4. Dezember 2020

Die nachhaltige Stadt von morgen: Grauwasser für mehr Grün

Für die Versorgung der Fassadenbegrünung wird zum einen Regenwasser von der Dachfläche in einer Retentions-Zisterne gespeichert (li.), zum anderen wird auch der Abfluss aus den Duschen der Wohncontainer in einer Pflanzenkläranlage (re.) aufgefangen. Foto: Julian Rettig

Düsseldorf (pm) – Im Herzen Stuttgarts entsteht mit dem Rosensteinviertel in den kommenden Jahren ein ganz neuer Stadtteil. Durch den Gleisrückbau im Rahmen von Stuttgart 21 wird direkt hinter dem Bahnhof eine Fläche von rund 85 Hektar frei, auf der man mehr als 5.000 Wohnungen bauen möchte. Es soll ein Ort mit großer urbaner Lebensqualität und sehr viel Grün werden … Klar, auf dem Papier hört sich sowas immer gut an. Aber in der Realität ist die Integration von zahlreichen Bäumen und anderen Pflanzen in die städtische Bebauung sowohl für Kommunen als auch Privatbesitzer eine Herausforderung. Denn gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmender Trockenperioden stellt sich die Frage: Woher nimmt man die großen Mengen Gießwasser, die benötigt werden?

Offenes Forschungslabor

Der Suche nach einer Antwort geht derzeit auch das Forschungsprojekt INTERESS-I nach und präsentiert mit dem Impulsprojekt Stuttgart ein offenes Forschungslabor am Rande des zukünftigen Rosensteinviertels. INTERESS-I steht für „Integrierte Strategien zur Stärkung urbaner blau-grüner Infrastrukturen“ und erarbeitet Konzepte und Maßnahmen zur Optimierung der Siedlungs- und Bauwerksstrukturen auf der Basis stadtklimatischer Anforderungen, der Wasserverfügbarkeit und -qualität und der Belange der Freiraumversorgung.

Beim Impulsprojekt Stuttgart arbeiten unter der Leitung der Technischen Universität München verschiedene Hochschulen, Kommunen und Unternehmen eng zusammen. Kernstück des offenen Forschungslabors sind dreigeschossige Wohncontainer, in denen Arbeiter während ihres Einsatzes auf der Großbaustelle untergebracht sind, und von denen Teile mit Vertikalbegrünungssystemen versehen wurden. Für die Versorgung der Pflanzen wird zum einen Regenwasser von der Dachfläche gesammelt und in einer Retentions-Zisterne gespeichert, zum anderen wird auch der Abfluss aus den Duschen und Handwaschbecken der Wohncontainer aufgefangen. Dieses nur leicht verschmutzte, sogenannte Grauwasser durchläuft vor seinem Gießeinsatz eine filternde Pflanzenkläranlage, die mit Kies und Sand gefüllt und mit Schilf bewachsen ist. Knapp 400 Liter pro Tag können in dieser direkt vor den Containern aufgebauten Anlage gereinigt werden. Im Anschluss erfolgt eine weitere Hygienisierung mit UV-Lampen.

Grün mal drei

Drei verschiedene etablierte Vertikalbegrünungssysteme kommen im offenen Forschungslabor zum Einsatz – alle aus dem Programm der Helix Pflanzen GmbH aus Kornwestheim. Im Erdgeschoss der Wohncontainer ist es ‘Elementa‘, ein System, das sonst häufig auch als Lärmschutzwand verbaut wird: In Körben aus verzinktem Stahlgitter, gefüllt mit Spezialsubstrat, wachsen beispielsweise Lavendel verschiedene Stauden wie beispielsweise Geranium. Oben und unten liegende Profilschienen sowie Verschraubungen ermöglichen, dass sich das System im Baukastenprinzip beliebig erweitern lässt.

Auf der mittleren Containerebene hat das System ‘Elata‘ seinen Platz. Kletterpflanzen wie Efeu wachsen hier in mit Granulat gefüllten, speziellen Kästen und beranken ein stabiles Metallgitter. So bilden sie schon nach kürzester Zeit eine üppig grüne Pflanzenwand. Beim Impulsprojekt stehen die Pflanzkästen auf einem Gerüst vor der Fassade, bei tragfähigen Wänden aus Beton und Mauerwerk sowie Metallkonstruktionen z.B. Parkhäusern können sie aber auch direkt an der Wand verankert werden.

Das System ‘Biomura‘ wurde ganz oben installiert. Die aus recyceltem Kunststoff hergestellten Pflanzkassetten haben eine Größe von 60 mal 45 Zentimetern und verfügen über 16 Pflanzlöcher. Die eingesetzten Stauden und Kräuter wachsen hier in einer anorganischen Mineralwolle mit sehr niedrigem Trockengewicht. Für die Unterkonstruktion werden Trägerschienen aus verzinktem Stahl vertikal an die Wand angebracht, daher ist das System vergleichbar mit einer vorgehängten, belüfteten Fassade.

„Insgesamt 14 verschiedene Pflanzenarten wurden für die Vertikalbegrünungen ausgesucht“, erklärt Hans Müller, Geschäftsführer von Helix. „Durch die Auswahl und -kombination wird gewährleistet, dass alle drei Systeme auch in den Wintermonaten attraktiv und grün sind. Leistungsfähige Pumpen und eine hochwertige Steuerungsanlage stellen eine bedarfsgerechte Bewässerung sicher.“

Impulse setzen

Am 15. Juli 2020 wurde das Impulsprojekt Stuttgart offiziell in Betrieb genommen. In den nächsten Monaten gehen die beteiligten Institutionen nun intensiv verschiedenen Fragestellungen nach. So wird beispielsweise untersucht, inwieweit sich das gereinigte Duschwasser zur Versorgung der Pflanzen eignet, wie gut die Reinigungsleistung des Bodenfilters bei unterschiedlichem Substrat bzw. bei unterschiedlichem Durchfluss ist und ob die gesammelten Mengen zur Bewässerung der Fassadenbegrünung ausreichen. „Bisher ging man immer davon aus, dass etwa ein Viertel des Bedarfs durch Regenwasser gedeckt werden kann und drei Viertel durch das gereinigte Grauwasser. Ob das so ist, wird die Praxis jetzt zeigen“, sagt Müller. „Aber ich gehe davon aus, dass kein zusätzliches Trinkwasser benötigt wird. Denn anders als bei Regenwasser kann man bei Grauwasser sicher sein, dass es relativ verlässlich und kontinuierlich anfällt.“

Das Ziel des Impulsprojekts in Stuttgart ist aber nicht allein, Messwerte zu sammeln. Wie der Name schon vermuten lässt, wünscht man sich, dass davon auch tatsächliche Impulse ausgehen. Das heißt, man will einer möglichst breiten Öffentlichkeit – von Stadtplanern, über Kommunen bis zur Wohnungsbauwirtschaft – demonstrieren, wie zukünftig Bewässerungsbedarf und Abwasserentsorgung zusammen gedacht werden sollten, wie alternative Wasserressourcen zu erschließen sind und eine nachhaltige und innovative Versorgung des Stadtgrüns gewährleistet werden kann. Das Projekt läuft bis Oktober 2021 und ist öffentlich zugänglich. Während der gesamten Zeit finden regelmäßig Führungen vor Ort statt.

Pressemitteilung: NED.WORK Agentur + Verlag GmbH