13. Juli 2024

LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei: Dienstleistungszentrum der Sparkasse Markgräflerland in Weil am Rhein

Stuttgart (pm) – „Zwischen den Stühlen“. Mit dieser Redewendung wird ein Interessenkonflikt beschrieben wie er bei unserem New-Work-Bürogebäude in Weil am Rhein auf der städtebaulichen Ebene vorliegt: Die Flucht der rechterhand benachbarten Wohngebäude weicht nach Norden hin
um mehrere Meter von der Straße zurück. Die Stadt hat den Raum mit einem parkartigen Grünstreifen ausgestattet, der nach einer Weiterführung förmlich ruft. Allerdings verhindert eine marode Häuserreihe auf der anderen Seite des Grundstücks bislang die Fortsetzung des kleinen Parks über die Bühlstraße hinweg bis zur Johanneskirche.

Wünschenswert für diese Stelle ist die Ausgestaltung als „Shared space“, der den Beginn des Ortszentrums signalisieren und die Gartenstadt-Anmutung des Straßenzugs bis zum Rathausplatz weiterführen könnte.

(c) Roland Halbe, Stuttgart, rolandhalbe.eu

„Sowohl als auch“ ist das Motto der Entwurfsidee: Der Büroneubau kann das städtebauliche Dilemma nicht lösen, aber die Situation offenhalten. Während das Erdgeschoss die Flucht der östlich gelegenen Wohngebäude aufnimmt und die bebaubare Fläche zugunsten des längerfristigen städtebaulichen Ziels nicht zur Gänze belegt, kragen die drei Obergeschosse um zwei Achsen über den vorgelagerten Platz aus und nutzen dabei die maximal zulässige Geschossigkeit aus.

Die Sparkasse erhält dadurch ein großzügiges Vorfeld, das öffentlich genutzt werden kann und explizit von Nutzern und Bürgern bespielt werden soll. Das Foyer und die halböffentlichen Bereiche sind zu diesem „Sparkassenplatz“ hin orientiert, das Gebäude wird von hier aus mittig erschlossen und bietet direkten Zugang zu Veranstaltungsraum und Mitarbeitercafé.

Ansonsten ist der rechteckige Baukörper sehr einfach zu beschreiben: Ihm ist im Zentrum des Erdgeschosses ein Saal eingeschrieben, über dem sich wiederum ein Innenhof befindet. Der ringförmige Grundriss reduziert die notwendige Anzahl vertikaler Erschließungsflächen und erlaubt die flexible Einteilung in unterschiedliche Nutzungseinheiten über das gesamte Geschoss hinweg. Einzig der Körper der elliptisch geschwungenen Haupttreppe kontrastiert mit der orthogonalen Gebäudestruktur.

Mit ihren rechteckigen Fensterformaten, die dem Stützenraster von 4,05 Metern entsprechen, nimmt die Fassade Bezug auf die Maßstäblichkeit und den Rhythmus der umliegenden Wohnbebauung und ermöglicht die Einbindung in die Umgebung trotz abweichender Volumina. Das Bauvolumen wird von einem „Grid“ aus hellen Ziegelsteinen umhüllt.

Arbeitswelt und Flexibilität

Der Grundriss bietet durch seine klar strukturierte Form maximale Flexibilität. Durch den Einsatz von vorgespannten Betondecken konnte auf innenliegende Stützen und Wände weitgehend verzichtet werden. Aussteifung und Erdbebensicherheit werden über die beiden Kernzonen erreicht, welche neben den vertikalen Erschließungs- und Versorgungselementen auch sämtliche Nebenräume beinhalten, die sanitärtechnisch versorgt werden müssen. Die sich in den Obergeschossen zwischen diesen Kernzonen beiderseits des Hofs aufspannenden Büroriegel können bei Bedarf jeweils von unterschiedlichen Mietern genutzt werden und bis zu acht separate Nutzungseinheiten bilden. Sie sind frei möblierbar. Hellgraue Vorhänge aus Wollfilz können nach Bedarf den Großraum unterteilen oder Gesprächsbuchten abtrennen. Zellenräume an den Stirnseiten des Gebäudes nehmen die Funktionen Besprechung und konzentriertes Arbeiten gebündelt auf.

Die Materialpalette im Innenraum beschränkt sich auf Sichtbetondecken, Einbaumöbel und Wandverkleidungen aus Eiche, Systemtrennwände in Weiß und Gussasphalt-Sichtestrich in der offenen Erdgeschosszone sowie grünen Teppichboden in den Bürogeschossen.

Um den starken Farbakzent des Teppichs nicht zu beeinträchtigen, wurden nur wenige, flexibel nutzbare Möbelstücke, vorwiegend in Weiß, ausgewählt, dazu einige gezielte textile „Farbtupfer“. Sie folgen dem Gedanken, einen Baukasten an Ausstattungselementen zur Verfügung zu stellen, der sich leicht an wechselnde Arbeitssituationen und Unternehmensstrukturen anpassen lässt. Raumbegrünung zieht sich durch alle Bereiche und korrespondiert mit dem Grün im Außenraum, insbesondere im staudenbestandenen Hof.

(c) Roland Halbe, Stuttgart, rolandhalbe.eu

Nachhaltigkeit und Technik

Als nachhaltig verstehen wir in erster Linie dauerhafte und nicht zuletzt schöne Häuser. So wird das Bürogebäude aufgrund seiner räumlichen Flexibilität in Zukunft lange genutzt werden können, auch wenn sich Zusammensetzung und Bedürfnisse der Nutzer ändern. Wichtig ist auch die zeitlose Gestaltung mit Materialien, die ihre angenehme Anmutung über lange Zeiträume hinweg behalten.

Energieeffizienz wird zunächst durch einige grundlegende Entwurfsentscheidungen unterstützt: Der kompakte Baukörper weist ein günstiges A/V-Verhältnis auf, was bereits auf der Ebene der Gebäudegeometrie Wärmeverluste zu reduzieren hilft. Die durchgängigen Sichtbetondecken und -kerne dienen als thermische Speichermasse, die Temperaturspitzen auffängt. Der Innenhof und die großen Glasflächen sorgen für eine optimale Belichtung der Büroflächen und ermöglichen gleichzeitig die Querlüftung über die Fenster. Das Gebäude kann mittels außenliegender Fallarmmarkisen vollständig verschattet und somit vor Überhitzung des Raumklimas geschützt werden.

Viel Wert wurde auf die Auswahl von dauerhaften und gut zu reparierenden Materialien gelegt, etwa Klinker, Holz-Aluminium-Fenster, Sichtbeton, Eichenholz-Oberflächen und Gussasphalt-Sichtestrich. Viele Elemente wurden nicht geklebt, sondern schadstofffrei geschraubt oder eingehängt, zum Beispiel die Wandverkleidungen und Sockelleisten.

Dies erlaubt eine einfache Demontage und sorgt dafür, dass Beschädigungen ohne großen Aufwand repariert werden können. Die helle Klinkerfassade reflektiert Sonneneinstrahlung anstatt sie zu absorbieren. Hauptdach und Innenhof sind begrünt, letzterer intensiv als abwechslungsreiches Staudenbeet.

Die Kühlung sowie die Grundlast der Gebäudeheizung übernimmt die Betonkerntemperierung der Decken und nutzt dabei die Trägheit der Gebäudemasse. Zusätzlicher kurzfristiger Wärmebedarf wird von der weitestmöglich minimierten raumlufttechnischen Anlage abgedeckt, über Quellluftauslässe an den Fenstern und zentrale Abluftansaugung an den beiden Kernen. Das Gebäude ist an das städtische Fernwärmenetz angeschlossen. Die gesamte Dachfläche wird zur Stromerzeugung durch Photovoltaik genutzt; es wird mit Überschüssen gerechnet.

(c) Roland Halbe, Stuttgart, rolandhalbe.eu

Quelle: LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei GmbH & Co. KG, Stuttgart