6. Februar 2023

Im Mühltal leben: Architekturstudierende planen Neubauten für die Gemeinde Mühltal

Hildesheim (pm) – Unter dem Arbeitstitel „Im Mühltal leben!“ haben Studierende im zweiten Semester des Masterstudiengangs Architektur an drei unterschiedlichen Standorten architektonische Lösungsansätze entwickelt. Das Ziel dieser Entwurfsaufgabe bestand darin, die ganz unterschiedlichen Grundstücke im Mühltal nachzuverdichten und durch innovative und nachhaltige Konzepte aufzuwerten. Das Projekt an der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen am Standort Hildesheim bildete die Kette von Entwerfen, Konstruieren und Bauen ab.

Als zentrales Thema legte die Lehrveranstaltung dabei einen besonderen Wert auf die Einhaltung städtebaulicher, funktionaler, gestalterischer und konstruktiver Belange. Die Konzeption des Kurses und die Betreuung der Entwürfe organisierten Prof. Dr. Till Böttger, Dr. Natalie Heger und Ulrike Knauer M. Sc. im Team. Sowohl German Halcour, Verw.-Prof. für Projektentwicklung vom HAWK Standort Holzminden, als auch Bürgermeister Willi Georg Muth und Bauamtsleiter Karsten Kutschera der Gemeinde Mühltal unterstützten in der Vorbereitung, im Modellbau und in Form von Gastkritiken gegenüber den Studierenden das Studienprojekt maßgeblich.

Die Studierenden hatten, trotz der Auswirkungen der Pandemie, sehr direkten Kontakt zu den Verantwortlichen im Mühltal und konnten Ortsbesichtigungen und digitale Präsentationen ihrer Konzepte vor dem Gemeinderat wahrnehmen. Der Ort bildete den Ausgangspunkt dieser Bearbeitung. Die Gemeinde Mühltal befindet sich in Südhessen in unmittelbarer Nähe zu Darmstadt. Eigentümer der drei Grundstücke in der Dornwegshöhstraße 31, der Ober-Ramstädter Straße 38 und der Wettermühle ist die Gemeinde Mühltal. Zu den programmatischen Überlegungen gehörte es, dass sich die Studierenden Gedanken über wirtschaftliche Nutzungskonzepte machten und diese durch Volumen- und Formstudien auf den jeweiligen Grundstücken austesteten. Anschließend arbeiteten sie die Entwürfe aus und vertieften sie konstruktiv im Sinne von Leitdetails.

Für die Grundstücke in der Dornwegshöhstraße 31 und der Ober-Ramstädter Straße 38 sollten die Studierenden Wohnungsbauten entwerfen, welche die unterschiedlichsten Anforderungen an die neue Art des Zusammenwohnens umsetzen. Im Zuge der Bearbeitung setzten sie sich mit Cluster-, Satelliten- oder dem Mehrgenerationenwohnen auseinander. Zusätzlich sollten sie den Aspekt berücksichtigen, neue Arbeits- und Lebensformen miteinander zu verbinden. Gerade die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig eine sinnvolle Verknüpfung sein kann. Deshalb fielen auch Begriffe wie FabLab, Co-Working-Space, Co-Living und Third Places. Für das Grundstück „Wettermühle“ galt es, zwei Lösungsansätze für eine sechs-zügige Kindertagesstätte zu entwerfen. Zum einen sollten die Studierenden ausschließlich eine Kindertagesstätte planen, die den Anforderungen des Flächennutzungsplanes entsprach und zum anderen sollten sie eine Mischnutzung in Verbindung mit Kindertagesstätte und Wohnen ausprobieren. Neben dem Entwurf des Neubaus waren die Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten und eine Umstrukturierung der Verkehrswege ein wichtiger Bestandteil der Planungsaufgabe. Die Materialität sollten sie als ein Zusammenspiel von Ort und Programm herausarbeiten. Besonders die Gedanken zur Nachhaltigkeit waren integraler Bestandteil in Konstruktion und Materialisierung und flossen in den Entwurfsprozess mit ein.

 

„Green Construction“ von Lea Steiner

(c) Lea Steiner

 

Lea Steiner beplante das Eckgrundstück in der Dornwegshöhstraße 31 im Mühltal. Es ist ein L-förmiger Baukörper, der sich Richtung Süden öffnet und aus zwei Gebäudeabschnitten besteht – einem viergeschossigen zeilenartigen Abschnitt mit Satteldach im Westen und einem zweigeschossigen Teil mit darüber liegender Dachterrasse im Osten. Ein Atrium öffnet den Scheitelpunkt der beiden Gebäudeabschnitte. Das schafft neue Räume und lenkt Tageslicht in die Anlage. Der Ausdruck des Gebäudes ist durch eine massive Bauweise geprägt, welche durch den Einschnitt des Atriums aufgebrochen wird. In einer ostwestlich verlaufenden Achse drückt sich der eingeschnittene Teil des Atriums im Westen in Form einer massiven turmartigen Gaube, welche sich über alle Geschosse erstreckt, wieder heraus. Zudem öffnet sich das Gebäude in dieser Achse im Osten in Form von Loggien. Durch die hier angelegten großflächigen Öffnungen der Fassade entsteht ein Wechselspiel zwischen der sonst geschlossenen Lochfassade und den großzügigen Öffnungen. Hinter dem Entwurf steht das Konzept des „Wohnens und Arbeitens in der Gemeinschaft“. Der Entwurf setzt das durch die neuartige Wohnform des Cluster-Wohnens und der Co-Working-Büros um. Im Erdgeschoss befindet sich ein Co-Working-Büro, welches über Arbeitsplätze verfügt, die sich sowohl von Bewohnenden des Gebäudes als auch von Außenstehenden mieten lässt. In den Obergeschossen gliedern sich dann die Cluster-Wohnungen an, ebenso wie eine Cluster-Wohnung im Erdgeschoss. Die Dachterrasse auf dem zweigeschossigen Gebäudeabschnitt ist als Dachgarten ausgebildet, Hochbeete bilden dabei die Absturzsicherung und holen die Natur in das Gebäude. Das Gebäude ist aus Gründen der Nachhaltigkeit zudem fast ausschließlich in der Holzbauweise geplant. Die Terrassen sind für alle Nutzenden des Gebäudes zugänglich, auch hier steht das Thema der Gemeinschaft erneut im Fokus.

 

„Neues Wohnen – shared living“ von Tom Janus

(c) Tom Janus

 

Tom Janus stellt hier einen Entwurf für die Ober-Ramstädter Straße 38 vor. Das Gebäude erstreckt sich über drei Geschosse und bietet drei Single-Wohnungen, zwei Einfamilienwohnungen sowie zwei Wohnungen mit je sechs Schlafzimmern für Wohngemeinschaften. Neben einem Fahrradraum steht jeder Wohnung ein privater Außenbereich zur Verfügung. Bei der Fassadengestaltung nahm Janus einerseits Rücksicht auf das abfallende Gelände, andererseits spiegelt die Fassade den Übergang zwischen der Materialität der Nutzungseinheiten von WG-Wohnungen und Familienwohnungen wider. Im unteren Teil brachte er eine vorgehängte Holzfassade mit vertikalen Lamellen an. Der Übergang definiert sich durch eine Aluminiumschiene. Sie leitet die anthraziten Aluminiumschindeln ein. Diese erstrecken sich ebenfalls übergangsfrei im Dachbereich. Die anthraziten Fensterrahmen runden das Gesamtbild ab. Alternative Wohnformen, zeitgemäßes Design, und der attraktive Standort sollen Anreize sein, um auch jungen Menschen das Leben auf dem Dorf schmackhaft zu machen.

 

„Gemeinschaftliches Wohnen und Aufwachsen im Mühltal“ von Nils Keck

(c) Nils Keck

 

Der entworfene Baukörper von Nils Keck soll die Nutzungsschemata Kita und Wohnen verträglich zusammenbringen. Der Ort spielt eine wichtige Rolle in der Zonierung und Unterbringung des Programms. Das Grundstück „Wettermühle“ bildet die südliche Grenze Nieder-Ramstadts zum angrenzenden Mühltal. Diese naturnahe, ruhige Lage macht das Grundstück besonders und fordert eine maximale Ausnutzung bei gleichzeitig sensibler Einfügung des Programms in die vorhandene Wohnhausstruktur. Städtebaulich bildet der Baukörper den Abschluss des Ortes und der Nieder-Beerbacher-Straße in Richtung Süden zum Mühltal und passt sich nordöstlich der angrenzenden, kleinteiligen Wohnbebauung an. Im Südwesten stellt er sich der großformatigen Kubatur der gegenüberliegenden Feuerwehr gleich und öffnet sich ins Mühltal. Zur Nieder-Beerbacher-Straße nimmt der Baukörper die Flucht der angrenzenden Wohnbebauung auf. Die zurückversetzte Wohnzeile im Nordosten schafft einen Vorbereich, der sich als Haupterschließung des Gebäudes visuell erkennen lässt. Auch macht der Entwurf durch die geringere Gebäudetiefe und die äußere Gestalt des Nordostriegels die Inklusion alternativer Wohnformen ablesbar. Die Ausrichtung des Baukörpers erfolgt parallel zur Feuerwehr. Seine Formgebung unterteilt sowohl Innen- als auch Außenraum des Gebäudes und Grundstücks für die unterschiedlichen Nutzungen in entsprechende Zonen. So entsteht im Schenkel des L-Körpers ein geschützter, der Natur zugewandter Freiraum für die Kita. Gleichzeitig unterteilt der südöstliche Schenkel der L-Struktur das Grundstück, sodass im südöstlichen Bereich ein ebenfalls geschützter, sich nach Süden öffnender Freiraum für das Wohnen ergibt. Durch die geringere Gebäudetiefe der nordöstlichen Wohnzeile verschattet sich die angrenzende Bebauung weder, noch ist sie visuell beeinträchtigt. Im südwestlichen Teil des Grundstücks bildet sich ein weiterer Außenraum für den Kindergarten. Dieser bietet als halböffentlicher Bereich Blickkontakt zur Nieder-Beerbacher-Straße und zur Feuerwehr. Von hier aus lässt sich auch das angrenzende Mühltal bei Ausflügen unkompliziert erreichen.

Pressemitteilung: HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen