17. Juni 2024

Interview mit Thomas Reiche, Geschäftsführer des FEhS – Institut für Baustoff-Forschung, über die Bedeutung von Sekundärbaustoffen, unerledigte Hausaufgaben und „Hüttensand 2.0“.

Das FEhS – Institut für Baustoff-Forschung e.V. ist seit über sieben Jahrzehnten die europaweit führende Adresse für Forschung, Prüfung und Beratung zu Baustoffen und Düngemitteln aus Eisenhüttenschlacken. Aus Eisenhüttenschlacken, einem Nebenprodukt der Stahlerzeugung, entstehen Hüttensand und Gesteinskörnungen, die u.a. in Zement und Beton zum Einsatz kommen. Als moderner Dienstleister mit 45 Mitarbeiter*innen, sieben Laboren, dem KompetenzForum Bau und einem Netzwerk aus Industrieverbänden, Behörden, Normungsgremien sowie Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung ist das FEhS-Institut ein begehrter Partner für Mitgliedsunternehmen und Kunden aus aller Welt.

Thomas Reiche (c) FEhS-Institut

Was genau sind Eisenhüttenschlacken?

Thomas Reiche: „Schlacke“ ist ein uralter metallurgischer Begriff. Durch das sogenannte „Schlagen“ wurden früher beim Roheisen- und Stahlherstellungsprozess die nichtmetallischen Bestandteile vom Metall getrennt. Heute werden bei hohen Temperaturen alle metallischen und nichtmetallischen Bestandteile aufgeschmolzen. Bedingt durch unterschiedliche Dichten lassen sich das schwerere Metall und die leichtere Schlacke voneinander trennen. Somit ist die Schlacke als metallurgisches Werkzeug zu bezeichnen, das für die Erzeugung von Roheisen und Stahl zwingend notwendig ist. Als Ergebnis dieses metallurgischen Schmelzprozesses entsteht ein homogenes, kristallines Material, das mit Naturgesteinen wie zum Beispiel Basalt vergleichbar ist.

In welchen Mengen kommen Eisenhüttenschlacken zum Einsatz?

Thomas Reiche: Abhängig von der Stahlproduktion entstehen in Deutschland jedes Jahr rund 12 Millionen Tonnen Eisenhüttenschlacken, von denen u.a. etwa 7,5 Millionen Tonnen als Hüttensand und 3 Millionen Tonnen als Gesteinskörnung zur Anwendung kommen. Insgesamt können 95 % der erzeugten Eisenhüttenschlacken in hochwertigen Produkten oder zur anlageninternen Kreislaufführung eingesetzt werden.

Welche Vorteile sehen Sie bei schlackenbasierten Baustoffen?

Thomas Reiche: Zum einen technologische: Unsere Zemente bzw. Betone zeichnen sich durch eine hohe Festigkeit, eine hohe Dauerhaftigkeit, einen hohen Widerstand gegen chemische Belastungen sowie eine große Frost- und Hitzebeständigkeit aus. Die hüttensandhaltigen Zemente sind für alle Anwendungsgebiete geeignet.
Zum anderen leisten Eisenhüttenschlacken einen enormen Beitrag zu Ressourcenschonung und Klimaschutz. Konkret: Durch den Einsatz von Hüttensand anstelle von Portlandzementklinker im Zement wurde bis heute die Emission von 227 Millionen Tonnen CO2 vermieden. Darüber hinaus konnten dadurch fast 400 Millionen Kalk, Ton und Sand substituiert werden. Insgesamt haben Eisenhüttenschlacken sogar mehr als 1 Milliarde Tonnen Naturgestein ersetzt – ein Berg so groß wie die Zugspitze. Zudem tragen die industriellen Nebenprodukte der Stahlindustrie schon in ihrem ersten Leben zur Kreislaufwirtschaft bei, anders als z.B. Recyclingmaterialien. Wichtig zu erwähnen ist auch: Eisenhüttenschlacken sind Nebenprodukte, kein Abfall! Diesen bereits 2005 festgestellten Status hat ein Rechtsgutachten von Januar 2023 erneut bestätigt.

Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz stehen inzwischen in der Politik hoch im Kurs. Profitieren Eisenhüttenschlacken davon?

Thomas Reiche: Wir begrüßen und unterstützen natürlich jedes Vorhaben in diese Richtungen. Das novellierte Kreislaufwirtschaftsgesetz und der „Green Deal“ bzw. der „Circular Economy Action Plan“ der EU sind positive Beispiele dafür. Dennoch gibt es auch noch das ein oder andere „Aber“. Wir haben das in unseren Kernforderungen „Nachhaltiges Ressourcenmanagement mit Baustoffen und Düngemitteln aus der Stahlindustrie“ zusammengefasst. Da sind noch nicht alle Hausaufgaben gemacht worden, um Sekundärbaustoffe langfristig als Alternative zu primären im Markt zu fördern und zu etablieren.

Sie sprechen die Rahmenbedingungen an. Was müsste aus Ihrer Sicht vorrangig verändert werden?

Es beginnt schon bei der Terminologie. Aus unserer Sicht brauchen wir ein einheitliches Wording, das alle Stoffströme der Kreislaufwirtschaft einbezieht. Deshalb sollte immer und ausschließlich von „Sekundärrohstoffen“/„Sekundärbaustoffen“ gesprochen werden – und nicht nur von „Recyclingrohstoffen“/„RC-Baustoffen“.
Das betrifft auch Ausschreibungen …
Der zweite wichtige Punkt: Neben einem nicht diskriminierenden Wording dürfen bei Ausschreibungen im Baustoffbereich Sekundärbaustoffe nicht ausgeschlossen werden – was leider immer noch und immer wieder vorkommt. Das betrifft nicht zuletzt Ausschreibungen der öffentlichen Hand, die Vorbildcharakter haben. Wir fordern daher justiziable Formulierungen mit Drittschutzcharakter, vor allem in Paragraf 45 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes des Bundes und in den Landeskreislaufwirtschaftsgesetzen. Nur so können Gesetze in der Praxis die gewünschte Wirkung zeigen. Eine Verengung der Begrifflichkeit und unscharfe Formulierungen schaden den Bestrebungen für ein nachhaltiges Wirtschaften.

Stichwort Zukunft: Welchen Einfluss wird die Dekarbonisierung der Stahlindustrie auf die Schlacken und damit auf die Baustoffe haben?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns schon seit 2013. Aktuell forschen wir zusammen mit unseren Partnern in den von uns koordinierten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekten „SAVE CO2“ und „DRI-EOS“ am „Hüttensand 2.0“ und an Gesteinskörnungen im Beton. Das betrifft die Nutzung der neuen Schlacken, aber auch der derzeitigen Elektroofenschlacken aus der schrottbasierten Stahlherstellung. Zusätzlich zur Forschung ist jedoch eine Anpassung des diesbezüglichen Regelwerks erforderlich. Wir haben dazu einen Vorschlag erarbeitet, der mit den regelsetzenden Institutionen und den Partnern der Wertschöpfungskette diskutiert wird.

Herr Reiche, vielen Dank für das Interview!

Quelle: FEhS ‑ Institut für Baustoff‑Forschung e.V.