30. November 2021

Interview mit Hadi Teherani: „Keep your cloud clean!“

Hamburg (ab) – Herr Teherani, Sie sind ein international ausgezeichneter Architekt, Designer und erfolgreicher Unternehmer. Sie sind in Teheran geboren und wuchsen in Hamburg auf. Nach Ihrem Architekturstudium in Braunschweig waren Sie wissenschaftlicher Mitarbeiter an Volkwin Margs Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.  Sie schufen ortsprägende Bauten wie die Tanzenden Türme oder das Dockland in Hamburg. Sie wurden Ende 2020 für Ihre Verdienste im Bereich der Architektur und der Gestaltung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

 

Hadi Teherani, Architekt und Designer (c) Roger Mandt, Berlin

 

Wie haben Sie zur Architektur gefunden?

Kurz gesagt: Eigentlich hat die Architektur zu mir gefunden. Nach dem Abitur habe ich erstmal ein Geschäft eröffnet, weil ich unbedingt Business machen wollte. Diese Zeit stellte sich jedoch als recht langweilig heraus – es wurde mir dann schnell klar, ich muss studieren, um mich zu verwirklichen. Es sollte Kunst oder zumindest etwas Künstlerisches sein. Beworben habe ich mich in Hamburg, Amsterdam und in Braunschweig. Nachdem ich zwei Zusagen bekommen habe, ließ ich die Münze entscheiden. Ich entschied mich für Architektur und ging an die Technische Universität in Braunschweig.

 

Wer oder was hat Sie als Architekt geprägt?

Das Bauhaus hat mich am meisten inspiriert – die Bauhäusler haben ganzheitlich gedacht, genauso wie ich es tue. Von der Teekanne bis zum Gebäude haben sie die verschiedenen künstlerischen Disziplinen miteinander verbunden. Architekten wie zum Beispiel Mies van der Rohe mit seinem minimalistischen Stil und wie er für „das Einfache“ plädierte, haben mich mit ihren Visionen inspiriert. Ebenso Le Corbusier und die Vielseitigkeit seines Schaffens. Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer, der das Elegante, Spielerische und Archaische zu seinem Repertoire zählt, darf nicht fehlen. Seine Passion und die Hingabe, mit der er wirklich bis zu seinem letzten Tag gearbeitet hat, haben mich immer fasziniert. Mit 101 Jahren hat er sogar noch geheiratet. Man kann schon behaupten, dass ich den gleichen Weg beschreiten möchte!

 

Erzählen Sie uns die Geschichte zu dem Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt.

Die „Kranhäuser“[1] in Köln gehören zu den ersten Projekten meiner frühen Schaffenszeit als Architekt. Es war so besonders und sollte meine Karriere einläuten. Der Wettbewerb fand im Jahr 1991 statt. Aber es sollte noch fünfzehn Jahre dauern, bis über das Projekt positiv entschieden und es wirklich umgesetzt werden konnte. Sie sind pur und elegant! Mit ihren dynamischen Formen, die an die historischen Ladekräne erinnern, erzählen sie die Geschichte der Hafenarbeit. Dabei geben sie gleichzeitig der Halbinsel, auf der sie stehen, Rückhalt, indem sie zum Wasser hin ein Portal bilden. Es macht mich sehr stolz, dass die Kranhäuser mittlerweile neben dem Dom als zweites Wahrzeichen der Stadt wahrgenommen werden.

 

(c) Jörg Hempe, Aachen

 

Welches Projekt hat Sie am meisten herausgefordert? 

Das ist nicht so einfach zu sagen, aber vielleicht der ICE-Bahnhof am Frankfurter Flughafen. Die Herausforderung bestand darin, ein Gebäude zu schaffen, das funktioniert, ohne den hohen konzeptionellen, architektonischen und technischen Anspruch aus den Augen zu verlieren. Mit dem Einfahren der Bahn sollte für den Reisenden das Gefühl entstehen, sich unter einem großen Flugobjekt aufzuhalten. Teleskopartige Stützen vermitteln den Eindruck, dass der Baukörper tatsächlich abheben könnte. Weite Glasfronten lassen großzügig Tageslicht einfallen: So entsteht ein lichtdurchfluteter Bahnsteigbereich, der eindrucksvolle Weitläufigkeit mit freundlicher Transparenz verbindet. Gleichzeitig sollte die Struktur alle drei S-Aspekte erfüllen, die der Bahn besonders am Herzen liegen: Service, Sauberkeit und Sicherheit. Die Themen Wärmeentwicklung und Ökologie hatten wir ebenfalls stetig im Auge: Riesige 400 Meter lange Wasserbecken wurden an verschiedenen Stellen des Hauses umgesetzt, um die Temperatur im ganzen Bahnhof steuern zu können. So wurde ein komplexes Gebäude aus einem Guss: 700 Meter lang, 60 Meter breit mit einem Design, das in 100 Jahren noch futuristisch sein wird!

 

Welchen Herausforderungen muss sich zukünftige Architektur und Stadtplanung stellen?

Die Themen ändern sich natürlich gewaltig und dabei geht es vor allem um die Frage, wie wir mit unserer Umwelt umgehen wollen. C02-Reduktion, innovative Recycling-Baustoffe und Wiederverwendung von Bauteilen: Daran muss sich die künftige Architektur messen. Fortan soll es darum gehen, die einzelnen Baumaterialien besser trennen zu können, wenn man neu bauen muss. „Cradle To Cradle“ heißt das Prinzip, das mir am Herzen liegt: Eine abfallfreie Wirtschaft, bei der keine gesundheits- und umweltschädlichen Materialien mehr verwendet werden und die ausschließlich die Nutzung erneuerbarer Energien voraussetzt. Die große Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, mit ganzzeitlichem Denken einen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten. Die Veränderung fängt bei den großen Themen an, prägt aber alle unsere Lebensbereiche – von der Stadtplanung bis hin zu einer neuen Umbaukultur. Ein Beispiel ist unter anderem auch die Pandemie, denn durch Corona hat sich nicht nur unser Leben verändert, sondern auch die Innenstädte. Man will Menschen dazu bringen, die Innenstädte wieder zu beleben und dort zu wohnen. Dies stellt uns Architekten immer öfter vor die Frage: Was machen wir mit diesen riesigen Einkaufshäusern? Bauen wir sie um, und wie? In allen diesen Bereichen wird es noch viel Veränderung geben.

 

 

(c) Jörg Hempe, Aachen

 

 

Was würden Sie gern den jungen Architekten und Architektinnen auf den Weg geben?

Sie sollen das „Sehen“ lernen. Denn wenn du siehst, kannst du Fragestellungen schnell und richtig erkennen, um dann auch gezielt Fragen zu beantworten. Dies gilt ganzheitlich in jedem Bereich – von der Architektur bis hin zur Gesellschaft. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, lernt man, die Menschen und die Umgebung besser und bewusster wahrzunehmen. Man lässt das eigene Gehirn sich Dinge merken, die auf Körper und Geist wirken. Also: Sehen lernen, erkennen, um dann zu entscheiden. Die Erfahrung ist auch Teil dieses Lernprozesses, der natürlich trainiert werden muss. Bei meinen regelmäßigen Beobachtungen am Morgen, indem ich an der Alster entlang gehe, mich von dem Wasserspiel, von dem Sonnenaufgang, von der Vegetation inspirieren lasse, tanke ich mich gleichzeitig geistig auf. Als Architekt baut man für die Menschen und es ist wichtig, ihre Erwartungen und Motive zu verstehen.

 

Wie lautet Ihr Wahlspruch?

Keep your cloud clean! Jeder Mensch hat um sich eine Aura, eine Wolke. Gedanken schreiben sich in diese Wolke nieder: Die positiven sollen gespeichert werden; die negativen dagegen regelmäßig gelöscht werden. Denn Negativität verbraucht zu viel Energie; nur Positivität macht uns zu guten und inspirierenden Menschen.

 

Vielen Dank für Das Interview.

 

[1] Architekt: BRT Architekten BDA Bothe, Richter, Teherani auf Grundlage der Entwürfe des Workshops der ARGE 1. Preisträger Rheinauhafen Köln: „Bothe Richter Teherani, Busmann und Haberer, Linster, Schneider-Wessling und Abbing“ vom April 1993