Köln (abki) – Mit dem Innenausbau des dritten Bauabschnitts für Deloitte Digital und die Smart Factory setzt das Büro caspar. ein paradigmatisches Zeichen dafür, wie inhaltlich neue Arbeitsfelder andere Räume erzwingen
Mit seiner Fertigstellung zählt der Heinrich Campus im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf zu den anspruchsvollen und exemplarischen Büroprojekten der heutigen Zeit. Dies zeigt sich nicht nur in seiner Dimension und städtebaulichen Einbindung, sondern vor allem in der Tiefe seiner innenarchitektonischen Programmatik. Der dritte und letzte Bauabschnitt, der bis Februar 2025 fertiggestellt wurde, markiert dabei eine qualitative Zäsur: Hier geht es nicht mehr um die Gestaltung von Atmosphäre, sondern um die räumliche Übersetzung fundamental neuer Arbeitsrealitäten.


Das Grundstück hat Geschichte. Auf dem ehemaligen Produktionsgelände der Rheinmetall-Werke entsteht seit 2006 die sogenannte Unternehmerstadt – ein städtebaulicher Transformationsprozess, der auf gut neun Hektar Büroflächen und Wohnungen mit gestalterischem Anspruch entwickelt. Unmittelbar angrenzend, auf dem früheren Areal des Straßenverkehrsamtes, erhebt sich seit Anfang 2022 der Heinrich Campus. Das Büro caspar. gliederte die knapp 70.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche in drei Hofhäuser, die, in der Höhe von sieben auf fünf Geschosse abgestuft und mit leichtem Versatz zusammengeschoben, auf die Raumkanten und Maßstäblichkeit der Umgebung reagieren. Die zeitgenössische Klinkerfassade mit ihrem hellbeige-graubunten Stein nimmt Bezug auf die industrielle Vergangenheit des Ortes; handwerkliche Details wie fein profilierte Bereiche an den Fensterlaibungen sowie gebogene Scheiben an den runden Gebäudeecken brechen die Strenge des Rasters.
Bauherrin ist die Quantum Projektentwicklung GmbH, Generalunternehmer war Hochtief Infrastructure. Generalmieterin des gesamten Gebäudes ist die Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Düsseldorf – ursprünglich als Multi-Tenant-Objekt geplant, belegt das Unternehmen heute die gesamte Anlage. Rund 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt Deloitte am Düsseldorfer Standort, doch verbringen diese im Durchschnitt lediglich 1,6 Tage pro Woche im Büro. Die Konsequenz: Der Heinrich Campus bietet 900 Arbeitsplätze nach Arbeitsstättenrichtlinien sowie weitere 2.000 in unterschiedlichen Settings, alle per App buchbar und ohne hierarchische Zuordnung. Dass alle Mitarbeitenden hier eine Heimat finden sollen – so die formulierte Maßgabe von Deloitte –, ist kein bloßes Marketingversprechen, sondern ein konkretes gestalterisches Programm. Das Projekt wurde mit dem DGNB-Zertifikat in Gold ausgezeichnet und erhielt 2023 die Iconic Awards.
Das übergeordnete Interior-Konzept für den Campus arbeitet mit warmem Eichenholz auf Böden, als Mobiliar und Raumtrenner, kontrastiert von schwarz gestrichenen Decken, weißen Corian-Theken und klaren architektonischen Elementen. Smarte, individuell nach Entwürfen des Büros gefertigte Schreinermöbel unterstützen das Prinzip des Activity Based Working. Jeder Arbeitsplatz ist für den sofortigen Arbeitsbeginn mit allen notwendigen Anschlüssen ausgestattet.




Der dritte Bauabschnitt, dessen Innenausbau bis Februar 2025 abgeschlossen wurde, stellt innerhalb dieses Rahmens eine eigene gestalterische Kategorie dar. Er beherbergt zwei Einheiten, die nicht lediglich eine andere Arbeitsatmosphäre verlangen, sondern eine grundlegend andere Raumauffassung: Deloitte Digital und die Smart Factory im Erdgeschoss. Beide demonstrieren, dass hinter dem vieldiskutierten Begriff „New Work“ mitunter mehr steckt als die Neuverhandlung von Anwesenheit und Homeoffice-Komfort – nämlich die räumliche Konsequenz inhaltlich neuer Arbeitsfelder.
Die Smart Factory ist dabei das programmatisch radikalste Element des gesamten Projekts. Sie versteht sich nicht als Modellfabrik oder Showroom, sondern als reale Lern- und Erlebnisumgebung, in der digitale Transformation, Produktion und Design unter Realbedingungen zusammenkommen. Der Düsseldorfer Standort ist einer von weltweit vier solcher Einrichtungen; die Schwesterfabriken befinden sich in Kyoto, Wichita und Montreal. Das innenarchitektonische Konzept strukturiert sich um zwei Hauptfunktionen. Zum einen geht es um Vermittlung und Sichtbarkeit: Workshops sollen stattfinden, Besucherinnen und Besucher – ausdrücklich auch jüngere – sollen einen erlebbaren Zugang zur MINT-Welt erhalten. Zum anderen steht die Transparenz von Produktionsprozessen im Zentrum: In Echtzeit soll ablesbar sein, wo sich ein Material oder Produkt im Fertigungsprozess befindet. Die Bildschirme des zentralen Control Hubs sind als großformatige Glasfenster gestaltet, die dieses Prinzip der Durchschaubarkeit räumlich materialisieren. Vom Empfangs- und Willkommensbereich führt ein bewegliches Element in die Hauptzone, die sogenannte Client Experience – ein inszenierter Übergang, der dem Ausstellungsdesign nähersteht als dem konventionellen Büroausbau. Die tiefergehende Funktion der Smart Factory liegt jedoch in der Verschränkung der analog-haptischen mit der digitalen Sphäre: Rohmaterialien treffen auf digitale Prozesse, Architektur wird zur Schnittstelle zwischen zwei Produktionswelten.




Deloitte Digital stellt gestalterisch eine dritte Ebene zwischen dem allgemeinen Campus-Interior und der Smart Factory dar. Die Einheit, die für Unternehmen digitale Geschäftsmodelle und Kundenerlebnisse von der Konzeption bis zum laufenden Betrieb entwickelt, war zuvor in einer ehemaligen Fabrik untergebracht und brachte entsprechend klare Vorstellungen an das neue Umfeld mit. Die gestalterische Antwort des Büros besteht darin, den Industriecharakter nicht zu verleugnen, sondern ihn zu transformieren: hohe, unverkleidete Decken mit bewusst sichtbarer Technik, offene Grundrisse mit flexiblen Arbeitsbereichen, Rückzugszonen und interaktiven Flächen. Das Rohe und das Zeitgenössische werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern synthetisiert. Das Ergebnis ist ein mitarbeiterzentrierter Arbeitsraum, der das Selbstverständnis einer Creative Consultancy räumlich formuliert, ohne auf die funktionalen Anforderungen eines modernen Büros zu verzichten.
Der Heinrich Campus in seiner Gesamtheit – von der städtebaulichen Einbettung über das Lobby-Konzept mit seiner 360°-3D-Projektion im Veranstaltungssaal bis hin zum differenzierten Innenausbau – ist ein Beleg dafür, dass ambitionierte Büroarchitektur heute an mehreren Fronten gleichzeitig operieren muss: Sie reagiert auf stadträumliche Maßstäbe, antwortet auf post-pandemische Arbeitsrealitäten und übersetzt den Charakter sehr unterschiedlicher Wissensarbeitsfelder in räumliche Identität. Dass all dies innerhalb eines einzigen Projekts realisiert wurde, macht den Heinrich Campus zu einem außergewöhnlichen Beispiel zeitgemäßer Büroarchitektur.




Quelle: caspar.schmitzmorkramer gmbh · KI-gestützte Textaufbereitung · Redaktion: Architekturblatt