18. August 2026

Masterarbeit untersucht Vier-Tage-Woche am Bau: Das Arbeitszeitmodell kann auf Baustellen funktionieren

Wien (pm) – Die Vier-Tage-Woche gilt als vielversprechendes Modell, um Unternehmen attraktiver für Fachkräfte zu machen. Doch lässt sich dieses Konzept auch auf Baustellen umsetzen?

Dieser Frage ging Danijel Tanic, Absolvent des Masterstudiums Bauingenieurwesen – Baumanagement an der Hochschule Campus Wien, im Rahmen seiner Masterarbeit „Die 4-Tage-Woche am Bau: Zwischen Employer Branding und operativer Realität“ nach. Dafür führte er 19 Experteninterviews mit Vertreter*innen unterschiedlicher Bereiche der Bauwirtschaft. Die Ergebnisse zeigen: Die Vier-Tage-Woche kann auch auf Baustellen funktionieren – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Sie ist weder ein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel noch ein allgemeines Produktivitätsversprechen. Vielmehr hängt ihr Erfolg von der konkreten Arbeitszeitgestaltung, den Anforderungen des jeweiligen Bauprojekts und den Lebenssituationen der Beschäftigten ab. Die Diskussion über die Vier-Tage-Woche wird häufig aus der Perspektive klassischer Bürotätigkeiten geführt. Auf Baustellen gelten jedoch völlig andere Rahmenbedingungen. Dort müssen Arbeitsabläufe, Geräte, Lieferketten und Sicherheitsanforderungen aufeinander abgestimmt werden, erklärt Danijel Tanic.

Arbeitgeberattraktivität allein reicht nicht

Für viele Unternehmen kann ein zusätzlicher freier Tag die Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass eine erfolgreiche Einführung weit über Employer Branding hinausgeht. Bauzeitpläne, Baustellengemeinkosten, Arbeitszeitmodelle und die Organisation aller beteiligten Unternehmen müssen gemeinsam betrachtet werden. Andernfalls drohen Produktivitätsverluste oder zusätzliche Kosten.

Unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Berufsgruppen

Besonders deutlich werden die Unterschiede zwischen gewerblichen Beschäftigten und Bau- bzw. Projektleitungen. Während Pendler*innen von einem zusätzlichen freien Tag profitieren, können lange Arbeitstage für Beschäftigte mit Betreuungspflichten herausfordernd sein.

Vier-Tage-Woche kann Führungskräfte zusätzlich belasten

Besonders kritisch kann sich die Vier-Tage-Woche auf die operative Bau- und Projektleitung auswirken. Der Wegfall des fünften Arbeitstages bedeutet für diese nicht automatisch eine zeitliche Entlastung, sondern kann vielmehr zu einer Verdichtung der Arbeit führen. Schon bei einem achtstündigen Baustellentag folgen für das Baustellenmanagement häufig noch zwei bis vier Stunden für weitere Tätigkeiten im Baubüro. Wird der Baustellentag im Rahmen einer Vier-Tage-Woche auf zehn Stunden verlängert, können daraus Arbeitstage von bis zu 14 Stunden entstehen. Hinzu kommt das Risiko, dass der offiziell arbeitsfreie Freitag als administrativer Puffertag genutzt wird, etwa um Rechnungen zu prüfen oder Bautagebücher nachzutragen. Für Führungskräfte kann die Vier-Tage-Woche damit faktisch zu einer Fünf-Tage-Woche mit zusätzlich verlängerten Arbeitstagen werden. Ohne entsprechende entlastende Ressourcen besteht hier die Gefahr einer zunehmenden Entgrenzung der Arbeit. In seiner Arbeit empfiehlt Danijel Tanic daher klare Erreichbarkeitsregeln, realistische Aufgabenverteilungen und eine konsequente digitale Dokumentation.

Sicherheit hängt nicht nur von der Arbeitszeit ab

Ein weiteres Ergebnis widerspricht einer verbreiteten Annahme: Die Interviews zeigen, dass nicht zwangsläufig längere Arbeitstage das größte Sicherheitsrisiko darstellen. Vielmehr spielt die Aufmerksamkeit der Beschäftigten gegen Ende einer Arbeitswoche eine entscheidende Rolle. Maßgeblich ist daher weniger die Anzahl der Arbeitstage als eine durchdachte Arbeitsorganisation.

Kein Standardmodell für alle Baustellen

Danijel Tanic kommt zu einem klaren Schluss: Eine Vier-Tage-Woche eignet sich nicht für jedes Bauprojekt gleichermaßen. Faktoren wie Projektgröße, Bauphase, Gewerke, Lieferketten und personelle Zusammensetzung entscheiden darüber, ob das Modell sinnvoll ist. Flexible Lösungen, die unterschiedliche Lebenssituationen berücksichtigen und bereits in der Bauablaufplanung mitgedacht werden, versprechen den größten Erfolg.

Fakten auf einen Blick

(Stand August 2026)

Thema: Danijel Tanic, Absolvent des Masterstudiums Bauingenieurwesen – Baumanagement an der Hochschule Campus Wien, führte im Rahmen seiner Masterarbeit „Die 4-Tage-Woche am Bau: Zwischen Employer Branding und operativer Realität“ 19 Experteninterviews mit Vertreter*innen unterschiedlicher Bereiche der Bauwirtschaft.

Kernbotschaften:

  • Die Vier-Tage-Woche ist kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel.
  • Als reine Employer-Branding-Maßnahme funktioniert sie am Bau nicht.
  • Ob das Modell erfolgreich ist, hängt von Projekt, Bauphase, Arbeitszeitmodell und Baustellenorganisation ab.
  • Für bestimmte Projekte und Beschäftigtengruppen kann die Vier-Tage-Woche einen echten Mehrwert schaffen, vorausgesetzt, sie wird sorgfältig geplant und organisatorisch mitgetragen.
  • Für Bau- und Projektleitungen kann die Vier-Tage-Woche zu längeren Arbeitstagen und zusätzlicher Arbeitsverdichtung führen.
  • Ein Standardmodell für alle Baustellen gibt es nicht.

Quelle: Hochschule Campus Wien