Gatsbeitrag – Die Rahmenbedingungen im Bauwesen haben sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Während der Neubausektor weiterhin mit einer verhaltenen Nachfrage konfrontiert ist, entwickeln sich andere Bereiche der Technischen Gebäudeausrüstung, kurz TGA, zunehmend zu stabilen Wachstumstreibern. Insbesondere die energetische Modernisierung von Bestandsgebäuden, die fortschreitende Digitalisierung von Gebäudetechnik sowie der steigende Bedarf an Wartungs- und Serviceleistungen sorgen für eine anhaltend hohe Attraktivität.
Nach Analysen des Beratungshauses WALTER FRIES Corporate Finance befindet sich die Branche nicht in einer klassischen Krise, sondern vielmehr in einer Phase grundlegender strategischer Neuordnung. Ein wachsender Modernisierungsbedarf im Gebäudebestand kompensiert die Neubauflaute zunehmend. Laut dem ifo Institut zeigt der Geschäftsklima-Index für das Bauhauptgewerbe zwar Herausforderungen, doch stützen langfristige Bedarfe den Markt. Die TGA- und Elektrotechnikbranche zeigt nach unserer Analyse zwei Gesichter: Der Neubau bleibt verhalten, zugleich entstehen in Service, Sanierung und Digitalisierung sehr belastbare Wachstumsfelder. Genau darin liegt die eigentliche Dynamik des Marktes.
Warum das Servicegeschäft zum Werttreiber wird
Wer die Entwicklung betrachtet, erkennt eine klare Verschiebung der Wertschöpfung. Während Neubauprojekte häufig von konjunkturellen Schwankungen abhängig sind, gewinnen Serviceleistungen spürbar an Bedeutung. Wartung, Instandhaltung und Betreiberkonzepte schaffen kontinuierliche Kundenbeziehungen und sorgen für kalkulierbare Umsätze. Gerade im Bereich der TGA entstehen dadurch Geschäftsmodelle, die deutlich widerstandsfähiger gegenüber äußeren Einflüssen sind. Für Unternehmen bedeutet dies eine höhere Planungssicherheit, während Investoren vor allem die Stabilität der Erträge bewerten. Betriebe mit einem hohen Anteil an Wartungsverträgen erzielen eine höhere Marktattraktivität als Unternehmen, die nahezu ausschließlich vom Projektgeschäft abhängig sind. Die Art der Erträge rückt damit stärker in den Mittelpunkt als reine Umsatzgrößen.
Konsolidierung durch Plattformbildung im Mittelstand
Parallel zu dieser Entwicklung gewinnt die Konsolidierung innerhalb der Branche weiter an Dynamik. Der Markt für Technische Gebäudeausrüstung und Elektrotechnik ist nach wie vor stark mittelständisch geprägt und regional fragmentiert. Genau diese Struktur macht ihn für strategische Investoren und Unternehmensgruppen besonders interessant. Es entstehen zunehmend größere Plattformen, die regionale Marktpositionen bündeln und unterschiedliche technische Kompetenzen miteinander verbinden. Unternehmen werden dabei als Bausteine einer langfristigen Wachstumsstrategie betrachtet. Diese Entwicklung verändert die Marktlogik grundlegend. Plattformbildung ist nach unserer Beobachtung einer der stärksten Trends im TGA-Markt. Käufer suchen nicht nur einzelne Betriebe, sondern Bausteine für regionale und fachliche Gruppen, die sich skalieren und professionell weiterentwickeln lassen. Besonders gefragt sind Unternehmen, die sich nahtlos in bestehende Gruppenstrukturen integrieren lassen und gleichzeitig eigenständige Marktpositionen mitbringen.
Qualitative Kriterien als Maßstab für die Bewertung
Die aktuelle Marktentwicklung zeigt deutlich, dass sich Unternehmensbewertungen zunehmend an qualitativen Kriterien orientieren. Käufer analysieren heute sehr intensiv, wie nachhaltig und unabhängig ein Geschäftsmodell aufgestellt ist. Im Fokus stehen organisatorische Strukturen, digitale Prozesse, die Unabhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen sowie die Fähigkeit, wiederkehrende Erlöse zu generieren. Die Bewertungsbandbreiten der Unternehmen bewegen sich derzeit auf einem stabilen Niveau. Die typischen Multiples im TGA-Sektor liegen nach unserer Auswertung in einer Bandbreite vom sechs- bis achtfachen EBIT. Gut aufgestellte Unternehmen, die bereits die nötige Exit-Readiness haben, profitieren vom hohen Interesse am Markt. Bei der Anwendung von Börsenmultiplikatoren auf kleinere Betriebe sind unternehmensindividuelle Risikoabschläge zu berücksichtigen, die sich aus personenabhängigen Strukturen oder Kundenkonzentrationen ergeben. Für mittelständische Betriebe bedeutet das, dass eine frühzeitige Arbeit an Nachfolge und Struktur die Qualität der späteren Lösung maßgeblich beeinflusst.
Der Generationenwechsel als Transaktionstreiber
Viele Inhaber stehen vor der Frage, wie die langfristige Zukunft ihres Betriebs gesichert werden kann. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um den vollständigen Verkauf eines Unternehmens. Immer häufiger entstehen Modelle, bei denen Eigentümer schrittweise Verantwortung übertragen oder sich mit strategischen Partnern zusammenschließen. Dadurch wächst die Zahl attraktiver Transaktionen und eröffnet Betrieben neue Perspektiven. Ein praktisches Beispiel für einen erfolgreichen Unternehmensverkauf ist die ELSTEK GmbH, die an Builtech veräußert wurde. Die Gesellschafter Andrea Dreeß und Rolf Dreeß betonten nach dem Abschluss die Bedeutung von Vertrauen und Fingerspitzengefühl in komplexen Verhandlungen. Auch Andreas Heger, ehemaliger Gesellschafter-Geschäftsführer der Heger Energietechnik GmbH, veräußerte sein Unternehmen an die Fabri Gruppe und hob die Relevanz einer persönlichen sowie fachlichen Begleitung bei der Vorbereitung der Nachfolge hervor.
Fazit: Zukünftige Nachfrage durch strukturelle Trends
Trotz der Herausforderungen im Neubausektor sprechen zahlreiche strukturelle Faktoren für die langfristige Attraktivität der Branche. Die Energiewende, regulatorischer Druck, steigende Anforderungen an die Gebäudeeffizienz sowie der hohe Modernisierungsbedarf im Bestand sorgen für eine langfristige Nachfrage. Laut Europäischer Kommission entfallen rund 40% des Energieverbrauchs in Europa auf Gebäude, wodurch die TGA in den Mittelpunkt der Dekarbonisierungsstrategie rückt. Die Integration neuer Technologien erfordert jedoch erhebliche Investitionen in Schulungen und Prozessanpassungen, während der Fachkräftemangel die härteste strukturelle Bremse bleibt. Unternehmen, die technologische Kompetenz und ein starkes Team verbinden, werden laut den Branchen-Insights die Gewinner dieser Transformation sein. Wer frühzeitig an Nachfolge, Struktur und Prozessen arbeitet, verbessert seine Handlungsoptionen auf dem aktiven Käufermarkt erheblich.
Autor: Holger Fries, Partner von WALTER FRIES Corporate Finance

Holger Fries ist Partner von WALTER FRIES Corporate Finance und begleitet seit über 25 Jahren mittelständische Unternehmen bei Transaktionen, Nachfolgefragen und strategischen Veränderungen. Sein Beratungsschwerpunkt liegt vor allem in der Begleitung und Umsetzung anspruchsvoller Unternehmensverkäufe im Mid-Market-Segment für familiengeführte und inhabergeführte Unternehmen. Dabei verbindet er tiefe Finanzexpertise mit einem starken Gespür für Unternehmerperspektiven und die emotionale Bedeutung von Unternehmensnachfolgen.