15. August 2022

Im Zeichen der Nachhaltigkeit: Das Eisbärhaus in Kirchheim unter Teck

Kirchheim unter Teck (pm) – Das Bauwesen verursacht bis zu 40 Prozent aller klimaschädlichen Emissionen und somit mehr als jeder andere Industriesektor. Das Thema Nachhaltigkeit steht im öffentlichen Diskurs und daher auch bei vielen Architekturbüros immer weiter oben auf der Agenda. Das Generalplanungs- und Architekturbüro BANKWITZ beraten planen bauen hat auf die zentrale Frage, wie die Zukunft des Bauens aussehen kann, mit dem Eisbärhaus eine konkrete Antwort gegeben.

Am Rande der Kirchheimer Altstadt wurde mit der Erweiterung des Eisbärhauses ein Gebäude fertiggestellt, das neue Maßstäbe setzt. Das Projekt optimiert das nachhaltige Bauen in vielen Bereichen. Der erste Blick auf den neuen „Bauteil C“ mit seiner Fassade aus sägerauer Weißtanne macht ebenso neugierig wie die Bezeichnung „Eisbärhaus“. Das Gebäude verdankt seinen Namen dem Polarbewohner, der durch seine schwarze Haut und sein helles Fell optimal gegen Wärmeverluste geschützt ist. Dieses natürlich effiziente Energiekonzept wurde sich auch beim Neubau zunutze gemacht. Entstanden ist ein klimapositives Wohn- und Geschäftshaus in Passivhausstandard.

 

(c) BANKWITZ GmbH

 

Bauen für die Welt von Morgen

Der vom Bundestag beschlossene nationale Klimaschutzplan sieht einen klimaneutralen Gebäudebestand ab dem Jahr 2050 vor. Mit dem Bau des Eisbärhauses (Bauteile A+B), das 2008 fertiggestellt wurde, waren die Architekten den Vorgaben der Politik damit um 42 Jahre voraus. Nun galt es, diesen Vorsprung noch weiter auszubauen und die Erfahrungen, die in den letzten Jahren -auch als Nutzer des bestehenden Gebäudes- gesammelt wurden, bei der Planung und Errichtung des Erweiterungsbaus anzuwenden.

Der neue Bauteil C unterscheidet sich nur wenig vom Ursprungsbau, was zeigt, wie sehr sich dieser in den letzten 12 Jahren bewährt hat. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat den Neubau hierfür nicht nur mit einem Zertifikat in Platin bedacht, sondern ihm auch die höchste Bewertung bescheinigt, die weltweit jemals in einem Zertifizierungsverfahren der Gesellschaft erreicht worden ist.

 

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Klimapositive Architektur

Neben der Anerkennung in Platin wurde das Eisbärhaus als eines der ersten Gebäude bundesweit als „klimapositiv“ ausgezeichnet, was dessen CO2-Neutralität im Betrieb bestätigt. Auch der neue Bauteil C ist nach DGNB-Definition schon heute klimapositiv: Nach spätestens drei Jahren decken die CO2-Einsparungen aus dem Betrieb, weiterhin den Betrieb und zusätzlich den gesamten Herstellungsaufwand des Gebäudes.

Möglich ist dies durch die Umsetzung eines ganzheitlichen Gebäudekonzeptes. Durch die Nutzung einer mechanischen Be- und Entlüftung kann im Innenraum stets eine optimale Versorgung mit Frischluft gewährleistet werden. Die Komfortlüftung in den Bauteilen A+B gewährleistet einen Luftwechsel mit einer Luftwechselrate von 0,6. Im Bauteil C wird die zugeführte Luftmenge über einen CO2- Sensor geregelt. Dieser misst kontinuierlich die Luftqualität im Raum und führt dann, abhängig von der Raumbelegung, die entsprechende Menge Frischluft zu.

Im Rahmen des Lüftungskreislaufes entzieht ein Wärmetauscher der entweichenden Abluft im Winter die Wärme und gibt diese dann an die angesaugte Frischluft weiter (Wärmerückgewinnungsgrad circa 85 %). Das Gebäude weist hierdurch einen sehr guten thermischen Komfort und angenehme Raumklimabedingungen auf. Da die Luft durch die Vorerwärmung in Raumtemperatur eingeblasen wird, kommt es zu keinen Luftzugerscheinungen. Außerdem wird die Frischluft über einen Pollenfilter geführt, was speziell für Allergiker von Vorteil ist, da hierdurch keine Pollen in den Innenraum gelangen. Die Abluft wird über die Tiefgarage an die Umwelt abgegeben. Hierdurch kann die noch vorhandene Restwärme in der Abluft zur Erwärmung der Tiefgarage genutzt werden.

Alle Nutzungseinheiten im Bauteil C werden zusätzlich über eine Bauteilaktivierung temperiert. Die hierfür notwendige Wärmemenge wird über die Bauteile A+B bezogen, da dort aufgrund der inneren Wärmelasten in der Regel ein Energieüberschuss besteht (Nahwärmenetz). Der Erweiterungsbau selbst besitzt somit keine eigene Wärmequelle. Im bestehenden Eisbärhaus erfolgt die Beheizung der Räume über Geothermie und eine Sole-Wasser-Wärmepumpe. Die Kälteversorgung des Bauteil C erfolgt mithilfe vier geothermischer Bohrungen mit je 130 Metern Länge. Die Serverschränke werden durch natürlich vorgekühlte Luft gekühlt. Hierfür wurden Lüftungsrohre mit einer Gesamtlänge von 80 Metern in der Erde verlegt. Die im Innenhof angesaugte Frischluft wird dann im Sommer vorgekühlt und im Winter vorgewärmt in den Serverraum eingeblasen.

Den Strombedarf deckt unter anderem eine auf dem Dach installierte Fotovoltaikanlage, den Wasserbedarf für die sanitären Anlagen und die Gartenbewässerung eine Regenwasser-Zisterne.

 

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Holz als vorherrschendes Gestaltungsmerkmal

Nicht nur aus energetischer Sicht setzen das Eisbärhaus und dessen Erweiterung Maßstäbe. Vorbildlich ist auch die Auswahl der eingesetzten Baustoffe. Das Bauteil C wurde als Stahlbeton-Holz-Hybridbau errichtet. Für alle Betonarbeiten kam Recycling-Beton (RC-Beton) zum Einsatz. Und zwar auch für den wasserundurchlässigen Beton (WU-Beton). Zudem diente das Bauteil C als Pilotprojekt – denn erstmalig wurde auch eine Bodenplatte in RC-Beton ausgeführt.

Als Grundlage für die Auswahl der Baustoffe diente unter anderem der Vorarlberger Ökoleitfaden. Jedes Produkt wurde hinsichtlich dessen „Grauer Energie“, der benötigten Energie bei der Herstellung des Produktes, geprüft. Ein weiteres Kriterium stellte die möglichst geringe Belastung von Mensch und Umwelt durch die verwendeten Produkte dar. Und das nicht nur im eingebauten Zustand, sondern auch bei der Herstellung und der Verarbeitung. Regionale Produkte sowie Materialien mit Nachhaltigkeitslabels hatten stets Vorrang. Als nachwachsender, energieneutraler und heimischer Rohstoff erfüllt Holz all diese Bedingungen.

Ein großer Vorteil des Bauens mit Holz liegt in einer größtmöglichen Vorfertigung von Bauelementen im Werk. In der Werkhalle lässt sich viel exakter arbeiten als vor Ort, wodurch eine sehr hohe Ausführungsqualität sichergestellt wird. Außerdem können die Arbeiten wetterunabhängig realisiert werden. Neben der deutlichen Qualitätssteigerung hat die Vorfertigung im Werk mit der Verkürzung der Bauzeit vor Ort noch einen weiteren entscheidenden Vorteil.

Nur knapp zwei Wochen dauerte es, bis die vorgefertigten Außenwände am Rohbaubau des Bauteil C angebracht waren. Sie bestehen aus Holzelementen mit Zellulosedämmung sowie einer unbehandelten, sägerauen Holzverkleidung. Die Fensterflügel und -rahmen sind ebenfalls unbehandelt. Durch die unterschiedlich tiefen Profilhölzer aus Weißtanne entstehen auf den Fassaden (je nach Tageszeit und Witterung) spannende Licht- und Schattenspiele. Bedingt durch die elementierten Außenwände und das Stahlbeton-Skelett kann die Fassade ohne Eingriffe in das Tragwerk rückgebaut und recycelt werden.

Das außergewöhnlich nachhaltige Baumaterial Holz rückt bei der Frage nach zukunftsfähigen Bauweisen immer mehr in den Fokus. Kaum jemand weiß jedoch, dass ein gesunder Baum während seines Wachstums nicht nur Sauerstoff produziert, sondern im Schnitt auch bis zu 100 Gramm CO2 am Tag bindet. Erst durch das Abbrennen des Holzes wird dieses eingelagerte CO2 wieder freigesetzt. Bei der Erweiterung des Eisbärhauses kamen rund 100 Kubikmeter Holz zum Einsatz. In Summe werden so im Gebäude 100 Tonnen CO2 dauerhaft gebunden. Zum Vergleich: mit einem Pkw könnte man, um dieses CO2 zu verursachen, fast 14 Mal die Welt umrunden. Diese Zahlen sind so prägnant, dass man sie nicht mehr so schnell vergisst.

Moderne Bürowelt mit Wohlfühlatmosphäre

Ein modernes, attraktives Arbeitsumfeld spielt heute eine wichtige Rolle. Daher nahm das Generalplanungs- und Architekturbüro die Fertigstellung des Neubaus zum Anlass, die eigenen Räumlichkeiten in den drei Bauteilen zu einer modernen Bürowelt umzugestalten. Da Holz nicht zuletzt mit gesundheitlichen und Wohlfühl-Aspekten punktet, spielte der Baustoff auch bei der Gestaltung der Innenräume eine entscheidende Rolle.

Die Umgestaltung der Flächen erfolgte in Kooperation zwischen schwäbischen Handwerksbetrieben und Betrieben aus dem Bregenzerwald. Spannend hierbei war vor allem die Beschaffung der benötigten Baumaterialien. Für den Innenausbau des Bauteil C wurde nur extra für diesen Zweck geschlagenes Holz verwendet. Das für den Weißtannen-Dielenboden verwendete Material wurde im Bregenzerwald nach Standort und Wuchs ausgesucht, eingeschlagen und natürlich getrocknet. Der Blindboden, die Unterkonstruktion für die Wand und der sichtbar genagelte Wandbelag wurden aus Fichtenholz gefertigt. Das hierfür eingesetzte Holz wurde vom Architekten in einem Wald bei Abtsgmünd ausgewählt. Nachdem man den Waldbesitzer herausgefunden hatte und mit ihm handelseinig wurde, wurden die Bäume bei Vollmond gefällt, künstlich getrocknet, im Sägewerk und später beim Schreiner weiterbearbeitet.

Eines der Ziele im Zusammenhang mit dem Innenausbau stellte die Minimierung des Holzabfalls dar. So wurde für die Erstellung der Unterkonstruktion teilweise auch minderwertiges „Käferholz“ verwendet, das ansonsten keine weitere Verwendung finden würde. Darüber hinaus sind die verwendeten Holzdielen unterschiedlich breit, sodass beinahe der gesamte Querschnitt des Baumes genutzt werden konnte. Durch dieses Vorgehen konnte der Verwertungsgrad aus dem Baumstamm um 50 Prozent gesteigert werden. Weitere Vorteile stellten eine Reduktion der Transportwege, die Unterstützung der Forstwirtschaft und eine noch intensivere Identifikation mit dem Baustoff Holz dar.

Zusätzlich kommt im Büro das Beleuchtungskonzept „Human-Centric-Lighting“ zur Anwendung. Darunter wird die Anpassung der Beleuchtung entsprechend dem natürlichen Verlauf des Tageslichts verstanden. Wesentlich ist hierbei neben der Beleuchtungsstärke vor allem die sich verändernde Farbtemperatur des Lichtes. So wandelt sich das Farbspektrum des Lichtes wie beim natürlichen Licht über den Tag hinweg von hohen Blauanteilen in den Morgenstunden bis zum gänzlichen Fehlen von Blauanteilen in den Abendstunden. Das Ergebnis ist eine moderne Bürowelt, in der es sich sehr angenehm Arbeiten lässt.

 

(c) BANKWITZ GmbH

 

Strahlkraft nach außen

Das Eisbärhaus zeigt durch viele Aspekte, wie das Bauen für die Welt von Morgen aussehen kann. Matthias Bankwitz, geschäftsführender Gesellschafter der BANKWITZ GmbH, erklärt: „Authentizität ist uns wichtig – wir tun, was wir sagen. Daher sensibilisieren wir die Öffentlichkeit auf glaubwürdige und menschliche Art für Nachhaltigkeit. Um die Menschen von den Vorteilen eines nachhaltig geplanten und gebauten Gebäudes zu überzeugen, zeigen wir ihnen die positiven Aspekte nicht nur auf dem Papier. Vielmehr steht unser Bürogebäude in allen Details für ein ökologisches, energetisch und wirtschaftlich sinnvolles und damit nachhaltiges Gebäude. Die Erfahrungen, die wir bei dessen Planung, Bau und Unterhalt sammeln, geben wir sehr gerne weiter.“

 

Pressemitteilung: BANKWITZ beraten planen bauen GmbH