Chicago (abki) – Der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke ist mit dem Pritzker Architecture Prize 2026 ausgezeichnet worden. Der international als wichtigste Auszeichnung der Architektur geltende Preis würdigt Radićs Werk, das sich durch experimentelle Materialität, eine ausgeprägte Sensibilität für Ort und Kontext sowie eine besondere Aufmerksamkeit für menschliche Erfahrung auszeichnet.
„Architektur existiert zwischen großen, massiven und dauerhaften Formen – Bauwerken, die über Jahrhunderte unter der Sonne stehen und auf unseren Besuch warten – und kleineren, fragilen Konstruktionen, flüchtig wie das Leben einer Fliege und oft ohne klares Ziel im gewöhnlichen Licht. In dieser Spannung unterschiedlicher Zeiten versuchen wir Erfahrungen zu schaffen, die eine emotionale Präsenz besitzen und Menschen dazu anregen, innezuhalten und eine Welt neu zu betrachten, die ihnen sonst häufig gleichgültig begegnet“, erklärt Radić.
Architektur als Untersuchung statt als Stil
Radić vermeidet eine wiedererkennbare, wiederholbare Formensprache. Jedes Projekt versteht er als eigenständige architektonische Untersuchung, die auf grundlegenden Prinzipien basiert und von einer fragmentierten, nicht linearen Geschichte geprägt ist. Kontext, Nutzung und ein anthropologisches Verständnis des Ortes stehen dabei im Mittelpunkt. Der Ort wird nicht nur physisch interpretiert, sondern als Schnittstelle von Geschichte, sozialen Praktiken und politischen Bedingungen.
In der Begründung der Jury heißt es unter anderem: „Mit einem Werk, das an der Schnittstelle von Unsicherheit, Materialexperiment und kulturellem Gedächtnis steht, bevorzugt Smiljan Radić Fragilität gegenüber jedem unbegründeten Anspruch auf Gewissheit. Seine Gebäude wirken temporär, instabil oder bewusst unvollendet und scheinen beinahe zu verschwinden. Gleichzeitig bieten sie strukturierte, optimistische und leise freudvolle Räume des Schutzes, die menschliche Verletzlichkeit als grundlegende Bedingung des Lebens anerkennen.“
Ortsspezifische Strategien
Radićs Gebäude entstehen aus den spezifischen Bedingungen ihres jeweiligen Kontextes. Statt einer formalen Signatur entwickeln sich die Projekte aus dem Ort selbst.
Beim Restaurant Mestizo in Santiago de Chile (2006) ist das Gebäude teilweise in den Boden eingelassen. Das Pite House in Papudo (2005) reagiert auf starke Winde und intensive Sonneneinstrahlung durch seine Orientierung und räumliche Organisation. Beim Projekt Chile Antes de Chile, der Erweiterung des Museo Chileno de Arte Precolombino in Santiago (2013), entschied sich Radić für eine Umnutzung und Erweiterung statt für einen vollständigen Ersatz des Bestands.
Der Architekt Alejandro Aravena, Vorsitzender der Jury und Pritzker-Preisträger 2016, beschreibt Radićs Ansatz so: „In jedem Projekt antwortet er mit radikaler Originalität und macht das Unscheinbare sichtbar. Er kehrt zu den elementaren Grundlagen der Architektur zurück und erkundet zugleich Grenzen, die bisher kaum berührt wurden. Aus einem oft schwierigen Kontext heraus und mit einem kleinen Büro gelingt es ihm, zum innersten Kern der gebauten Umwelt und der menschlichen Erfahrung vorzudringen.“

Konstruktion als Erzählung
Radićs Architektur offenbart ihre Strenge weniger durch formale Gesten als durch die Präzision ihrer Konstruktion. Materialien wie Beton, Stein, Holz und Glas werden bewusst kombiniert, um Gewicht, Licht, Klang und Raum zu formen.
Beim Serpentine Pavilion in London (2014) ruht eine transluzente Hülle aus Glasfaser auf massiven Natursteinen. Das Licht wird gefiltert statt inszeniert, und der Raum bleibt bewusst teilweise offen, sodass Besucher Schutz erfahren, ohne vollständig vom umgebenden Park getrennt zu sein.
Beim Teatro Regional del Biobío in Concepción (2018) moduliert eine halbtransparente Gebäudehülle das Licht und unterstützt zugleich die akustische Qualität des Konzertsaals. Konstruktion wird dabei zu einer Form des architektonischen Erzählens, bei dem Materialität und Gewicht ebenso bedeutend sind wie die Form.
Die Jury stellt fest, dass Radićs Architektur schwer vollständig in Worte zu fassen sei. Seine Gebäude seien nicht als reine visuelle Objekte gedacht, sondern verlangten eine körperliche und räumliche Erfahrung.

Architektur und menschliche Erfahrung
Radićs Gebäude zeichnen sich durch eine stille emotionale Intelligenz aus. Sie sind oft introvertiert, schützend und sensibel gegenüber der Verletzlichkeit des Menschen.
Das House for the Poem of the Right Angle in Vilches (2013) ist als kontemplativer Rückzugsort konzipiert. Öffnungen sind gezielt nach oben orientiert, um Licht und Zeit sichtbar zu machen und Momente der Ruhe und Reflexion zu ermöglichen.
Sein Atelierhaus Pequeño Edificio Burgués in Santiago (2023) verbindet Privatheit mit einer offenen Beziehung zur Stadt. Von innen eröffnet sich ein weiter Blick über das urbane Panorama, während das Gebäude von außen durch Kettenvorhänge abgeschirmt bleibt. Einfach verglaste Glaswände lassen Regen, Geräusche und wechselndes Licht in die Räume eindringen. Unterhalb befindet sich ein teilweise unterirdisches Atelier, dessen Räume durch einen Erdwall geschützt und zugleich mit dem umgebenden Gelände verbunden sind.

Arbeiten mit bestehenden Strukturen
Radić versteht architektonische Eingriffe weder als reine Restaurierung noch als vollständigen Ersatz. Vielmehr handelt es sich um präzise Abwägungen von Maßstab, Nutzung und Bestand.
Beim Kulturzentrum NAVE in Santiago (2015) wurde ein historisches Wohngebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, das durch eine Naturkatastrophe beschädigt worden war, erhalten und durch neue Volumen ergänzt. Diese schaffen Räume für Performance, Proben und Workshops. Eine Dachterrasse mit Zirkuszelt bildet darüber einen überraschend leichten öffentlichen Ort für Veranstaltungen.
Die bestehenden Schichten des Gebäudes bleiben sichtbar und machen Anpassung zu einer Form der architektonischen Kontinuität.

Fundación de Arquitectura Frágil
2017 gründete Radić in Santiago die Fundación de Arquitectura Frágil. Die Stiftung dient sowohl als Plattform für öffentlichen Austausch als auch als Archiv experimenteller Arbeiten, Studien und Referenzen anderer Architektinnen und Architekten. Diese Sammlung bildet eine kontinuierliche Grundlage für neue architektonische Untersuchungen.
Internationale Projekte
Radićs Werk entstand über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten und umfasst kulturelle Einrichtungen, öffentliche Räume, Wohnhäuser, kommerzielle Gebäude und Installationen in Europa und Lateinamerika.
Zu seinen wichtigsten Projekten zählen unter anderem:
- Guatero, XXII. Chilenische Architekturbiennale, Santiago (2023)
- London Sky Bubble, London (2021)
- Chanchera House, Puerto Octay (2022)
- Prism House, Conguillío (2020)
- Vik Millahue Winery, Millahue (2013)
- The Boy Hidden in a Fish, Architekturbiennale Venedig (2010)
- CR House, Santiago (2003)
Smiljan Radić Clarke ist der 55. Preisträger des Pritzker Architecture Prize. Sein Büro gründete er 1995 in Santiago de Chile, wo er bis heute lebt und arbeitet. Derzeit realisiert er Projekte in Albanien, Spanien, der Schweiz und im Vereinigten Königreich.
Quelle: The Pritzker Architecture Prize · KI-gestützte Textaufbereitung · Redaktion: Architekturblatt