Berlin (pm) – In der Ausstellung IDEAL CITY zeigt die Galerie nüüd.berlin bis zum 16. April ein Projekt der Berliner Künstlerin Birgit Naomi Glatzel, in dem öffentliche Räume aus Städten weltweit zu neuen, imaginären Stadträumen verbunden werden. Architektur sowie Orte aus den Bereichen Service, Verkehr und Freizeit werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und neu kombiniert. Seit 2003 wächst dieses offene Projekt kontinuierlich weiter und lädt Besucher:innen dazu ein, Stadt als wandelbare, offene Idee zu begreifen.
Mit Ideal City entwickelt Birgit Naomi Glatzel seit 2003 ein offenes künstlerisches System, das urbane Räume neu zusammensetzt und vertraute Vorstellungen von Stadt, Identität und Zugehörigkeit befragt. In der Ausstellung bei nüüd.berlin tritt dieses System als visuelles, klangliches und interaktives Gefüge in Erscheinung – als Stadt im Zustand permanenter Möglichkeit.
„Ausgangspunkt des Projekts ist ein spielerisches, zugleich tiefgreifendes Prinzip der Neukombination: Inspiriert von Kro-gu-fant, einem Klappbilderbuch der Künstlerin Sara Ball, in dem aus fragmentierten Tierkörpern neue, hybride Wesen entstehen, überträgt Ideal City dieses Verfahren auf die Struktur von Städten“ führt Glatzel aus. „Statt Körperteilen werden architektonische, soziale und funktionale Merkmale urbaner Räume neu zusammengesetzt – und damit Städte imaginiert, die es so nie gegeben hat, die aber dennoch vertraut wirken.“
Ideal City arbeitet mit Orten aus Städten weltweit, die drei grundlegenden Kategorien zugeordnet sind: Service, Verkehr und Freizeit. Diese Kategorien bilden die strukturelle Basis moderner Urbanität – unabhängig von Kontinent, politischem System oder kulturellem Hintergrund. Märkte, Einkaufszentren, Verkehrsknotenpunkte, Stadien, Strände oder Plätze werden aus ihrem geografischen, kulturellen und historischen Kontext gelöst und in ein modulares Bildsystem überführt. Innerhalb dieses Systems treten sie in neue, ungewohnte Beziehungen zueinander und verlieren ihre eindeutige Zuschreibung. Ein Ort ist nicht mehr „Berlin“, „Tel Aviv“ oder „Tbilisi“, sondern Teil eines neuen, hybriden Zusammenhangs.
Henner Merle, Inhaber von nüüd.berlin: „Ein zentraler Bestandteil von Ideal Cityist die interaktive Komponente. Über eine Computerschnittstelle oder durch das Austauschen von Bildern an einer Wand sind Besucher:innen eingeladen, ihre eigene ´Lieblingsstadt´ zu entwerfen, indem sie öffentliche Räume nach individuellen Vorlieben kombinieren. Das Brandenburger Tor kann unmittelbar an den Strand von Tel Aviv grenzen, ein Einkaufszentrum in Tel Aviv neben dem Berliner Olympiastadion liegen. Diese freien Kombinationen eröffnen utopische, manchmal auch absurde Stadtlandschaften, die bestehende Vorstellungen von Urbanität, Identität und Zugehörigkeit hinterfragen.“
Aus der Verschmelzung der Städte entsteht nicht nur ein neues Bild, sondern auch ein neuer Name: Die Kombination von beispielsweise Berlin, Venedig und Tbilisi wird zu BENESI. Diese Namensschöpfungen sind mehr als spielerische Wortkreationen. Sie markieren die Entstehung neuer, hybrider Identitäten und verweisen auf die Möglichkeit, Stadt als kollektives, wandelbares Konstrukt zu denken – jenseits nationaler Grenzen oder historischer Festschreibungen.
Kuratorisch bewegt sich Ideal City an der Schnittstelle von Fotografie, digitaler Bildproduktion, Klang, Design und partizipativer Kunst. Die Zusammenarbeit von Glatzel mit Hennink Stöve (Konzept & Algorithmen), Marc Weiser(Sounddesign) und editienne (Plakatdesign) unterstreicht den interdisziplinären Ansatz des Projekts. Bild, Klang und Interface greifen ineinander und schaffen eine immersive Erfahrung, in der die Stadt nicht nur betrachtet, sondern aktiv gestaltet wird.
Die klare visuelle Sprache, die modulare Struktur und die Offenheit für Beteiligung spiegeln ein zeitgenössisches Verständnis von Ausstellung als Ort des Austauschs wider – nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als Angebot. Ideal City ist kein Entwurf einer besseren Stadt, sondern eine Einladung, Stadt als Prozess zu begreifen – als etwas, das sich aus Fragmenten zusammensetzt, sich ständig verändert und von denjenigen geprägt wird, die sich in ihr bewegen.
Birgit Naomi Glatzel (*1970 in Kempten/Allgäu) ist eine freischaffende Konzeptkünstlerin und Architektin. Seit 1998 arbeitet sie überwiegend im Bereich der Fotografie. Ihr Fotoprojekt „a friend is a friend of a friend“ begann sie im Sommer 1998 und hat hiermit internationale Aufmerksamkeit erregt. Ihre Werke wurden u.a. auf der Biennale in Tirana, der Biennale in Venedig, in Berlin (u.a. im Jüdischen Museum), Jerusalem, Paris, Kiev sowie auf der Photo London 2024 gezeigt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.
Ingo Taubhorn ist Künstler und Ausstellungsmacher. Von 2003 bis 2023 war er Chefkurator des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg. Seit 1988 realisiert er Ausstellungen für internationale Galerien und Museen und engagiert sich intensiv für zeitgenössische Fotografie, insbesondere für junge europäische Positionen. Seine eigenen künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich mit Themen wie Familie, Gender und Queerness. Taubhorn studierte Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie und Film in Dortmund, er lebt und arbeitet in Berlin.
Quelle: Galerie nüüd.berlin