20. Januar 2022

Kopenhagen – Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung

Münster (ab) – Das Brillux Architektenforum führte nach Kopenhagen, das bereits 2025 eine klimaneutrale Metropole werden möchte. Das Thema „Kopenhagen – Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung“ wurde anhand von unterschiedlichen Projekten aufgezeigt, die für zukunftsweisende und nachhaltige Strategien sowie innovative Ansätze stehen.

Das Ziel der Stadtentwicklung sei es, die Lebensqualität der Einwohner zu erhöhen, berichtet Bo Christiansen, dänischer Architekt von scaledenmark.de. Kopenhagen wächst stetig mit etwa 10.000 Menschen pro Jahr. Ein ausgefeiltes Mobilitätskonzept, das den öffentlichen Nahverkehr sowie die Fortbewegung zu Fuß und mit dem Rad so attraktiv wie möglich macht, sei das Rückgrat der nachhaltigen Weiterentwicklung der Stadt. Heute fahren 62% der Kopenhagener mit dem Fahrrad und 21 % mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. „Hier in Kopenhagen akzeptiert man Automobile, aber nicht deren Dominanz“, so der Architekt. Kopenhagen plant breitere Fahrradwege, die mit den Vororten verbunden sind, die sogenannten Superhighways. Die Metro in Richtung Kopenhagen fahren alle drei Minuten und es gibt eine Luxussteuer auf Autos.

Die Bewohner sollen innerhalb von 15 Minuten Erholungsstandorte erreichen können. Am Wasser gibt es gestalterisch eindrucksvolle Badeanlagen, die jeder nutzen kann. Das Dach eines Industriegebäudes für Müllverbrennung beispielsweise wurde in eine Skipiste umgewandelt. Hier kann man auch Wandern und Klettern, berichtet Bo Christiansen. Die Verbindung des Müllheizkraftwerks Amager Bakke, das BIG | Bjarke Ingels Group und SLA Architects entworfen haben, mit einer Outdoor-Sportanlage und einem alpin inspirierten Park verwandelt ein ehemaliges Industriegebiet zu einem nachhaltigen und lebenswerten öffentlichen Raum.

 

Das Müllheizkraftwerk Amager Bakke verbindet sich mit Copenhill – einer Outdoor-Sportanlage und einem alpin inspirierten Park – zu einem nachhaltigen und lebenswerten öffentlichen Raum. Foto: © Bo Christiansen

 

Gleichzeitig ziele die Stadtplanung darauf ab, die urbane Lebensqualität maximal zu erhöhen und schon jetzt den Klimawandel mitzudenken. Kopenhagen hat, vergleichbar mit Venedig, ein hohes Überflutungsrisiko, so Bo Christiansen. Die Stadt soll mit Schleusen und einer aus überschüssigem Boden aufgebauten Stadtinsel gesichert werden. Die Insel verbindet zudem zwei Stadtteile und soll ein Erholungsort für ihre Bewohner und Besucher werden. Die neuen Quartiere werden als Schwammstädte geplant, in denen Regenwasser aufgenommen und gespeichert wird.

Architektin Caroline Nagel von Cobe Architekten in Kopenhagen erzählt von der Entwicklung des alten Industriehafens Nordhavn mit 3,5 Millionen Quadratmetern Fläche zu einem gemischten Stadtquartier für 40.000 Einwohner und zusätzlich ebenso vielen Arbeitsplätzen. Das Architekturbüro Cobe Architekten hat den Masterplan für das riesige Vorhaben Nordhavn geplant. „Wir wollen hier ein nachhaltiges Quartier entwickeln, das auch über die zukünftigen Jahre wandelbar ist“, so Caroline Nagel. Die besondere Vorgehensweise ist, dass hier erst die Infrastruktur entwickelt wird und dann die Grundstücke verbaut werden. Fahrradwege werden die schnellsten Verbindungswege sein neben der Metro, die alle fünf Minuten fährt. Autos kann man außerhalb in Mobilitätshubs parken. Das Stadtgebiet Nordhavn vergrößert sich auf dem Wasser durch den Bau von einzelnen Inseln, „wie ein skandinavisches Venedig“, so die Architektin. Das Hafengebiet wurde mit großzügigen öffentlichen Promenaden geplant und sogar das Wasser des Hafenbecken wurde so gereinigt, dass man darin schwimmen kann.  „Die Promenade wird im Sommer gut angenommen“, freut sich Caroline Nagel. In dem Gebiet werden eindrucksvoll die alten Industriegebäude mit neuen Gebäuden vereint.

 

Lebensqualität am Wasser mit nachhaltigem Konzept: Das neue Kopenhagener Quartier Nordhavn transformiert einen Industriehafen zu einem Wohn- und Arbeitsviertel für viele tausend Menschen. Foto: © rasmus hjortshøj coast

 

Martin Rein-Cano, Landschaftsarchitekt und Creative Director von Topotek1, stellte die sozial-nachhaltige Stadtentwicklung des Parks Superkilen im multikulturellen Nørrebro-Viertel vor, das sein Büro zusammen mit den Planern von BIG | Bjarke Ingels Group, SUPERFLEX und intensiver Einwohner-Partizipation gestaltet hat. Hier finden sich Artefakte aus vielen Ländern wieder, die die Vielfalt des Lebens in der Stadt widerspiegeln. Zusammen mit den Bewohnern wurden Objekte aus ihren Ländern abgeholt und im öffentlichen Raum aufgestellt, wie einen Bullen aus Spanien, Erde aus Israel oder einen Boxring aus Thailand. So wurden Identifikationsorte für die Identifikationsfindung unabhängig von der Herkunft geschaffen.

 

Durchdachtes Design bringt Menschen aus vielen Kulturen an einem gemeinsamen, neuen Identitätsort zusammen: Die Parkanlage Superkilen in einem Multikulti-Stadtteil Kopenhagens fördert soziale Nachhaltigkeit. Foto: © Iwan Baan

 

Hoch interessiert zeigten sich die Teilnehmenden des Architektenforums auch daran, was die Dänen im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn anders – und dadurch besser und schneller – machen. Ein Schwerpunkt liegt dabei sicherlich auf der Finanzierung vieler Projekte durch Private Public Partnerships. „Diese entlasten die öffentlichen Haushalte natürlich ungemein“, so die ebenfalls zugeschaltete Birthe Bertelsen von der Abteilung für Stadtentwicklung der Stadt Kopenhagen.  Weniger Bürokratie, dafür mehr Lust am Dinglichen und Pragmatischen – all das führe in Dänemark darüber hinaus laut der Referentinnen und Referenten zu mehr Tempo im dringend notwendigen nachhaltigen städtischen Wandel. Die lebhafte Diskussion, moderiert von der Architektin Claudia Neeser vom organisierenden Büro guiding architects munich, zeigte: Best-Practice-Einblicke für nachhaltige Stadtplanung und ökologisches Bauen sind heute wichtiger denn je.

 

Foto: © Iwan Baan