit folgen als nächste Schritte die Umweltverträglichkeitsprüfung, Urbanisierungsarbeiten und Landparzellierung. Der Plan durchlief zwei Runden öffentlicher Beteiligung und wurde als private Initiative des Haupteigentümers in Abstimmung mit dem Lissabonner Stadtrat und Infraestruturas de Portugal entwickelt.

Quelle: MVRDV / OODA · KI-gestützte Textaufbereitung · Redaktion: Architekturblatt