Gastbeitrag – Viele Menschen sind überzeugt: Wer ein bestehendes Gebäude saniert, handelt automatisch nachhaltiger als jemand, der neu baut. Schließlich wird kein neues Material verbraucht, und das Haus steht ja bereits. Doch diese Annahme greift oft zu kurz – und funktioniert in beide Richtungen.
Denn die Frage, ob ein Gebäude klimafreundlich ist, entscheidet sich nicht allein daran, ob es neu gebaut oder saniert wurde. Sie entscheidet sich daran, welche Emissionen ein Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus verursacht.
Graue Energie: der unterschätzte Faktor
Ein Begriff, der in dieser Debatte zu selten fällt, ist die sogenannte graue Energie: die in Baumaterialien gebundene Energie und die damit verbundenen CO₂-Emissionen bei Herstellung, Transport und Entsorgung. Sie ist beim Neubau erheblich höher als bei einer Sanierung – vor allem bei massiver Bauweise mit Keller, bei der große Mengen Zement und Stahl eingesetzt werden.
Eine Studie des Wuppertal Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass die energetische Sanierung über den gesamten Lebenszyklus betrachtet nur etwa halb so viele CO₂-Emissionen verursacht wie ein vergleichbarer Neubau.¹ Die DGNB bestätigt in einer eigenen Analyse, dass Sanierungen im Schnitt rund zwei Drittel weniger graue Emissionen verursachen als Neubauten – vor allem weil die Tragstruktur erhalten bleibt.² Das bedeutet: Selbst wenn ein Neubau im Betrieb effizienter ist, kann er diesen Startnachteil aus der Bauphase über Jahrzehnte oft nicht vollständig aufholen.
Grenzen der Sanierung
Das heißt allerdings nicht, dass jede Sanierung automatisch die bessere Wahl ist. Gerade Gebäude aus den 1960er- bis 1980er-Jahren wurden in einer Zeit errichtet, in der Energiepreise niedrig waren und energetische Standards kaum eine Rolle spielten. Niedrige Geschosshöhen, ungünstige Grundrisse, Wärmebrücken oder veraltete Tragstrukturen erschweren es häufig, heutige Anforderungen vollständig zu erfüllen.
Über Jahrzehnte hinweg verursacht der Betrieb – also Heizen, Kühlen und Warmwasser – erhebliche Emissionen. Wenn ein Gebäude trotz Sanierung dauerhaft deutlich mehr Energie benötigt als ein moderner Neubau mit konsequent niedrigem Energiestandard, kann seine Gesamtbilanz langfristig unter sehr spezifischen Bedingungen schlechter ausfallen. Eine solche Ausnahme bilden etwa Neubauten im Passivhaus-Standard, die mit nachwachsenden Rohstoffen wie Holz errichtet werden – sie können unter Umständen auch die Gesamtbilanz einer gut sanierten Bestandsimmobilie unterbieten. Der Regelfall ist das jedoch nicht: Die Mehrheit der vorliegenden Studien weist Sanierungen über den gesamten Lebenszyklus als klimafreundlicher aus.
Kreislaufdenken als Maßstab
Entscheidend ist deshalb eine differenzierte Betrachtung jedes einzelnen Gebäudes. In vielen Fällen lässt sich vorhandene Bausubstanz sinnvoll weiterentwickeln: Tragwerke können erhalten bleiben, Gebäudehüllen verbessert, Grundrisse angepasst werden. Hochwertige Materialien aus älteren Gebäuden besitzen zudem oft eine Qualität, die heute selten geworden ist.
Holzdielen lassen sich aufarbeiten und weiterverwenden. Massive Holzelemente und Dachbalken können erneut eingesetzt werden. Natursteine und Ziegel eignen sich für Außenanlagen oder neue Mauern.
Nachhaltiges Bauen bedeutet daher weder „alles erhalten“ noch „alles neu“. Entscheidend ist ein konsequentes Kreislaufdenken: Materialien möglichst lange nutzen, Bauteile sinnvoll wiederverwenden – und gleichzeitig Gebäude schaffen, die über Jahrzehnte hinweg möglichst wenig Energie verbrauchen.
Die richtige Frage
Die zentrale Frage lautet daher nicht: Altbau oder Neubau?
Die entscheidende Frage lautet: Welche Lösung führt langfristig – unter Berücksichtigung von Bauphase, Betrieb und Rückbau – zu einem Gebäude, das Ressourcen schont, Energie spart und dauerhaft funktioniert?
Autor: Tobias Beuler

Tobias Beuler ist Bausachverständiger und Gründer der Plattformen Hausbauexperte, Fertighausexperte und A better place. Seit über 25 Jahren begleitet er Bauherren bei Planung, Bau und Sanierung von Immobilien und hat mit seinem Team bereits mehr als 8.000 Bauprojekte betreut.