27. November 2022

Im Interview mit Prof. Dr. Guido Spars über den Wiederaufbau der Berliner Bauakademie als Institution für die nachhaltige Bauwende

Berlin – Die Berliner Bauakademie wurde zwischen 1832 und 1836 nach den Plänen von Karl Friedrich Schinkel, dem preußischen Oberbaudirektor, errichtet. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. gründete die Institution zur Ausbildung von Architekten. Im Zweiten Weltkrieg brannte die Akademie aus. Die DDR-Regierung plante zunächst den Wiederaufbau, riss das Gebäude aber 1962 ab. Am 11. November 2016 beschloss der Deutsche Bundestag die Wiedererrichtung der Bauakademie in der historischen Mitte Berlins. Die Bundesstiftung Bauakademie wurde zu diesem Zweck gegründet. Die Leitung der Bundesstiftung hat der Universitätsprofessor Guido Spars seit 2021 inne.

 

Guido Spars
Prof. Dr. Guido Spars, Gründungsdirektor der Bundesstiftung Bauakademie Berlin (c) Bundesstiftung Bauakademie / Stephanie von Becker 2021

Guido Spars ist diplomierter Volkswirt, promovierter Ingenieur und habilitierter Stadt- und Regionalökonom. Während seiner Berufung als Gründungsdirektor der Bundesstiftung Bauakademie ist er von der Leitung des Lehrstuhls Ökonomie des Planens und Bauens an der Bergischen Universität Wuppertal beurlaubt. Er hat 2000 an der Technischen Universität Berlin promoviert und wurde 2007 dort habilitiert.

 

Welche Aufgabe und welchen Stellenwert hatte damals die Bauakademie in Preußen?

Prof. Guido Spars: Die Bauakademie war eine Ausbildungsstätte für Architekten und Bauingenieure, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 1836 jederzeit den neuesten Wissensstand über die Theorie und Praxis des Bauens vermitteln wollte. Schinkel hatte das Gebäude in diesem fortschrittlichen Geist entworfen, und die Professoren der Bauakademie, die allesamt Schüler und Anhänger Schinkels waren, vermittelten diesen Geist an die nächsten Studenten-Generationen weiter. Die Bauakademie erwarb sich in den Jahrzehnten nach ihrer Gründung über Preußen hinaus den Ruf, hervorragende Lehrer und bestens ausgebildete Absolventen zu haben. Der Andrang von Studenten wurde allmählich so groß, dass Schinkels Gebäude nicht mehr ausreichte. Die Ausbildung wurde 1885 an die Technische Universität Berlin verlagert, und das Gebäude wurde dann bis zu seiner Beschädigung im Zweiten Weltkrieg für andere Zwecke genutzt.

Schinkels Konstruktionspläne für die Bauakademie galten zur damaligen Zeit als revolutionär. Warum?

Prof. Guido Spars: Wenn wir heute historische Abbildungen des Gebäudes sehen, können wir gar nicht mehr nachvollziehen, wie avantgardistisch die Bauakademie nach ihrer Eröffnung auf zeitgenössische Betrachter wirkte. Da stand gegenüber dem barocken Stadtschloss plötzlich dieser quadratisch angelegte Bau mit seinen gleichmäßig gegliederten Rohziegelfassaden und den breiten Fensterflächen, der einen fast fabrikartig zweckmäßigen Eindruck machte und trotzdem elegant wirkte. Revolutionär war auch die neuartige Skelettbauweise. Schinkel hatte sich für die Ausführung des Gebäudes ein Grundgerüst aus Pfeilern und Querstreben erdacht, das es ermöglichte, Wandflächen und andere Bauelemente schon vorab einheitlich in Serie anzufertigen und in das vorgegebene Raster einzufügen. Diese Konstruktions- und Fertigungsprinzipien haben die Architektur der Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart hinein geprägt. Außerdem hatte die Bauakademie auch in ihrer technischen Ausstattung moderne Eigentümlichkeiten, die in den 1830er Jahren verblüffend futuristisch wirkten, zum Beispiel eine Zentralheizung und Schiebefenster. Selbst das Nutzungskonzept war sehr innovativ. Im Erdgeschoss der Bauakademie sah Schinkel Ladengeschäfte vor, die den Unterhalt und Lehrbetrieb des Gebäudes mitfinanzieren sollten.

Was soll die neue Bauakademie in der Zukunft leisten?

Prof. Guido Spars: Die Bauakademie soll sich am selben Ort und auf demselben Grundriss, auf dem Schinkels Gebäude stand, erneut als international angesehene Institution für zukunftsweisendes Bauen etablieren. Diesmal aber nicht als Ausbildungsstätte, denn diese Funktion ist ja längst auf die Universitäten und Fachhochschulen übergegangen. In Zukunft will die Bauakademie ein Think- and Do-Tank sein, der die Transformation der Baubranche hin zum klima- und ressourcenschonenden Bauen, der die sogenannte Bauwende unterstützt. Viele Bau- und Architekturprojekte unserer Zeit setzen noch immer auf einen verschwenderischen Einsatz von Materialien wie Glas, Beton und Stahl und nehmen wenig Rücksicht auf den Ressourcen- und Energieverbrauch sowie den CO2-Fußabdruck. Die Bauakademie stelle ich mir als die Plattform vor, die genau diesen Fehlentwicklungen entgegensteuert und positive Beispiele entgegensetzt. Wir wollen dazu beitragen, die grundlegende Bauwende zu unterstützen – durch die Vermittlung nachhaltiger Bauweisen, durch den Austausch zwischen Bauwirtschaft, Politik und Wissenschaft und durch den Einbezug der Öffentlichkeit.

Welche Herausforderung ist es, die Bauakademie wieder städtebaulich zwischen Humboldt Forum und Friedrichswerderscher Kirche einzufügen?

Prof. Guido Spars: Das ist eine enorme Herausforderung! Lage und Grundriss sind vorgegeben, aber die Umgebung hat sich völlig verändert. Es gibt ja bei Befürwortern einer strikt originalgetreuen Rekonstruktion der Schinkelschen Baukademie die Vorstellung: Wenn wir das ursprüngliche Gebäude genauso, wie es war, wieder aufbauen, dann ist die architektonische Harmonie der historischen Mitte Berlins wieder hergestellt, die letzte Fehlstelle geschlossen. Aber die historische Mitte der Schinkelzeit existiert gar nicht mehr. Das einzige noch immer authentisch erhaltene historische Gebäude in unmittelbarer Nähe des Standorts der Bauakademie ist die von Ihnen genannte Friedrichswerdersche Kirche, die ebenfalls ein Werk Schinkels ist. Aber zwischen der Kirche und der westlichen Seite des Bauakademie-Grundstücks steht mittlerweile ein neues Wohnquartier mit moderner Fassadengestaltung.

Das Humboldt Forum auf der östlichen Seite, das an die Stelle des DDR-Palastes der Republik eine äußerliche Wiederherstellung des preußischen Stadtschlosses setzte, ist keine Rekonstruktion, sondern eine Neukonstruktion, die die ursprünglichen Außenfassaden nicht vollständig nachbildet und im Innern ein völlig neues Raum- und Nutzungskonzept hat.

Und dann gibt es im städtebaulichen Kontext noch ein anderes dominantes Gebäude, das Sie gar nicht erwähnt haben, das aber dem Standort der Bauakademie im räumlichen Wortsinn nähersteht als das Humboldt Forum, und das ist der Neubau des Auswärtigen Amtes aus dem Jahr 1999. Dessen verspiegelte Glasfront überschattet nun die südliche Seite des einstigen und künftigen Standorts der Bauakademie.

Kurz: der bauliche Kontext der Schinkelschen Bauakademie hat sich seit ihrem Abriss bis in die Gegenwart hinein immer weiter verändert. Kann man diese Veränderungen zurücknehmen, indem man ihnen eine originalgetreue Replik des Schinkelbaus entgegenstellt? Würde man damit vielleicht weniger eine Harmonisierung als eine neue Disharmonie im gegenwärtigen Gebäude-Ensemble der historischen Mitte erzeugen? Gäbe es vielleicht eine architektonische Lösung, die sowohl die historische Gestalt der einstigen Bauakademie verkörpert als auch den fortschrittlichen Geist, in dem Schinkel das Gebäude damals entwarf? Auf all diese Fragen müssen überzeugende Antworten gefunden werden. Und das ist letztlich der Entwurf, der aus dem Realisierungswettbewerb um den Neuaufbau der Bauakademie als Sieger hervorgeht.

 

 

Bauakademie Berlin
© Bundesstiftung Bauakademie / Noshe 2022

 

Gerade hat ein interdisziplinärer Thinktank von Expertinnen und Experten auf Ihre Initiative hin eine Reihe von Handlungsempfehlungen erarbeitet, die in die Vorgaben für den Realisierungswettbewerb eingehen werden. Welche Handlungsempfehlungen haben Sie bekommen?

Prof. Guido Spars: Es gab zum einen sehr klare Empfehlungen zum ökologischen Aspekt des Baus. Das Gebäude soll ein Demonstrationsobjekt dafür werden, was an maximal ressourcenschonenden Bauweisen heutzutage möglich und machbar ist. Zum anderen gab es für die Gestalt des Gebäudes die Empfehlung, in der Wettbewerbs-Ausschreibung verbindlich die Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe der Schinkelschen Bauakademie zu fordern. Als bestmögliche Lösung wurde eine konzeptionelle Rekonstruktion empfohlen. Also keine schlichte Replik, aber definitiv auch keine architektonische Neuerfindung ohne Rückbezug auf das ursprüngliche Gebäude.

 

Werden auch die Bürger und Bürgerinnen Berlins in den Entscheidungsprozess um das Bauakademie-Gebäude einbezogen?

Prof. Guido Spars: Selbstverständlich, es ist ja ihre Stadt und ihre Stadtmitte! Während der Thinktank tagte, haben wir gleichzeitig eine Bauakademie-Werkstatt mit Berlinerinnen und Berlinern der angrenzenden Wohnbezirke durchgeführt. Wir haben dazu auch die engagiertesten Vertreter der bürgerschaftlichen Wiederaufbau-Vereine eingeladen, deren langjährige Lobbyarbeit maßgeblich dafür war, dass die Bundesstiftung Bauakademie gegründet wurde. Bei den Werkstatt-Zusammenkünften gab es überaus spannende und feurige Debatten um die Gestalt des Gebäudes. Am Ende stimmten alle Beteiligten über eine Liste von Kernbotschaften ab, die dem Thinktank „Wettbewerb“ übergeben wurden. Die beiden populärsten Botschaften waren übrigens „So viel Innovation wie möglich“ und „So viel Rekonstruktion wie möglich“. Sie sehen, die Meinungen sind gespalten.

 

Wie wird es nun mit dem Bauprojekt weitergehen?

Prof. Guido Spars: Aus den Empfehlungen des Thinktanks werden wir jetzt mit einem Wettbewerbs-Gremium die konkreten Vorgaben für den Realisierungswettbewerb entwickeln. Der Wettbewerb soll noch im Jahr 2023 stattfinden. Anschließend könnte mit dem Bau begonnen werden. Unterdessen werden wir die Bauakademie als Institution für die nachhaltige Bauwende weiter ausbauen. Wir haben bereits ein kleines, hoffentlich bald größeres Forschungsteam, das Themenfelder bearbeitet wie Transformationsforschung, Digitalisierung, Innovation, Nachhaltigkeit, Klimawandel, Kreislaufwirtschaft, Stadtentwicklung und Wohnen. Vorläufig arbeiten wir in Büroräumen ganz in der Nähe der künftigen Baustelle. Und während wir den Aufbau der Bauakademie im wirklichen Stadtraum vorantreiben, werden wir sie zugleich zu einer digitalen Wissens- und Kommunikationsplattform im virtuellen Raum ausbauen.

 

Prof. Spars, vielen Dank für das Interview.