15. August 2022

Gastbeitrag: Welche Fehler Architekten beim Thema Energieeffizienz machen

Dr. Stefan Plesser (c) Synavision

Viele Gebäude sind vor allem auf dem Papier effizient, in Wirklichkeit bleiben sie aber hinter ihren Versprechen zurück. Architekten können das verhindern, indem sie diese Fehler vermeiden.

Der Druck auf Architekten, immer energieeffizientere Gebäude zu planen, wird von Jahr zu Jahr höher. Entsprechend groß sind die Bemühungen der Branche, dem durch fortschrittliche Architektur und zunehmend komplexe technische Anlagen gerecht zu werden. Oft kann man Effizienzerfolge jedoch nur auf dem Papier feiern. In der Praxis zeigt sich dann, dass die Mehrheit der Gebäude zehn bis 30 Prozent weniger effizient ist als eigentlich vorgesehen. Jedes Jahr werden dadurch Milliarden an Betriebskosten verschwendet – und der Anspruch an wirklich nachhaltige Gebäude verfehlt. Wie kann das sein? Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von der Planung über die Ausführung bis hin zum Betrieb. Architekten können dem aber entgegenwirken, indem sie einige einfache Punkte beherzigen.

Wie vieles andere fängt das mit dem Bauherrn an. Leider wissen diese oft selbst nicht genau, welche funktionalen Anforderungen sie an ein Gebäude haben und welche technischen Konsequenzen dies hat. Welchen Komfort soll das Gebäude bieten und wie komplex müssen die technischen Anlagen dafür sein? Der Spielraum, den Architekten und TGA-Planer oft haben, ist enorm. Sie könnten dann natürlich planen nach dem Motto „viel hilft viel“, aber das rächt sich am Ende, wenn das Gebäude betrieben werden muss und Bauherr und Nutzer unzufrieden sind. Dann hat man vielleicht eine komplexe Einzelraumregelung mit kontrollierter Lüftung für jeden Raum eingebaut, wo auch eine Fensterlüftung und eine Heizung mit Stellventil gereicht hätten. Und das wäre weder nachhaltig noch effizient. Deshalb kann ich Architektinnen und Architekten nur raten, mit dem Bauherrn von Beginn an bestimmte Anforderungen ganzheitlich abzustimmen und anschließend präzise festzulegen.

Genug Zeit für die Inbetriebnahme einplanen

Ein weiterer Knackpunkt ist die Inbetriebnahme. Oft planen Architekten für diese Phase zu wenig Zeit ein. Weil alle Gewerke auf der Baustelle für die Inbetriebnahme aber genau zur richtigen Zeit fertig werden müssen, entstehen oft Flaschenhälse und Verzögerungen, die diese ohnehin schon knapp bemessene Phase noch verkürzen. Wenn die hochkomplexen Anlagen aber nicht richtig eingestellt und aufeinander abgestimmt werden, können sie im Betrieb auch nicht ihre maximale Effizienz abrufen. Dann hat man zwar vielleicht einen Monat an Zeit gewonnen, die ein Gebäude (vermeintlich) früher fertig wird. Dafür entstehen über die Jahre aber Millionen Euro an Mehrkosten, weil die Anlagen unter ihren Möglichkeiten bleiben. Bei einfachen Bürogebäuden sollten darum in der Regel drei bis vier Monate für die Inbetriebnahme eingeplant werden. Bei komplexen Labor- und großen Bürogebäuden kann die Inbetriebnahme aber auch ein Jahr oder noch länger dauern. Und darauf muss man den Bauherrn frühzeitig hinweisen.

Am wichtigsten ist es jedoch, aus Fehlern zu lernen – den eigenen und denen anderer. Das passiert leider noch zu selten. Wir als Branche haben zum Beispiel zehn bis 15 Jahre dafür gebraucht, um zu lernen, wie man richtig Geothermie-Anlagen und vollverglaste Doppelfassaden realisiert. All die Jahre wurde weitgehend drauflosgebaut, bis es aus der Forschung überhaupt strukturiertes Feedback dazu gab, wie gut die Gebäude am Ende funktionieren. Diesen viel zu langsamen Lernprozess können wir uns als Branche angesichts der Dringlichkeit beim Thema Energieeffizienz heute einfach nicht mehr leisten.

Datenbasiertes Feedback durch Technisches Monitoring

Nach meiner Erfahrung geht besonders bei Hightech-Gebäuden die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Je komplexer die Technik ist, desto mehr bleiben Smart-Buildings bei der Effizienz unter ihren Möglichkeiten. Um bei diesen Nachhaltigkeitsthemen eine steile Lernkurve hinlegen zu können, brauchen wir ein strukturiertes Monitoring. Das muss nicht wissenschaftlich und teuer sein, sondern kann als ganz normales Technisches Monitoring über den Bau hinweg mitlaufen. Die Methode ist einfach: Es müssen zu Beginn eines Projekts klare und prüfbare Ziele definiert werden, die bei der Inbetriebnahme und im ersten Betriebsjahr evaluiert werden. Nur so kann man herausfinden, ob etwas wie geplant funktioniert. Ohne dieses strukturierte Feedback und die Daten, auf denen es basiert, werden wir weiterhin zu viele Fehler machen.

Und dabei gibt es so viele vielversprechende Lösungen, die wir ausprobieren müssen. Wie muss man etwa mit dem nun wieder in Mode kommenden Baustoff Holz umgehen, damit es wirklich nachhaltig ist? Was sind Vor- und Nachteile begrünter Fassaden? Wie muss man sie anlegen, damit sie am Ende nicht zum Wartungsgrab werden? Was bringen IoT-Lösungen wirklich? All das lernen wir nur, wenn wir die nötigen Daten haben.

99 Prozent Bewährtes, ein Prozent Innovation

Selbst bei angeblich hocheffizienten Gebäuden, die gerne auf Hochglanzwebsites publiziert werden, bin ich skeptisch, solange die gemessenen Gebäudedaten die Effizienz im Betrieb nicht beweisen. Viele sind eher spritfressende Ferraris als nachhaltige Fahrräder. Nur weiß man das eben nicht, bis man die Messdaten sieht.

Auch wenn es sich in Zeiten von Disruption und Digitalisierung nicht sexy anhört: Bei 99 Prozent der Gebäude sollten wir auf bewährte Lösungen zurückgreifen. Bei einem Prozent sollten wir Innovation wagen – dort aber richtig: klar definierte Ziele, transparente Evaluation. So lernen wir alle davon. Alles andere ist fahrlässig. Wenn der Fachplaner innovative und komplexe Lösungen vorschlägt, sollte der Architekt von ihm Beispiele fordern, wo das genau so gebaut und die Effizienz am Ende durch Technisches Monitoring auch bestätigt worden ist. Solange Gebäude vor allem auf dem Papier effizient sind, können sich Planer und Architekten zwar weiterhin mit schönen Fotos schmücken, doch helfen sie weder den Nutzern noch dem Klima.

 

Autor: Dr. Stefan Plesser ist Wissenschaftler an der TU Darmstadt sowie Gründer und Geschäftsführer der synavision GmbH. Das Unternehmen ist auf die Optimierung der Gebäudeperformance spezialisiert. Mit seinem Team hat er diverse öffentliche Objekte wie z.B. Krankenhäuser und Flughäfen (München & Stuttgart) optimiert, ebenso wie mehrere Portfolios von Assetmanagern.