6. Februar 2023

Professor Dipl.-Ing. Eckhard Gerber: „Wichtig ist Offenheit für das Neue“

Professor Dipl.-Ing. Eckhard Gerber, Sie sind ein international anerkannter und gewürdigter Architekt. 1966 begannen Sie unter der Bezeichnung Werkgemeinschaft 66 in Meschede Ihre selbständige Tätigkeit als freischaffender Architekt. Seit 1979 sind Sie mit Ihrem Architekturbüro Gerber Architekten in Dortmund ansässig, das mit seinen 300 Mitarbeitern auch an den Standorten Hamburg, Berlin, Münster, Riad und Shanghai vertreten ist. Sie waren Professor für Grundlagen der Gestaltung und Entwerfen an der Universität Essen und an der Bergischen Universität Wuppertal, bei der Sie von 1995 bis 1999 auch Dekan der Architekturfakultät waren.

Prof. Eckhard Gerber (c) Jürgen Landes

 

Wie haben Sie zur Architektur gefunden?

Prof. Eckhard Gerber: Es war ein kontinuierlicher Weg von meiner Kindheit an. Ich habe viel und immer gerne handwerkliche Arbeit gemacht, vom Vogelhaus über Gartenlaube zum größeren Bienenhaus und immer mit Freude schon als Kind und dann als Jugendlicher an Baustellen und in der dorfeigenen Schreinerei bzw. Drechslerei bei den Arbeiten zugesehen und auch mitgeholfen. So war es eigentlich das praktische Bauen, was mich zur Architektur gebracht hat, vorerst weniger kunsthistorische oder baukünstlerische Ambitionen. Darüber hinaus habe ich sehr gerne gezeichnet. Und wir hatten auch als 13-bis 15-Jährige sehr viele und gute Anregungen in der Schule durch einen besonderen Lehrer für Zeichnen und Malen. Ob dann der Beruf als Architekt trotz solcher Voraussetzungen für mich die richtige Entscheidung sein wird, war in der Anfangszeit des Studiums immer von Zweifeln geprägt.

 

Bei wem und wo haben Sie studiert?

Prof. Eckhard Gerber: Ich habe in Braunschweig studiert bei Dieter Oesterlen, Friedrich Wilhelm Kraemer und Walter Henn. Die Unterschiedlichkeit der Ansätze und Auffassungen dieser drei Architekten und das doch gemeinsame Lehrkonzept in der sogenannten Braunschweiger Schule inspirieren mich bis heute, und sind bis heute Grundlage meines „Handwerkszeugs“.

 

Sie wuchsen als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Thüringen auf und sind nach dem Abitur aus der DDR geflohen. Hat das Ihre Architekturauffassung geprägt?

Prof. Eckhard Gerber:
Nein, nicht meine Architekturauffassung, aber es hat meinen unbändigen Willen zum aktiven selbstbestimmten Handeln und zur Freiheit des Denkens in allen Bereichen sehr entscheidend geprägt.

 

Erzählen Sie uns die Geschichte zu dem Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt.

Prof. Eckhard Gerber: Das ist unser Ferienhaus am Karerpass in Südtirol in den Dolomiten. Der Wunsch, in dieser Region ein eigenes Ferienhaus zu haben, ist im Wesentlichen von meinem ältesten Bruder, Dr. Eberhard Gerber, initiiert gewesen. Er kannte dieses schöne Gebiet schon lange und hatte schon ein Ferienhaus „von der Stange“ an diesem Ort, Karersee. Das genügte aber nicht den Ansprüchen. So sind wir gemeinsam auf die Suche gegangen, um ein Grundstück für ein gemeinsames, größeres, schöneres Haus zu finden.

Nach vielem Suchen ergab sich letztlich aus einem zufälligen Gespräch mit einem dort befreundeten Bauern und Eigentümer eines Almhofes eine gute Möglichkeit. Wir erzählten ihm unsere Geschichte und von der Suche nach einem Grundstück, worauf er sagte, er hätte eins für uns. Und das passte hervorragend und wir haben dieses Grundstück gemeinsam gekauft.

 

(c) Peter Walser

 

Es hat eine wunderbare Lage mit Blick zum Rosengarten, einem Felsmassiv, das kürzlich zum Weltnaturerbe erklärt wurde, und in die andere Richtung mit Blick zum Latemar. Neben dieser wunderbaren landschaftlichen Situation war es auch ein Grundstück mit einem starken Geländegefälle, das von der erschließenden Straße unten über sechs Meter nach oben sozusagen drei übereinandergestapelte Geschosse zuließ. Ein solches Haus, mit dem man den Höhenunterschied als räumliche Dimension und daraus das räumliche Konzept erarbeiten und entwickeln kann, hat mich seit einer Stegreif-Aufgabe in meinem Studium in Braunschweig für ein eigenes Haus schon gereizt. Ich entwarf für die Familie meines Bruders und meine Familie ein Ferien-Doppelhaus, um so auch die Bau- und Grundstückskosten niedrig zu halten.

 

(c) privat

 

Selbstverständlich war es sinnvoll, ein Haus in dieser Region in Holz zu bauen. Das sind für einen jungen Architekten auch schon damals besondere Herausforderungen gewesen, denn ein Holzhaus lebt von der richtigen, schönen und sinnvollen Konstruktion, die trotzdem nicht Selbstzweck, sondern Mittel sein soll, um ein schönes Raumkonzept in Symbiose mit seiner umgebenden Landschaft und den Blickbeziehungen zu entwickeln.

Von der unten liegenden Erschließungsstraße, wo sich auch zwei Autos unter das Gebäude schieben können, betritt man das Haus. Hier befinden sich Garderobe, Technik, aber auch ein Saunabereich. Über eine Geschosstreppe nach oben – alles ist offen – kommt man dann in den Kinder-, Spiel- und Schlafbereich mit einer großen Holzterrasse über den Autos und Blick zum Latemar. Beide Geschosse liegen nach hinten in der Erde. Das letzte obere Geschoss hat den Wohn- und Kochbereich. Hier oben steht man plötzlich wieder zu ebener Erde, obwohl man zwei Geschosse tiefer zu ebener Erde in das Haus gelangt ist. Hier ist der Wohnbereich, frei nach allen Seiten, und dies ist immer wieder überraschend und schön zu erleben, wenn ich in dieses Haus komme, bzw. mich über die Geschosse in dem Haus bewege. Oben schließt der Wohn- und Essbereich an eine ebenfalls schöne Terrasse mit herrlichem Blick zum Rosengarten an.

 

(c) Gerber Architekten GmbH

 

Jede der drei Wohnhausebenen ist jeweils mit dem Gelände über Terrassen direkt verbunden. Ein versetztes Dach gibt die Möglichkeit, auch im oberen Bereich ein Blickfenster zum Latemar zu haben. Zusätzlich zur Rosengarten-Terrasse gibt es auch im oberen Geschoss eine ebenengleiche Terrasse zum Latemar. Das Haus ist für mich noch heute ein in sich geschlossenes und immer wieder nachvollziehbar sinnvolles Konzept. Es wohnt sich wunderbar darin und schon damals als Holzhaus, wenn man so will, war es ein Vorgriff auf die heute immer wieder so vielzitierte Nachhaltigkeit.

 

Welches Projekt hat Sie am meisten herausgefordert?

Prof. Eckhard Gerber: Eigentlich war jede Bauaufgabe eine besondere Herausforderung. Aufgrund der unterschiedlichen Projekte, die wir ja meistens über Wettbewerbe akquirieren konnten, haben immer alle Aufgaben ihre spezifischen Probleme und besonderen Anforderungen. Besondere Projekte in meiner jetzt schon 55-jährigen Architekten-Zeit sind vielleicht die Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen, das Funkhaus des MDR in Magdeburg, die neue Messe in Karlsruhe, der U-Turm in Dortmund als Revitalisierung zu einem Zentrum für Kunst und Kreativität sowie die Nationalbibliothek des Königreiches Saudi-Arabien in Riad.

 

oben Neue Messe Karlsruhe (Fotograf Jürgen Landes) - Mitte links Dortmunder U Zentrum für Kunst und Kreativität (Fotograf HGEsch) - Mitte rechts oben Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (Fotograf Christian Richters) - Mitte rechts unten MDR Landesfunkhaus Magdeburg (Fotograf Jürgen Landes) - unten King Fahad Nationalbibliothek (Fotograf Christian Richters)
oben Neue Messe Karlsruhe (Fotograf Jürgen Landes) – Mitte links Dortmunder U Zentrum für Kunst und Kreativität (Fotograf HGEsch) – Mitte rechts oben Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (Fotograf Christian Richters) – Mitte rechts unten MDR Landesfunkhaus Magdeburg (Fotograf Jürgen Landes) – unten King Fahad Nationalbibliothek (Fotograf Christian Richters)

 

Wie nähert man sich einer anderen Kultur, wenn man öffentliche und kulturelle Gebäude konzipiert und gestaltet?

Prof. Eckhard Gerber: Wichtig dabei ist die Offenheit für das Neue, das Andere und die Bereitschaft, sich intensiv mit diesen neuen Kulturen auseinanderzusetzen und sie zu studieren. Darüber hinaus auch eine Treue zu sich selbst. Also, das selbst Erarbeitete für mich vermeintlich richtige Ganze nicht für etwas anderes aufzugeben, sondern vielmehr zu versuchen, alles in einem konzeptionellen Ansatz immer zu vereinen. So kann das Ergebnis der Arbeit in neuen kulturellen Zusammenhängen für beide Seiten eine Bereicherung sein.

 

Was würden Sie gern den jungen Architekten und Architektinnen mit auf den Weg geben?

Prof. Eckhard Gerber: Zum einen erscheint mir wichtig, wie eben gesagt, für alles Neue immer offen zu sein und auch Gedanken, die von anderen entwickelt sind, versuchen nachzuvollziehen und zu verstehen. Gerade in unserer Zeit ist die Architektur wie alle Kunstbereiche auch unglaublich vielsprachig geworden. Es gibt nicht mehr wie in früheren Zeiten einen „Stil“, in dessen Rahmen Architekten planen und bauen, wie z. B. Renaissance, Barock, Brutalismus etc., sondern bei jedem Projekt versucht der heutige „Autorenarchitekt“, eine neue Architektur zu erfinden.

Wenn man im Wettbewerb erfolgreich sein möchte, muss man bereit sein zu einer solchen gedankenoffenen Auseinandersetzung. Es ist immer ein großes Glück, wenn einem eine vielleicht wettbewerbsentscheidende Idee zufällt. Das ist immer das Ergebnis aus einer intensiven Beschäftigung mit der Aufgabe. Nur durch unglaublich intensives Beschäftigen und Probieren verschiedenster Alternativen fallen mir vielleicht außergewöhnliche Bauideen zu.

Also, wozu ich jungen Architektinnen und Architekten raten möchte ist, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Jeder wenn vermeintlich auch „umsonst“ gemachte Entwurf, jeder „umsonst“ ausgearbeitete Grundriss oder jedes „umsonst“ gebaute Modell ist immer wieder ein wichtiger Weg, das Richtige zu finden. Es ist eben nie umsonst. Auch das ständige Üben eines Pianisten ist notwendig, um letzten Endes konzertreife Musik abliefern zu können.

Also, intensives Arbeiten ist wichtig und dabei offen zu bleiben und zu wissen, dass die Welt und die Gedanken sich weiterentwickeln und sich auch der Zeitgeist verändert und damit auch die Architektursprache sich ständig weiterentwickelt. Dazu muss man offen und bereit sein und ständig üben.

 

Wie lautet also Ihr Wahlspruch?

Prof. Eckhard Gerber: Nach dem Wettbewerb ist vor dem Wettbewerb. Alle Gedanken müssen wieder von vorne an beginnen.

Prof. Gerber, vielen Dank für das Interview.