3. Dezember 2021

Eine Ikone der sozialistischen Architektur

Prof. Thomas Danzl im Interview über die Konservierung des Buzludzha-Denkmals

Buzludzha-Monument (c) Darmon Richter

München (pm) – Das riesige Buzludzha-Monument in den bulgarischen Bergen fällt auf. Es sieht aus wie ein gestrandetes UFO, das immer mehr verfällt. Im Interview erklärt Prof. Thomas Danzl, wie die Denkmalikone der sozialistischen Nachkriegsmoderne erhalten werden soll, warum es dabei auch um kontrollierten Verfall geht und warum ihn nicht nur die größten modernen Wandbilder Europas beeindruckt haben.

Auf dem abgelegenen Buzludza-Gipfel in den Bergen Bulgariens steht ein ungewöhnliches, verlassenes Denkmal. Um den sozialistischen Kommunismus zu feiern, wurde diese Kuppelhalle für staatliche Funktionen und Feiern gebaut. Riesige Mosaike erzählen darin die Geschichte der bulgarischen Entwicklung. Über allem leuchtete ein rotes sternförmiges Fenster zu Ehren Sowjetrusslands. Nach dem Sturz der Regierung im Jahr 1989 wurde die Anlage aufgegeben und dem Vandalismus überlassen. Sämtliche Zugänge zum Gebäude wurden vor drei Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen.

Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter der Leitung von Thomas Danzl, Professor für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der Technischen Universität München (TUM), hat nun gemeinsam mit ICOMOS Deutschland, einer Unterorganisation der UNESCO, und der Buzludzha Project Foundation mit der Konservierung begonnen. Prof. Danzl berichtet darüber im Interview.

Prof. Danzl, das Buzludzha-Monument ist ein ungeliebtes und umstrittenes sozialistisches Denkmal. Wie geht man mit solchen Denkmalen um, die mit den heutigen politischen Verhältnissen nicht mehr vereinbar sind?

Das 1981 zum 1.300-jährigen Jubiläum von Bulgarien und zur 90-Jahrfeier der Kommunistischen Partei Bulgariens eingeweihte Buzludzha-Denkmal ist seit dem politischen Umbruch 1989/90 ohne Funktion und in Staatseigentum. Es erregte in den letzten Jahren erneut internationale Aufmerksamkeit als eine – noch nicht denkmalgeschützte – Ikone der sozialistischen Architektur der Nachkriegszeit in Europa. Auch solche Bauten sind selbstverständlicher Teil unserer Geschichte, Teil unserer Identität, und wie die Geschichte ja lehrt, ist das Tilgen von Geschichte nicht immer von Vorteil. Wo materielle Erinnerung ausgelöscht werden soll, bleibt in jedem Fall ein Vakuum, eine Fehlstelle, die wie auch immer gefüllt werden will: Hier liegt eine besondere Gefahr, aber auch eine Chance.

Insofern bleibt der Ort – der Bau – das Material – sprechend, und ich bin als Konservator, Restaurator, Denkmalpfleger der Interpret, der diese Geschichten dechiffriert und erzählt. Eine Kontextualisierung ist unbedingt notwendig. Solche Monumente kann ich also nicht einfach nur erhalten, ohne sie zu kommentieren.

Das Buzludzha-Denkmal wird als Zeitzeugnis eines vergangenen Regimes nicht in den Ursprungszustand zurückversetzt, sprich restauriert, sondern konserviert.

Wir erkennen das Gewordene der Ruine an, versuchen dieses in ein neues Gleichgewicht zwischen Erhalt und kontrollierten Verfall zu bringen, denn konservieren heißt, mit minimalinvasiven Mitteln den Zustand zu erhalten, der sich in den letzten 40 Jahren ergeben hat. Das sprechende Material erzählt uns davon, was es mal war. Es erzählt uns nicht nur die Geschichte eines Denkmals der kommunistischen Partei mit monumentalen, über 900 Quadratmeter großen Mosaikflächen, die übrigens zu den größten modernen Wandbildern in Europa zählen. 16 anerkannte große Meister der bulgarischen Kunst haben dort mehr als zwei Millionen Mosaiksteine verarbeitet. Das Material erzählt uns auch die Geschichte des Vandalismus in den 1990er Wende-Jahren durch Bulgarinnen und Bulgaren, die sich mit dem Regime nicht mehr identifizierten. Und es erzählt uns von einer Jugendkultur und deren Mitteln der Aneignung mit Graffitis oder der Idee mit Quads durchs Gebäude zu preschen. Die Aneignung geschieht auf vielerlei Arten. Diese Geschichten sind als Ganzes wie ein Buch zu lesen. Wir wollen nicht unbedingt Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen und diese Fragen moderieren.

In welchem Zustand haben Sie das Monument vorgefunden?

Der Bau ist sehr groß in einer extremen meteorologischen und geologischen Exposition auf einem Bergspitz. Die Arbeit hat uns nicht nur geistig, sondern auch körperlich gefordert. Das Denkmal ist der Öffentlichkeit seit drei Jahren verschlossen, während es vorher im Dark Tourismus sehr beliebt war. Bei dieser auch als Lost-Places-Tourismus bezeichneten Form des Tourismus dringt man in verlassene Gebäude oder Gelände ein, um tolle Fotos zu machen. Seit drei Jahren hat das Denkmal allerdings keine weiteren Entwicklungen mehr durch menschliche Eingriffe genommen, aber die Natur hat ihr Werk weiter vorangetrieben. Das Dach ist mittlerweile zu einem Großteil weg und die Mosaike sind ganzjährig extrem durch Wassereintrag von oben gefährdet, was im Winter durch das Zerstörungswerk von Frost und Eis noch intensiviert wird.

Wie soll das Denkmal konserviert werden?

Letztes Jahr ging es mit einem Förderungsprogramm der Getty Stiftung um die erste tatsächliche Erhaltungsmaßnahme seit der Zerstörung ab 1990, indem wir ein Schutzdach aus Metall und eine Schutzeinhausung mit Textilien errichtet haben. Um die Plane anzubringen haben wir über Soziale Medien Helfer akquiriert. Die Winderosion ist jetzt ausgeschlossen, der direkte Wassereintrag ist vollkommen unterbunden und unsere neuesten Monitoring-Ergebnisse haben gezeigt, dass es auch frostfrei ist. Damit haben wir eine Atempause generiert. Wir werden aber auch in diesem Sommer mit Fachkolleginnen und -kollegen sowie Freiwilligen weiter an der Sicherung arbeiten.

Aber wir wollen das Buzludzha-Monument auch für die Zukunft attraktiv machen. Es soll nicht nur eine Ruine sein. Und dazu brauchen wir ein richtiges Dach. Jetzt haben wir nur ein Schutzdach. Es wird die Aufgabe eines internationalen Wettbewerbs sein, vielleicht sogar eine ökologisch nachhaltige Hülle aus regenerativen Energien zu schaffen, die den Schutz des Gebäudes gewährleistet. Es sollte eine clevere Möglichkeit gefunden werden, um eine ganzjährige Nutzung zu ermöglichen.

Wie wird das Buzludzha-Denkmal zum Erinnerungsort?

Immer wenn ich Erinnerungen durch Museen oder Erinnerungsorte institutionalisiere, bin ich in der Bringschuld, möglichst viele Wege der Erkenntnis anzubieten. In Rahmen der Erstellung eines Denkmalpflegeplans startete die Buzludzha Project Foundation auch die Kampagne „Buzludzha’s Unwritten Stories“, die Zeitzeugenberichte über den Bau und die Geschichte des Monuments sammelte. Ziel war es, das Wissen über das Denkmal in Erzählungen und Erinnerungen zu dokumentieren und die erlebte Bedeutung des Bauwerks für die Zeitgenossen festzuhalten, aber auch den Dialog zwischen den Generationen zu fördern.

Was hat Sie am meisten beeindruckt, wenn Sie an Ihre bisherigen Arbeiten vor Ort denken?

Man kann an dem Gebäude die Wut der Bulgarinnen und Bulgaren ablesen, die nicht mehr den vorgegebenen sozialistischen Idealen entsprechen wollten. In den Kellerräumen wurden beispielsweise die Fliesen mit Vorschlaghämmern heruntergeschlagen. Man sieht da so richtig die Einschlaglöcher. Das fand ich neben der Schönheit der Natur am beeindruckendsten.

Zur Schönheit der Natur zählen zweifellos die Wild Horses. Einmal kamen wir hinauf und dann war vor dem Eingang mit den fragmentarischen Lettern des kommunistischen Manifests eine Herde wilder Pferde. Interessant ist auch die Witterung vor Ort. Da ändert sich das Wetter manchmal halbstündlich und es ziehen Wolken durch das Gebäude. Das vermittelt ein Bild von Naturgewalten.

Pressemitteilung: Technische Universität München