9. Juli 2020

HENN gewinnt den Gasteig

Gasteig (c) Architektur HENN / Visualisierungen MIR

Berlin (pm) – Nach über 30 Jahren intensiver Nutzung soll das Kulturzentrum Gasteig in München saniert und umgebaut werden. HENN hat sich in einem internationalen Architekturwettbewerb mit anschließendem Vergabeverfahren durchsetzen können.

Der Gasteig ist mit rund zwei Millionen Besuchern im Jahr das größte Kulturzentrum Europas. Er wurde von der Architektengemeinschaft Raue, Rollenhagen, Lindemann und Grossmann erbaut und 1984/85 eröffnet. Mit der Sanierung des Gasteig bekommt München ein Gebäude, das mit seinem kulturell vielfältigen Angebot weltweit unvergleichbar sein wird.

Ein neues, bauliches Element, das als gläserne Brücke die bestehenden Gebäudeteile verbindet, gibt dem Gasteig eine neue Transparenz. Sie öffnet den Gasteig zur Stadt, gewährt Einblicke in das Geschehen und lädt alle Besucher und Mitarbeiter ein, Teil des kulturellen Lebens der Stadt zu werden. Diese Kulturbühne wird zum Leitbild und zur Identität des neuen Gasteig. Sie steht gestalterisch mit ihrer transparenten, gläsernen und offenen Architektur bewusst in Kontrast zum monolithischen und mineralischen Bestand.

Der Idee „ONE“ Gasteig folgend zieht sich die neue Kulturbühne als Raumkontinuum horizontal und vertikal durch alle Bereiche des Gasteig. Sie ist Erschließung, Foyer, Ausstellungsfläche und Eventbereich zugleich. Sie ermöglicht Besuchern und Mitarbeitern klare Orientierung und kurze Wege zwischen allen Funktionen. Hier hat jeder Bereich, egal ob die Philharmonie, der Carl-Orff-Saal, die Bibliothek oder die Volkshochschule, seine eigene Adresse und Identität.

Die städtebauliche Isolation des Gasteig wird mittels einer einladenden Treppenanlage aufgehoben. Die Topografie in Richtung Isar wird betont und bildet die räumliche und konsequente Fortsetzung des „gachen Steigs“, des steilen Anstiegs von der Isar zum neuen Gasteig.

Im Inneren wird man über zwei großzügige Treppen, die teilweise auch als Sitzstufen ausformuliert sind, in das 1. Obergeschoss, dem Herzstück der Kulturbühne, geführt. Hier befinden sich alle Foyers der großen Säle mit dazugehörigen Gastro- und Barbereichen, sowie Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen.

Mit der Sanierung der Philharmonie wird ein optimales akustisches und räumliches Erlebnis erreicht. Der Carl-Orff-Saal wird in seiner Multifunktion als flexibelster Raum im Gasteig ausgebildet. Die Bibliothek wird als offene Lese- und Studierlandschaft angelegt. Die Volkshochschule hat ihre Adresse und ihre Informations- und Beratungsräume entlang der Kulturbühne. Oberhalb der Philharmonie bildet das neue Restaurant „Ausblick“ den vertikalen Abschluss des Gasteig und gewährt seinen Gästen einen Blick von der Allianzarena, über die Frauenkirche bis hin zur Zugspitze.

Projektdaten
  • Wettbewerb: einer von drei 1. Preisen, Mai 2018, Gewinner des Vergabeverfahrens
  • Bauherr: Gasteig München GmbH
  • Ort: München
  • Architekt: HENN
  • Team Gunter Henn, Martin Henn, Stefan Sinning, Paul Böhm, Francesco Capuzzo, Tanja Dietsch, Andreas Fuchs, Marta Galdys, Denise Gellinger, Johanna Graßl, Joachim Grund, Ralph Hempel, Attila Horvarth, Malte Köditz, Thomas von Küstenfeld, Max Langwieder, Paul Lawrence, Peter Lee, Che Liu, Nelli Maier, Sonja Millauer, Wolfgang Mühlhölz-Hirschmann, Armin Nemati, Moritz Ossenberg-Engels, Klaus Ransmayr, Daniel Recklingloh, Ibrahim Saad, Grzegorz Schnotale, Jovan Topalovic, Peter Weber, Fredrik Werner, Wolfgang Wrba
  • Projektpartner: Rainer Schmidt, Landschaftsarchitektur Nagata Acoustics, Akustik Climaplan, Technische Ausrüstung Nees Ingenieure, Brandschutz Kunkel Consulting Int., Bühnentechnik EKZ Bibliotheksservice, Bibliothek Ingenieurbüro Knab, Elektrotechnik SSP, Tragwerk Regierungsbaumeister Schlegel, Verkehr Transsolar, Fassade MIR, Visualisierungen

 

Philharmonie

Bei der Sanierung der Philharmonie ist die Zielsetzung im Hinblick auf den komplexen Rohbau und die filigrane Dachkonstruktion, mit minimalen baulichen Eingriffen ein optimales akustisches und räumliches Erlebnis zu erreichen. Die Bühne wird in Richtung des Saalzentrums geschoben und mit zusätzlichen Sitzreihen hinter der Bühne umschlossen. Auf diese Weise rückt die Schallquelle mehr ins Zentrum des Saals. Im Bereich der ehemaligen Akustikschalen entlang der Seitenwände werden neue Zuschauerbalkone angebracht, die als akustisch wirksame Elemente dienen und den Raum gestalterisch kompakter machen. Der Boden und die Brüstungsverkleidungen zitieren in Farbe und Maserung die Haptik von Streichinstrumenten. Sie werden in Holz ausgeführt und mit einem akustisch wirksamen Relief versehen. Zentrales Element werden die neuen Klangsegel, große gekrümmte akustische Deckenreflektoren, die wie Wolken über dem Orchester schweben und die Akustik für die Musiker entscheidend verbessern.

Carl-Orff-Saal

Der Carl-Orff-Saal wird in seiner Multifunktion als flexibelster Raum im Gasteig ausgebildet. Nutzungen wie Kino, Ballett, Performance, Kongresse, Theater und Konzerte erfordern ein Höchstmaß an Veränderbarkeit. Um den Saal möglichst flexibel einrichten und nutzen zu können, wird eine Untermaschinerie mit ver-schiedenen Hubpodien vorgesehen, die es ermöglicht, den Großteil des Saals eben nutzen zu können, sowie die Stufung im Zuschauerbereich anpassen zu können. Gleichzeitig muss auch ein Orchestergraben abbildbar bleiben. Die Bühne, das Bühnenportal und die Nebenbühne werden neu gestaltet. Durch die neue Raumgeometrie, in Form eines rechteckigen Zuschnitts und die Addition der Galerie im Oberen Bereich des Saals wird eine Erweiterung des Zuschauerraums auf 1000 Personen erreicht.

Bibliothek

Die Bibliothek wird als offene Lese- und Studierlandschaft angelegt. Sie bietet Bereiche für Konzentration, ebenso wie Räume der Kommunikation. Der Freihandbereich wird in Kombination mit einer Vielzahl an Arbeits- und Studierplätzen nach dem „Smart Working“ Prinzip über mehrere Geschosse organisiert. Ein differenziertes Möblierungsangebot bietet dem Besucher attraktive Orte zum Lesen, Recherchieren und Lernen. Zusätzliche Projekträume und „Makerspaces“, die wie Inseln in das Raumkontinuum der Bibliothek eingestreut sind, lassen auch mehrere Personen zusammenarbeiten ohne die übrigen Besucher zu stören. Die räumliche Vergrößerung der Atrien innerhalb der Bibliothek bietet klare Orientierung und stellt visuelle Blickbezüge zwischen den einzelnen Themenbereichen her. Die Sicherung und das Tracking der Bücher, Tablets und Laptops über ein RFID-System ermöglicht Zugänge zur Bibliothek auf allen Ebenen der Kulturbühne.

Volkshochschule

Die Volkshochschule hat ihre Adresse und ihre Informations- und Beratungsräume im Erdgeschoss entlang der Durchwegung von Ost nach West im Zentrum der Kulturbühne. Sie ist unmittelbar von beiden Zugängen sichtbar. Die VHS ist über Subzentren organisiert, die gleichzeitig ein klares Orientierungssystem aufbauen. Alle Unterrichtsräume sind auf dem neuesten Stand der Technik. Die räumliche Konstellation und Anordnung von Erschließungs- und Sanitärkernen bieten Synergien mit der Hochschule für Musik und Theater, sowie der Kulturvermittlung. Zwei großzügige Atrien gewährleisten eine optimale Belichtung der Unterrichtsräume und Arbeitsplätze.

Restaurant „Ausblick“

Der Gasteig ist als Landmark von vielen Orten der Stadt erlebbar. Gleichzeitig bietet er durch seine Höhe eine fantastische Aussichtsplattform über München bis hin zu den Alpen. Um allen Münchnern diesen exklusiven Ausblick zu ermöglichen, bildet das neue Restaurant „Ausblick“ den vertikalen Abschluss des Gasteig. Über einen Skylift, der seinen Zugang auf Straßenniveau entlang der Inneren-Wiener-Straße hat, erreichen die Besucher auf direktem Weg das Restaurant. Der längliche Zuschnitt des Restaurants bietet allen Tischen und Sitzplätzen einen Platz nahezu in der ersten Reihe. Im Sommer lässt sich die raumhohe Glasfassade aufschieben und der Innenraum geht fließend in die Terrasse über.

Logistik

Die Ver- und Entsorgung wird über einen zentralen Wareneingang im Untergeschoss im Einbahnstraßensystem organisiert. Die Einfahrt befindet sich an der Inneren-Wiener-Str./ Ecke Kellerstraße. Über eine Rampe fährt der LKW oder Kleintransporter in das 1. Untergeschoss unterhalb des neuen Künstlereingangs an der Kellerstraße. Über eine Absenkung der Fahrbahn im nicht unterkellerten Bereich wird die erforderliche Durchfahrtshöhe im 1.UG erreicht. Entlang der neuen Logistikstraße sind die Laderampen der Philharmonie, des Carl-Orff-Saals und der gastronomischen Einrichtungen unabhängig voneinander organisiert. Die Ausfahrt befindet sich neben der Tiefgaragenausfahrt in Richtung Rosenheimer Straße. Das bestehende Ampelsystem bleibt bestehen.

Außenanlagen

Die Freianlagen des neuen Gasteig verstehen sich als verbindendes Element, das die bisher sehr baulich geprägte und als Barriere wirkende Gestaltung ablöst und eine starke Anbindung des neuen Kulturraums Gasteig an den umgebenden Stadtraum ermöglicht. Herzstück der Freianlagen ist dabei die großzügige Treppenanlage, die den Eingangsbereich des Gasteig zur Rosenheimer Straße und v.a. in Richtung Isar hin öffnet. Sie ist eine großzügige Geste, die wie selbstverständlich alle Räume ineinander fließen lässt. Ihre wertige Materialität, beispielsweise aus hellem Naturstein, unterstreicht den leichten Charakter der Anlage. Die Setzung von Baumsolitären sorgt dabei für eine dezente Begrünung und natürliche Verschattung im Sommer. Sie werden in minimalen Baumscheiben eingefasst, um eine nahtlose Integration in den sonst fließenden Bewegungsraum zu ermöglichen. Es sollen Sonderbäume, beispielsweise Amberbäume verpflanzt werden, um einen kontrollierten farblichen Akzent auf den Platz zu bringen. Die langen Treppenstufen inszenieren ein würdevolles Heranschreiten an den Eingangsbereich des Gasteig. Ihre fließenden Kanten verlaufen in einer geschwungenen Linie vom Neubau ausgehend und fassen sich im südlichen Bereich zu einem Bündel zusammen. Hier wird das Schrittmaß einer konventionellen Stadttreppe angenommen. Zur Gewährleistung der Barrierefreiheit integriert sich östlich eine Treppenrampe. Der zweite Eingang im Osten des Neubaus erlaubt einen bequemen Zugang von der S-Bahn. Hier wird ebenfalls ein offener, barrierefreier Raum geschaffen, der direkt in das Gebäude zu fließen scheint. An der östlichen Grundstücksgrenze wird für die Besucher und Gäste ein metaphorischer „Grüner Teppich“ ausgerollt, der das Betreten eines besonderen Raumes markiert. Er ist bodenbündig mit Deckern und Stauden bepflanzt, die verschattungsresistent sind und durch ihre Organisation in Maschenreihen eine Durchwegung in West-Ost-Richtung ermöglichen. Das Muster des „Grünen Teppichs“ offenbart sich dem Besucher von der gläsernen Galerie aus; dadurch wird eine weitere visuelle Verbindung zwischen Innen und Außen geschaffen. Die Wahl der Materialitäten für die Außenanlagen soll der traditionsreichen Geschichte des Gasteig und seinem hohen kulturellen Wert für München Rechnung tragen und von wertigen Baustoffen wie Naturstein und Edelstahl bestimmt sein.

Pressemitteilung: HENN