25. Mai 2024

Fortschritt durch Wohnbau: Auf der Suche nach richtungsweisenden Wohnformen und Bauweisen

ELASTISCH WOHNEN, Berlin (DE), 2015 / PPAG architects, Wien – © PPAG architects

Graz / Österreich (pm) – Wohnen ist ein zentrales menschliches Bedürfnis. Fehlender, bezahlbarer Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen, ist derzeit eine der drängendsten Aufgabenstellungen unserer Zeit. Die Herausforderungen des Klimawandels, neue Ausbalancierung unterschiedlicher Mobilitätsformen und Infrastrukturen sowie soziale Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens kommen hinzu. Vor allem im Wohnungsbau werden derzeit zahlreiche neue bauliche Konzepte entwickelt, deren Strategien nicht nur für die Funktion des Wohnens, sondern auch für die Entwicklung von Stadt und Region sowie des Bauwesens selbst wegweisend sein können.

Welche Bauweisen und Formen des Wohnens brauchen wir heute? Wie müssen wir bauen, um inklusive und nachhaltige Stadträume zu fördern? Wie sollten (Stadt)Räume und deren Umfeld für unsere Gesellschaft gestaltet sein? Welche Nutzungsmischungen sind sinnvoll? Und welche Bauweisen und Materialien können helfen, dem Klimawandel zu begegnen? Die notwendige Raumproduktion im Bereich des Wohnungsbaus wird in den in der Ausstellung gezeigten Beispielen als Chance begriffen, um auf aktuelle Fragestellungen zu reagieren.

Der Philosoph Martin Heidegger leitet die ursprüngliche Bedeutung des Wohnens in seinem Vortrag „Bauen Wohnen Denken“ von 1951 aus dem althochdeutschen Wort «buam» ab und erklärt: „Bauen“ bedeute hier „Wohnen“. Die detaillierte Herleitung Heideggers bietet eine erstaunliche, in die gegenwärtige Zeit passende Interpretation des “Wohnens“, die nicht nur das „Bauen“ und das “Mensch sejn“, sondern auch das „pflegen und hüten“ der Erde beinhaltet. Er erklärt: „Wohnen“ im ursprünglichen Sinne schließe auch das „Arbeiten“ und „auf Reisen wohnen“ mit ein – und – es beinhalte eine Verantwortung des „Bauenden“ gegenüber dem Umfeld/der Umwelt in dem/der die Gebäude entstehen. Aus heutiger Sicht eine bemerkenswert aktuelle Darstellung der Beziehung zwischen den bauenden Menschen und der Umwelt.

Wohnbauten in diesem Sinne verstanden, sind demnach nicht nur essentielle Bausteine für das Entstehen von Stadt, ihren öffentlichen Plätzen und Grünräumen, sondern auch Teil der Verantwortung gegenüber der Natur. Spätestens während der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig ein Zuhause ist, das den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Es ermöglicht, dass z.B. Arbeiten, Home-Schooling und Freizeitgestaltung mit der Familie oder der Wohngruppe in den eigenen vier Wänden stattfinden kann. Verschiedene Lebensmodelle brauchen anpassbare, variable Möglichkeiten der Raumnutzung. Es braucht Wohnbauten und Anlagen, die mehr Nutzungsdurchmischungen ermöglichen, die eine gute Erreichbarkeit von Arbeit, Nahversorgung und Freizeitaktivitäten auf kurze Distanz zu Fuß oder mit dem Fahrrad bieten, um die wachsenden Verkehrsflüsse zu entlasten.

Doch ohne Experimente und innovative Denkansätze – keine neuen Lösungen. Wenn Kosten eine Optimierung von Raum verlangen, braucht es eine sehr geschickte Planung für die Aufteilung des wertvollen Platzes. Wenn klimagerechter Umbau unserer Städte und Regionen gefragt ist, braucht es andere Bauweisen sowie die Notwendigkeit flexibler mit bestehender Bausubstanz umzugehen und bereits vorhandene Materialien wiederzuverwenden. Nachverdichtung der Städte schließt einen verstärkten Fokus auf Ausbau und Erhaltung von Grün- und Freiflächen bzw. Entsiegelung von Flächen nicht aus.

Die Ausstellung zeigt ausgewählte Beispiele zeitgenössischer Architekturen, die gangbare Wege für zukunftsfähiges Bauens aufzeigen. Sie präsentiert Beispiele neuer Wohnformen und Bauweisen, sinnvollen Nutzungsmischungen und wandlungsfähigen Raumangeboten für die unterschiedlichen Lebensmodelle bzw. Lebensphasen ihrer Nutzer. Mutige Konzepte, innovative Forschungsprojekte und kluge Raumideen der Ausstellung wollen zur Nachahmung anregen und Lust auf eine Entdeckungsreise in eine positive Zukunft des Wohnens und des menschlichen Zusammenlebens machen.


„Ich habe eine große Wahrheit entdeckt, nämlich zu wissen, dass die Menschen wohnen, und dass sich der Sinn der Dinge wandelt je nach dem Sinn ihres Hauses.“
Antoine de Saint-Exupery aus „Die Stadt in der Wüste“

PROJEKTE IN DER AUSSTELLUNG

2226 Graf, Dornbirn (AT), 2018, Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau
Drei Forschungshäuser, Bad Aibling (DE), 2020, Florian Nagler Architekten, München
Nest-Unit (UMAR), Dübendorf (CH), 2018, Werner Sobek mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel, Stuttgart Le Ray, Nizza (FR), 2021, Maison Edouard François, Paris
Spaadersbad, Gouda (NL), 2019, Mei Architects, Rotterdam
Gröninger Hof, Hamburg (DE), 2021, Duplex Architekten, Zürich
„Wir InHAUSer“, Salzburg (AT), 2021, cs-architektur, Salzburg
Gleis 21, Wien (AT), 2019, einszueins Architektur, Wien
The Railway Farm, Paris (FR), 2019, Grand Huit Scop d’architecture. Paris Frizz23–Mixed Use, Berlin (DE), 2018, Deadline Architekten, Berlin
ARCH+ Space in Frizz 23, Berlin (DE), Arch+ Design, Berlin
Max-Mell-Allee, Graz (AT), Nussmüller Architekten 2018
Wohnen am Dantebad, München (DE), 2016, Florian Nagler Architekten, München Kiubo, Graz (AT), 2022, Hofrichter Ritter Architekten, Graz
Elastisch Wohnen, Berlin (DE), 2015, PPAG architects, Wien
Wohnatelierhaus Erlenmatt Ost, Basel (CH), 2019, Degelo Architekten, Basel

Weitere Informationen gibt es auf der HDA-Website: https://hda-graz.at/programm/ausstellung-fortschritt-durch-wohnbau

Austellung: 16. Juni bis 3. September 2023, Di–So, 10–18 Uhr

Pressemitteilung: Haus der Architektur Graz

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