Rostock (pm) – Neue Daten aus dem Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels. In einer aktuellen Studie stellt Prof. Roland Rau heraus: Selbst wenn in Deutschland die Geburtenrate sofort auf Bestanderhaltungsniveau steigen würden, würde die Bevölkerung ohne Zuwanderung in den nächsten 50 Jahren um fast 25 Prozent schrumpfen. Das sogenannte „Bevölkerungsmomentum“ gibt Aufschluss.
„Wie würde sich die Größe einer schrumpfenden Bevölkerung entwickeln, wenn die Geburtenrate schlagartig auf das Bestandserhaltungsniveau ansteigen würde?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich der renommierte Demografieforscher Roland Rau, Professor am Institut für Soziologie und Demographie an der Universität Rostock.
Deutscher Durchschnitt: 1,35 Kinder pro Frau
Zum Hintergrund: Das Bestandserhaltungsniveau ist die durchschnittliche Zahl an Kindern pro Frau, die notwendig ist, um die Bevölkerung ohne Zuwanderung langfristig konstant zu halten. In Industrieländern liegt diese Zahl bei 2,1 Kindern. In Deutschland befindet sich die Zahl weit unter dem Bestandserhaltungsniveau – die Geburtenrate liegt derzeit bei 1,35 Kindern pro Frau. Die überraschende Antwort auf die Eingangsfrage lautet: Die Bevölkerung schrumpft erst einmal weiter.
Altersstruktur einer Bevölkerung entscheidend
Dieses Ausmaß an fortgesetztem Bevölkerungsrückgang nach einem plötzlichen Fallen der Geburtenrate auf das Bestandserhaltungsniveau wird als „Bevölkerungsmomentum“ (population momentum) bezeichnet. Das Bevölkerungsmomentum ist definiert als das Verhältnis der sich letztendlich einstellenden konstanten Bevölkerungsgröße zur Populationsgröße zu Beginn. Es beschreibt einen „Nachlaufeffekt“, der von der Altersstruktur der Bevölkerung abhängt. Der Großteil des Effekts stellt sich typischerweise innerhalb von 50 bis60 Jahren ein. In einer alternden Gesellschaft, in der die Geburtenraten über Jahre hinweg niedrig sind, gibt es weniger Frauen im gebärfähigen Alter und demnach auch weniger Geburten – auch wenn die Geburtenrate gestiegen ist. In jungen Bevölkerungen ist es genau andersrum: Wenn die Geburtenrate abrupt sinkt, wächst die Bevölkerung erst einmal weiter, weil viele Frauen sich im oder vor dem gebärfähigen Alter befinden. Dadurch bleibt die absolute Zahl der Geburten hoch, auch wenn die Frauen im Schnitt weniger Kinder bekommen.
Berechnungen mit neuen Zahlen
Die Berechnung des Bevölkerungsmomentums ist nicht neu, schon in den 1970er Jahren wurden Studien dazu veröffentlicht. Auch wenn im Kern ein mathematisches Modell steht, ist für Roland Rau die Relevanz des Bevölkerungsmomentums für Politik und Gesellschaft wichtig. „Das Momentum ist sozusagen ein Best-Case-Szenario. Bei Bevölkerungen unter dem Bestandserhaltungsniveau der Fertilität würde sie noch mindestens um den berechneten Anteil schrumpfen und bei wachsenden Bevölkerungen natürlich genau andersherum.“ Rau betont aber auch, dass Migration in diesen Betrachtungen nicht berücksichtigt wird.
Weitreichende Konsequenzen für Sozialsysteme und Wirtschaft
Um einen Eindruck vom Ausmaß des Bevölkerungsmomentums zu bekommen, hat Rau dieses für „Demografische Forschung aus Erster Hand“ mittels Daten der Vereinten Nationen für Deutschland, Österreich, die Welt und viele weitere Länder berechnet. Nimmt man 2024 als Ausgangsjahr, würde Deutschland in den nächsten 50 Jahren ungefähr um ein Viertel schrumpfen, Österreich um rund 20 Prozent. Bei der Weltbevölkerung verhält es sich genau andersherum. Sie würde noch um etwa 16 Prozent weiterwachsen, selbst wenn ab dem Jahr 2025 das globale Geburtenniveau auf dem Bestandserhaltungsniveau läge. Als Kontinent würde Afrika sogar noch um 48 Prozent weiterwachsen während das Momentum in anderen Erdteilen (Asien, Ozeanien, Lateinamerika) weitaus geringer wäre oder sogar zum Schrumpfen führen würde (Europa, Nordamerika). „Das hat weitreichende Konsequenzen für die Sozialsysteme und die Wirtschaft. Das Problem des Fachkräftemangels zum Beispiel wird uns sicherlich weiter beschäftigen“, so Demograf Rau.
Weitere Informationen zur Studie finden Sie im Infoblatt „Demografische Forschung Aus Erster Hand“.
Quelle: Universität Rostock