15. Juli 2024

Das ‹Quartier der tanzenden Paare› von KCAP – urbane Transformation eines Industriegebiets in Wangen-Brüttisellen

© Filippo Bolognese, © KCAP

Zürich (pm) – Mit dem ‹Quartier der tanzenden Paare› gewinnen KCAP (Städtebau und Architektur), Studio Vulkan (Landschaft) und Raumanzug (Nachhaltigkeit) den Studienauftrag für ein neues Wohnquartier mit 279 Wohnungen in der Nähe von Zürich. Wangen-Brüttisellen ist eine stark wachsende Gemeinde, die eine Verdichtung plant. Eines der für die Überbauung vorgesehenen Grundstücke ist das Erni-Areal, ein ehemaliges Industriegebiet in der Nähe des Bahnhofs. Ziel war es, ein dichtes und lebenswertes Quartier in einem kontrastreichen, fast kakophonischen Umfeld zu schaffen.

Im Auftrag der Erni Liegenschaften hat Mobimo Management fünf Teams eingeladen, das ehemalige Erni-Areal in Wangen-Brüttisellen zu entwickeln. Das teilweise überbaute Areal soll in ein verdichtetes Quartier mit Wohnen, Büros, Handel und Gastronomie transformiert werden. Das Grundstück ist umgeben von kleinteiliger Wohnbebauung, kompakten Hochhäusern und verschiedenen Gewerbebetrieben – darunter ein Hochregallager für Coca-Cola. Da das Unternehmen derzeit seine Aktivitäten ausweitet, werden die Grössenunterschiede noch grösser. Darüber hinaus ist der Standort stark lärmbelastet, da er sich in der Nähe einer Autobahnausfahrt, an einer stark befahrenen Durchgangsstrasse und direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Zürich befindet. Ein solch anspruchsvoller Standort erforderte eine präzise Entwurfslösung.

© Filippo Bolognese, © KCAP

KCAP schlug ein Konzept vor, das auf den heterogenen Kontext mit einer sehr klaren, eigenen Haltung reagiert. Es stellt sich selbstbewusst gegen nahe gelegene Grossprojekte wie das Brüttiseller Tor, das Coca Cola-Hochregallager oder das Ringstrassenquartier. Statt grosser Gesten und Höhepunkte bietet das Quartier einen Kontrast mit kompakter, niedriger Bebauung. Die hohe Dichte lässt im Inneren eine eigene Welt entstehen und schafft so verschiedene gemütliche, kleinteilige Nischen. Ein Rückgrat aus miteinander verzahnten öffentlichen Räumen schafft ein lebenswertes, geschütztes Umfeld.

Die gestaffelte Anordnung der Gebäude wirkt wie eine Lärmschutzwand, die der komplexen Lärmsituation gerecht wird und gleichzeitig einen offenen Charakter bewahrt. Wohnen ist vor allem in den geschützteren Gebäuden angesiedelt, während die stark befahrene Durchgangsstrasse und die Autobahnausfahrt von Gebäuden mit flexiblen Büroflächen und Penthouse-Wohnungen begrenzt werden. Gleichzeitig bleibt das Erni-Areal durch eine Vielzahl von physischen und visuellen Verbindungen in seinen Kontext eingebettet. Viele kleine Öffnungen und Eingänge entlang der harten Kante sorgen für ein hohes Mass an Durchlässigkeit.

Das neue Quartier wird durch vier verschiedene Typologien geprägt: das Atriumhaus, das Zeilenhaus, das Punkthaus und das Zwillingshaus. Jede Typologie wird zweimal eingesetzt, wodurch Paare entstehen, die aufgrund ihrer Anordnung und Ausrichtung im Plan miteinander zu ‹tanzen› scheinen. Die Begrenzung der Anzahl der Gebäude- und Wohnungstypologien diente sowohl der Kohärenz als auch der Optimierung und schuf ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Wiederholung und Vielfalt. «Wir haben uns vom Walzer, einem Tanz für zwei Personen in geschlossener Haltung mit schnellen Drehungen und festem Schrittmuster, inspirieren lassen», erklärt Ute Schneider, Partnerin bei KCAP.

Allen vier Typologien gemeinsam ist ein schräges Dach, das die drei obersten Stockwerke einschliesst und eine Traufe über dem vierten oder fünften Stockwerk bildet. Dadurch wird ein menschlicher Massstab eingeführt und viel natürliches Licht für die öffentlichen Räume und Wohnungen gewährleistet. Zusammen mit der unterschiedlichen Materialisierung des Erdgeschosses sind die Fassaden visuell in drei Schichten gegliedert: Erdgeschoss, Körper und Schrägdach.

Durch die sorgfältige Positionierung der vier «tanzenden Paare» hat KCAP eine Abfolge von öffentlichen Räumen im Inneren des Viertels geschaffen. Diese zeichnen sich alle durch ihre spezifischen Qualitäten aus: Die Innenhöfe sind üppig mit Bäumen bepflanzt, die Flächen vor den Gebäuden fungieren als Pufferzone zwischen öffentlichem und privatem Raum und die autofreien Strassen sind deutlich als solche zu erkennen. Aufgrund ihrer natürlichen Bepflanzung und Beschattung dienen diese Flächen auch als Rückhaltefläche für überschüssiges Regenwasser, als Kühlmassnahme und als eigenes Mikroklima.

Nachhaltigkeit ist ein integraler Bestandteil aller KCAP-Projekte, und das Erni-Areal ist ein deutliches Beispiel für unseren Ansatz. Die Gebäude sind so konzipiert, dass sie teilweise aus recyceltem Beton – der nur für die Untergeschosse, Erdgeschosse und Gebäudekerne verwendet wird – und teilweise aus vorgefertigten Holzelementen gebaut werden. Dieser hybride Ansatz hat sowohl finanzielle als auch ökologische Vorteile, da er den komplexen Bauprozess an diesem anspruchsvollen Standort rationalisiert. Neben den Massnahmen zur Lärmreduzierung, zum Wärmeschutz, zur Wasserrückhaltung und zur Verbesserung des Mikroklimas verfügt das Erni-Areal über Photovoltaikanlagen, begrünte Dächer, Wärmepumpen und ein Höchstmass an natürlicher Belüftung. Das Projekt ist sowohl kompakt als auch ökologisch und erfüllt die Anforderungen des SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) zu fast 100 %.

Der bestehende ERNI-Hauptsitz bleibt erhalten und wird um ein Gewächshaus aufgestockt, das zu einem Gemeinschaftszentrum mit Schwerpunkt auf der städtischen Lebensmittelproduktion werden soll. Nachts wird dieser Glaspavillon als Leuchtturm für das neue Quartier dienen. Ute Schneider: «Wir wollten einen Teil der industriellen Atmosphäre des Viertels erhalten und sowohl Vielfalt als auch Kohärenz hinzufügen, um ein echtes Nachbarschaftsgefühl zu schaffen.»

© Filippo Bolognese, © KCAP

Standort: Zürich, Schweiz
​Kunde: Mobimo AG
​Jahr: 2022 – aktuell
​Status: laufend
​Programm: 36.000 m2 (BGF), Transformation eines Industrieareals in ein gemischt genutztes Quartier mit 279 Wohnungen, Büro- und Gewerbeflächen
​Rolle: Stadtplaner und Architekt
​Beteiligte Personen: Studio Vulkan (Landschaftsarchitektur), Raumanzug (Nachhaltigkeitsberatung)

Pressemitteilung: KCAP