25. Mai 2024

Interview mit Kim Le Roux, Inhaberin LXSY Architekten: „Mutig experimentieren für eine nachhaltige Zukunft“

LXSY Architekten ist ein Architekturbüro aus Berlin, das 2015 von Kim Le Roux und Margit Sichrovsky gegründet wurde. Aus Südafrika und Deutschland stammend bringen die beiden unterschiedliche Sichtweisen auf den Alltag und die Bedürfnisse der Gesellschaft mit. Sie arbeiten in den Feldern von New Work und zirkuläres Bauen mit Schwerpunkt auf iterative und partizipative Planungs- und Bauprozesse. LXSY Architekten entwickeln architektonische Projekte und Konzepte in unterschiedlichen Maßstäben, die durch sensible Strategien die Potenziale von Orten und sozialen Räumen aufspüren und verstärken. Für ihre Projekte haben sie u.a. den German Design Award 2017 und den Iconic Award 2019 gewonnen. Beide Architektinnen wurden 2021 als Mitglieder in den BDA Berlin berufen. Seit 2022 ist Margit Sichrovsky außerdem Teil des Arbeitskreises „Nachhaltiges Planen und Bauen“ der Architektenkammer Berlin.

Mit ihrer Arbeit wollen sie aktiv Menschen zusammenbringen und innovative Ansätze des Arbeitens und Wohnens verfolgen, um gemeinsam ein zukunftsfähiges Miteinander zu entwickeln. Indem sie neugierig auf andere Sichtweisen sind, erforschen und entwickeln sie architektonische Projekte und Konzepte in unterschiedlichen Maßstäben, die Austausch, neue Nachbarschaften und Beziehungen ermöglichen. Über das bloße Architektur Machen hinaus ist es ihnen ein Anliegen, einen positiven sozialen, kulturellen und ökologischen Impact zu generieren. Als Architektinnen beschäftigen sie sich mit der Frage, wie wir als Gesellschaft in Zukunft zusammenleben und arbeiten wollen. Im ressourcenschonenden, zirkulären Planen und Bauen sehen sie eine Schlüsselrolle für einen nachhaltigen Wandel. In ihren Augen ist die gebaute Umwelt das Materiallager der Zukunft.

Kim Le Roux (c) Hannes Wiedemann

Wie haben Sie zur Architektur gefunden?

Kim Le Roux: Ich wollte schon mit 4 Jahren Designerin werden, damals allerdings noch eher Mode als Gebäude. Ich bin in Südafrika aufgewachsen und die ungleichen Wohnverhältnisse haben mich immer beschäftigt. Also habe ich beschlossen meine liebe für Architektur für was Gutes einzusetzen.

Bei wem und wo haben Sie studiert?

Kim Le Roux: Ich habe meinen Bachelor an der UCT Unversity of Cape Town absolviert und meinen Master gemeinsam mit Margit Sichrovsky (meine Geschäftspartnerin) an der TU Berlin abgeschlossen.

Wer oder was hat Sie in Ihrer beruflichen Tätigkeit geprägt?

Kim Le Roux: Unterschiedliche Personen haben mich über die Jahre geprägt. Zu Beginn an der TU Berlin war es Prof. Dr. Herrle damals am Lehrstuhl Habitat Unit. Nach der Uni war es meine Arbeit in New York, Südafrika und Äthiopien. Viel sind es die Personen, die man in den Projekten trifft, die mich nachhaltig prägen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Architekturschaffende in der heutigen Zeit? Nach welchen Grundsätzen arbeiten Sie?

Kim Le Roux: Uns geht es darum eine Architektur für die Zukunft zu schaffen. Das heißt, nachhaltige und resiliente Gebäude für Menschen zu planen, die einen positiven Beitrag zur Baukultur sind. Wir planen Gebäude wo der Mensch im Mittelpunkt steht.

LXSY Architekten beschäftigt sich unter anderem mit kreislauffähigem Planen und Bauen. Welches sind die wichtigsten Merkmale?

Kim Le Roux: Materialauswahl! Und es geht darum, Standards zu hinterfragen und jede Schicht im Bauteil zu untersuchen und zu überlegen was nachhaltig, ästhetisch und sinnvoll ist. Es bedarf neue Prozesse in der Planung. Es wird Zeit, dass wir in der Architektur ein paar Sachen umkrempeln. Wir müssen mehr zusammenarbeiten und die Verantwortung für das Projekt muss bei Allen liegen – vom Bauherr:innen, Architekt:innen, Fachplaner:innen, Nutzer:innen bis hin zu Handwerker:innen. Beim kreislauffähigen Bauen sind Daten sehr wichtig. Wie nachhaltig sind unsere Gebäude wirklich und wo können wir uns verbessern?

Die Gestaltung der Innenräume des Impact Hub Berlin im CRCLR House in Berlin ist ein Paradebeispiel für zirkuläre Innenarchitektur. Wie veränderte sich der Planungs- und Bauprozess durch die Einbeziehung von Reuse-Materialen? Was hat sich positiv verändert? Welche Hinternisse gab es in der Praxis?

Kim Le Roux: Der Gestaltungsprozess war äußerst spannend. Unser Team, bestehend aus Lina Aakeroy, Sophia Wenzler, Rasa Weber und mir, stand vor der gewaltigen Herausforderung, zu entwerfen, ohne im Voraus zu wissen, welche Materialien zur Verfügung stehen würden. Unser vorrangiges Ziel war, nicht auf neue Ressourcen zurückzugreifen, sondern stattdessen auf Wiederverwendung und nachhaltige Materialien zu setzen. Dies schloss die Verwendung von reuse Holz, gebrauchten Möbeln und anderen wiederaufbereiteten Baumaterialien ein, die andernfalls verschwendet worden wären.

Doch wie realisiert man dieses Konzept? Wir haben uns intensiv Gedanken darüber gemacht, welche Schlüsselelemente bei der maximalen Verwendung von wiederverwertbarem Material von Bedeutung sind. Da es sich um einen Innenausbau handelte war klar, dass zahlreiche Einbauten und Leichtbauwände benötigt werden würden, was wiederum auf eine beträchtliche Menge an Plattenmaterial hinwies. Beim Reuse ist es jedoch häufig so, dass die Materialien nicht in großen Mengen und Standardformaten verfügbar sind. Daher haben wir spezifische Qualitätsstandards für die Bauteile wie Decken, Wände, Türen usw. festgelegt. Diese Qualitätsanforderungen halfen uns zu bestimmen, wo wir Transparenz oder Ruhe benötigten, was wiederum die Wahl des Materials beeinflusste. Für die Innenwände haben wir ein eigenes Wandsystem entwickelt, das auf dem gängigen Holzbau-Raster von 62,5 cm basierte, was die Verwendung von Holzplatten in kleineren Formaten ermöglichte. Zudem haben wir ästhetische Akustikoberflächen aus Holzresten und -verschnitten geschaffen.

Das Design des Impact Hub Berlin spiegelt die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft wider, indem es darauf abzielt, Abfall zu minimieren und Ressourcen effizienter zu nutzen. Es wurde so gestaltet, dass die Architektur flexibel und anpassbar ist, was es ermöglicht, die Räume für vielfältige Zwecke zu nutzen und sie den sich ständig ändernden Anforderungen der Gemeinschaft anzupassen.

Wie sind Sie an die Suche nach Reuse-Materialien herangegangen. Wie haben Sie Lagerung und Logistik gelöst?

Kim Le Roux: Diese Aufgabe war in der Tat eine herausfordernde, aber äußerst spannende. Wir haben intensiv recherchiert und kommuniziert, um herauszufinden, woher wir das benötigte Material bekommen können. Eine erhebliche Menge stammte von Abrissbaustellen, Messen, eBay und Concular.

Unsere logistische Lösung bestand darin, Umzugsunternehmen zu engagieren, um Material von verschiedenen Orten zu demontieren oder abzuholen. Wir hatten das Glück, dass unsere direkten Nachbarn uns Lagermöglichkeiten mit Annehmlichkeiten wie Gabelstaplern zur Verfügung stellten.

Wir haben akribisch Dokumentationen durchgeführt, indem wir Mengen und Größen digital in einem Profil festhielten, auf das das gesamte Team und auch die Handwerker zurückgreifen konnten.

Schließlich wurden wir von den Umzugsunternehmen kontaktiert, die oft Räumungen durchführen und daher auf größere Materialmengen stießen, die normalerweise auf Deponien landen. Diese Unternehmen wandten sich an uns und fragten, ob wir das Material verwenden könnten, was wir in vielen Fällen auch getan haben.

Wie war der Umgang mit den wiederverwendeten Materialien hinsichtlich Zulassung, Gewährleistung, Einbau und Wartung?

Kim Le Roux: Der Umgang mit wiederverwendeten Materialien in Bezug auf Zulassung, Gewährleistung und Wartung kann je nach Materialtyp und örtlichen Vorschriften variieren.

Zulassung und Genehmigungen: Bevor wiederverwendete Materialien in Bauprojekten verwendet werden, ist es wichtig, sicherzustellen, dass sie den örtlichen Bauvorschriften und -normen entsprechen. Dies kann bedeuten, dass Sie in einigen Fällen spezielle Genehmigungen oder Zulassungen benötigen, insbesondere wenn es sich um tragende Strukturen oder sicherheitsrelevante Elemente handelt.

Gewährleistung: Die Gewährleistung für wiederverwendete Materialien kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Bei neuen Materialien erhalten sie normalerweise eine Herstellergarantie, die definierte Zeiträume und Bedingungen für Ersatz oder Reparatur abdeckt. Bei wiederverwendeten Materialien kann diese Gewährleistung jedoch eingeschränkter sein oder möglicherweise nicht vorhanden. Es ist wichtig, dies bei der Verwendung solcher Materialien zu berücksichtigen und gegebenenfalls alternative Lösungen zu finden. Wartungsverträge können hier eine Lösung bieten.

Wartung: Die Wartung von wiederverwendeten Materialien kann von der Art des Materials und seiner Verwendung im Bau abhängen. Regelmäßige Inspektionen sind entscheidend, um sicherzustellen, dass die Materialien in gutem Zustand bleiben. In einigen Fällen kann es notwendig sein, Reparaturen oder Renovierungen vorzunehmen, um die Langlebigkeit der wiederverwendeten Materialien zu gewährleisten.

Es ist wichtig zu beachten, dass der Umgang mit wiederverwendeten Materialien oft eine gewisse Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erfordert. Es kann sinnvoll sein, frühzeitig mit den zuständigen Baubehörden und Experten zu sprechen, um sicherzustellen, dass alle rechtlichen Anforderungen erfüllt werden und die Materialien ordnungsgemäß verwendet und gewartet werden. Wir haben da sehr gute Erfahrungen gemacht.

Wie verhalten sich die Kosten für den Mehraufwand an Planung und für das gesamte Projekt, wenn man Reuse-Materialien einsetzt?

Kim Le Roux: Für den Innenausbau waren die Baukosten niedriger als bei einem vergleichbaren Neubauprojekt. Allerdings gibt es einen höheren Planungsaufwand und entsprechende Planungsmehrkosten.

Wie lautet ihr Wahlspruch?

Kim Le Roux: Mutig experimentieren für eine nachhaltige Zukunft.

Vielen Dank für das Interview.