17. Juni 2024

Holz und Modulbauweise – ein ideales Paar

Von Jutta Glanzmann, Chefredaktorin Lignum-‹Holzbulletin›, Zürich

Temporäre Erweiterung Schule Champagne, Biel, 2017 Bauherrschaft: Einwohnergemeinde Biel, Direktion Bau, Energie und Umwelt; Architektur: Verve Architekten, Biel; Holzbauingenieur/Brandschutzkonzept: Josef Kolb AG, Romanshorn; Holzbau: Renggli AG, Schötz; Bilder Corinne Cuendet, Clarens/LIGNUM

Zürich (pm) – Mit der Vorfertigung von Raumzellen multipliziert der Modulbau gleichsam die ausgewiesenen Stärken des Holzbaus: Er ist noch präziser in der Fertigung, noch schneller im Aufbau, noch wirtschaftlicher, noch effizienter und dadurch auch noch kostengünstiger.

Das 26-stöckige AC Hotel der Marriott-Gruppe, das aktuell in Manhattan realisiert wird, gibt einen Vorgeschmack darauf, wie sich Bauprozesse – unabhängig vom eingesetzten Material – künftig verändern könnten: Die 168 Gästezimmer des von Danny Forster & Architecture konzipierten Hotels werden vollständig vorgefertigt auf die Baustelle geliefert, während parallel dazu öffentliche Bereiche wie Restaurant oder Lobby noch traditionell vor Ort erstellt werden.

Neben der Zeitersparnis und damit verbundenen tieferen Kosten, der hohen Präzision in der Fertigung und der Reduktion der Lärm- und Staubemissionen auf der Baustelle zeigt das Beispiel vor allem zwei Dinge: Module lassen sich inklusive Ausstattung wie Mobiliar, Bodenbeläge und sogar Bettwäsche unabhängig vom Standort des Gebäudes überall auf der Welt fertigen – hier geschah dies durch das Unternehmen DMD Modular im polnischen Skawina –, und einem Gebäude sieht man heute nicht mehr zwingend an, dass es modular aufgebaut ist. Für ein Hotel bringt die Modulbauweise aufgrund der systembedingten Doppelwandigkeit sogar einen besseren Schallschutz.

Gegenteil von Monotonie

Auch der 2018 in Stockholm realisierte Wohnkomplex 79&Park von Bjarke Ingels Group BIG macht deutlich, dass Modularität nicht gleichbedeutend ist mit serieller Wiederholung und stereotyper Addition des Immergleichen. Im Gegenteil: Hier sind die einzelnen Elemente die Basis für eine aussergewöhnliche architektonische Idee.

Die Module aus Holz, die 3,6 m auf 3,6 m messen und jeweils über eine raumhohe Glasfront verfügen, ordnen sich ringförmig um einen offenen, grünen Park. An der höchsten Stelle des Gebäudes erreichen die versetzt geschichteten Module eine Höhe von 35 m, an der tiefsten Stelle ist das Volumen nur 7 m hoch. So entsteht eine hügelartige Gesamtform, die zulässt, dass alle Wohnungen sowohl Aussicht als auch Zugang zu privaten und gemeinsamen Dachterrassen haben.

Beständig wandelbare Lösungen

Kamen in der Vergangenheit Modulbauten in erster Linie für Provisorien und Zwischennutzungen in Frage, ist das heute nicht mehr so: Sie eignen sich für alle Bauten, die sich einfach und schnell veränderlichen Bedingungen anpassen müssen. Und sie dürfen dann auch lange bleiben. So auch im Fall des neu erstellten Gymnasiums des Kantons Zürich in Uetikon am See. Dieses ist zwar als temporäre Einrichtung für die nächsten zehn Jahre ausgelegt, es zeigt aber auch, dass mit dem Modulbau schnell auf sich ändernde Raumbedürfnisse reagiert werden kann und sich innert kürzester Zeit gleich eine ganze Kantonsschule für 500 Schülerinnen und Schüler realisieren lässt. Noch 2015 war der Standort für das Gymnasium unbekannt: Die Standortevaluation, die Konzeption eines Baukastensystems für die Schulraummodule und das Planerwahlverfahren für ein geeignetes Generalplanerteam liefen parallel. Zudem überzeugt das Projekt auch in architektonischer Hinsicht – nicht zuletzt durch das Farbkonzept der Fassade, das mit der Modularität der Volumen spielt und diese auflöst.

Bauprozesse im Wandel

Das eingangs erwähnte Hotel in New York City zeigt eindrücklich, dass sich mit der Modulbauweise die Bauprozesse und die Art der Zusammenarbeit verändern – unterstützt und angetrieben auch durch die Digitalisierung in der Planung und im Bau. Das in der Presse als ‹schnellstes Mehrfamilienhaus der Schweiz› präsentierte Mehrfamilienhaus in Lenzburg ist quasi die Schweizer Variante davon: Die vorgefertigten Wohnmodule in Holz baute man in wenigen Stunden in eine Stahlkonstruktion ein.

Dank drei standardisierten Wohnungstypen erlaubt das Konzept, das AXA Investment Managers Schweiz zusammen mit der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau sowie Renggli AG entwickelt hat, die Basisvariante für weitere Mehrfamilienhäuser in Breite und Höhe zu skalieren. Diese können einerseits in die Jahre gekommene Gebäude schnell und kostengünstig mit einem Neubau im preiswerten Mietsegment ersetzen, andererseits als Übergangswohnungen bei grossen Sanierungen dienen.

Das Modul als Produkt

Darüber hinaus gibt es auch Konzepte, welche das Modul als solches ins Zentrum stellen. Quadrin zum Beispiel ist ein standardisiertes Produkt, das die Uffer AG entwickelt hat und das sich ganz unterschiedlich einsetzen lässt: als Haus zum Mitnehmen, als flexible Lösung für temporäre Bauten, als mietbare Variante oder als Basis für grössere Volumen wie die Bever Lodge im Engadin.

Auf Badezimmermodule setzte Implenia beim Winterhurer Wohnprojekt Sue & Til: Für die Grossüberbauung wurden die 402 Bäder in Italien fixfertig vorgefertigt. Die je 3,5 Tonnen schweren, in Schutzfolie verpackten Elemente wurden auf dem Areal der früheren Lokschmiede in Winterthur zwischengelagert und konnten bei Bedarf von den Montageteams abgerufen werden. Nach der Anlieferung dauerte das eigentliche Versetzen nur noch 15 Minuten.

Praxisbeispiel: Temporäre Erweiterung Schule Champagne, Biel

Die geplante städtebauliche Verdichtung des Quartiers um das ehemalige Fussballstadion Gurzelen, die den Bau von 500 Wohnungen und einen neuen öffentlichen Platz vorsieht, machte in Biel die Erweiterung der Schule Champagne notwendig.

Bis zur definitiven Fertigstellung des neuen Schulgebäudes, für das aktuell der Architekturwettbewerb läuft, setzt die Stadt Biel auf eine provisorische Lösung, bei der modulare Einheiten zum Einsatz kommen. Dies erlaubt den Rückbau und die erneute Nutzung der Fertigbauelemente für allfällige Erweiterungen anderer städtischer Schulen.

Die Architekten entwickelten mit begrenztem Budget eine modulare Konstruktion, welche Pragmatismus und Ästhetik gleichwertig vereint. Entstanden ist ein dreigeschossiger Modulbau (36 x 11 x 10 m), bestehend aus 36 komplett vorfabrizierten Modulen mit acht etwa 67 m2 grossen Klassenzimmern, einem rund 90 m2 grossen Multifunktionsraum und weiteren Räumen wie Lehrerzimmer, Schulsekretariat, WC-Anlage, Technikraum und Lager.

Die beiden Hauptfassaden könnten unterschiedlicher nicht sein: Während die Südost-Fassade zum grünen Strassenrand hin komplett verglast ist und mit der spielerischen vertikalen Verschiebung der Hochfenster in den Räumen optimale Lichtverhältnisse schafft, gibt sich die Nordwest-Fassade relativ nüchtern. Hier sind die Eingänge zu den Klassenzimmern auf allen drei Geschossen über selbsttragende Aussentreppen erreichbar. Diese sind gleichzeitig Begegnungsort der Schüler während der Pausen.

‹Wenig Geld – viel Inspiration!› war der Gedanke, der die Architekten bei der Gestaltung leitete: Die wellenförmigen, überdachten Treppenläufe, die sich an zwei Stellen längs der Fassade kreuzen, ziehen die Blicke auf sich. Das Entwurfskonzept vermittelt dabei für die äusseren Zugänge einen spielerischen Aspekt, durch den – im Gegensatz zur relativen Monotonie der sonst für Gebäude dieser Art verwendeten Fertigmodule – ein überraschender, grafischer Ansatz entsteht.

Die Module wurden inklusive Aussenhülle und Innenausstattung im Werk des Holzbauers vorfabriziert. Dieses hohe Vorfabrikations-Niveau erlaubte eine deutliche Reduktion der Bauzeit: In nur sechs Wochen konnten die Module gefertigt, geliefert und auf die Metallprofile des Schraubfundaments montiert werden. Nur weitere vier Tage waren nötig, um die haustechnischen Installationen anzuschliessen. Die gesamte Konstruktion ist einfach zurückzubauen.

Auch der Innenausbau lässt sich sehen: Helles Holz für die Decken und Wände, schwarze Fensterrahmen, ein Bodenbelag aus Kugelgarn – der Akustik zuliebe –, nüchterne quadratische Deckenleuchten und eine passende Farbgebung verleihen dem Ganzen eine behagliche Atmosphäre.

 

Pressemitteilung: Lignum Holzwirtschaft Schweiz Von Jutta Glanzmann, Chefredaktorin Lignum-‹Holzbulletin›, Zürich