30. Mai 2020

Begrünte Gebäude und Freiflächen sind eine Frage der sozialen Fairness

BOKU-Expertin Prof.in Rosemarie Stangl: „Investitionen für den Klimaschutz müssen die Aufrüstung solarer Techniken mit der grünen Aufrüstung unserer Gebäude, Städte und Gemeinden integral kombinieren.“Erweiterung der Forschungsschwerpunkte unter neuer Professur am Institut für Holztechnologie an der BOKU.

Wien (pm) – In der Zeit der Ausgangsbeschränkungen während der Covid-19-Pandemie hat sich gezeigt, wie schwierig es für die Menschen in der Stadt war, in der eng bebauten Umgebung und in den Straßenzügen die vorgeschriebenen Verhaltensmaßnahmen und den Schutzabstand einzuhalten. Innerstädtische Parkanlagen und Grünflächen wurden für Erholungszwecke vermehrt genutzt, waren aber ebenfalls periodisch überfrequentiert. All das hat eines verdeutlicht: Wie groß der Bedarf an grünen Freiflächen im urbanen Bereich und das Bedürfnis nach Natur in der Stadt sind – insbesondere in Ausnahmesituationen. An der BOKU wird seit Jahren zu dieser Thematik interdisziplinär geforscht und die Institute für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau, für Landschaftsplanung sowie für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung wirken gemeinsam mit TU Wien, MedUni Wien, Joanneum Research und IBO im Scientific Board des Innovationslabors „GRÜNSTATTGRAU“ mit.

So liegen in vielen innerstädtischen Bezirken Wiens die Gehsteigbreiten unter 2 Meter, Abstand zu halten ist also baulich-räumlich schwierig. Wirft man einen Blick auf die quantitative Versorgung der Bevölkerung in Wien z.B. mit Parkanlagen, wird diese Herausforderung noch deutlicher. So verfügt die Josefstadt nur über eine Parkanlagenfläche von 0,79 m² pro Person, auch in den Bezirken Mariahilf (0,94 m²), Neubau (1,15 m²) oder Margareten (1,52 m²) steht nur geringfügig mehr Grünfläche pro Person zur Verfügung. Dicht bewohnte Bezirke wie auch Ottakring, Rudolfsheim-Fünfhaus oder die Brigittenau sind hier ebenso benachteiligt. Eine zentrale Flächenressource sind hier die Straßenfreiräume.

Straßenfreiraum als soziale Frage

Wirft man einen Blick auf die Flächen der Fahrbahnen in den Straßenfreiräumen (also ohne Gehsteige und baulich getrennte Radwege), die für den ruhenden und fahrenden Verkehr genutzt werden, zeigen sich die räumlichen Reserven im öffentlichen Raum. 9,26 m² stehen durchschnittlich den Wiener*innen an Parks zur Verfügung. Fahrbahnflächen hingegen sind pro Bewohner*in 12,44 m² verfügbar. In den dicht bebauten Bezirken ist die Diskrepanz noch größer: Den 1,15 m² Parkfläche pro Person im Bezirk Neubau stehen z. B. 6,51 m² Fahrbahnfläche gegenüber.

Die Nutzung dieser Flächenreserven ist – nicht nur in der aktuellen Situation, aber jetzt im Besonderen – entscheidend für eine verbesserte Grün- und Freiraumversorgung, die noch dazu ungleich verteilt ist. So leben sozial und wirtschaftlich benachteiligte Gruppen häufiger in Umgebungen mit einer dichten Bebauung und wenig Grün- und Freiräumen. Diese Gruppen verfügen auch häufig über einen beengten Wohnraum und sind dadurch noch zusätzlich betroffen. Auch diese soziale Frage wird unter den aktuellen Rahmenbedingungen und Herausforderungen eminenter. Die faire Verteilung der Straßenfreiräume und die Steigerung der Aufenthaltsqualität werden wichtiger denn je. Um die Resilienz der Städte zu erhöhen – nicht nur zur Anpassung an den Klimawandel – ist ein Umdenken nötig. Die Straßenfreiräume in der Stadt müssen mehr Funktionen übernehmen als bloß motorisierte Mobilität zu ermöglichen, und Gebäudeflächen müssen mehr Funktionen übernehmen als Behausung und Energieversorgung, so die Vorsitzende Stangl des Scientific Boards.

Durch Covid-19 besonders gefährdete Bevölkerungsschichten müssen weiterhin auf soziale Distanzierung und Selbstisolierung achten und halten sich daher vorwiegend zu Hause auf. In Kombination mit der zunehmenden Problematik des städtischen Hitzeinseleffekts als Folge der urbanen Verdichtung, kann sich die Situation im Sommer verschärfen. Die erwartbaren Hitzewellen werden auch heuer wieder die gefährdete Bevölkerung wie ältere Personen hart treffen.

Gebäudebegrünung erhöht Wohlbefinden

Klimawandeltaugliche Gebäudebegrünungen helfen den Städten und der Bevölkerung, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, und haben entscheidende Wirkung auf den Energiebedarf von Gebäuden. Die Effekte der Verschattung und Kühlung im Sommer und Wärmedämmung im Winter konnten bereits in zahlreichen Projekten bestätigt werden. Auch weitere positive bauphysikalische Auswirkungen, die zu einem erhöhten subjektiven Wohlbefinden beitragen und die Gesundheit beeinflussen, konnten nachgewiesen werden: So werden sowohl der Schallschutz als auch das Mikroklima durch die Begrünung verbessert, eine Erhöhung der Luftfeuchtigkeit erreicht und Temperatursenkung bei Hitze gesteigert. Der Einflussbereich der Bauwerksbegrünung umfasst nicht nur das Gebäudeinnere, sondern auch den Straßenraum. Mikroklimatische Effekte werden teilweise sogar von Dachbegrünungen bis zur Straßenebene erzielt, das Laubwerk von Grünfassaden trägt bedeutend zur Regulierung der Luft- und Umgebungstemperatur und damit auch zur Luftqualität bei.

Mehrere Studien belegen die positive Wirkung von begrüntem Umfeld auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Vertikale Gärten werden zunehmend als wichtige, natürliche Strukturen aufgefasst, die die Gemütslage von Menschen positiv beeinflussen können. Stadtplanung und Stadtverwaltungen sind gefordert, schnell umsetzbare Lösungen wie die Freigabe von Straßenraum und langfristig wirksame Lösungen wie die verstärkte Begrünung von Gebäuden und gebäudenahen Freiflächen zu forcieren. „Der Energy Retrofit ist mit dem Green Retrofit integral zu lösen und zu kombinieren“, plädiert BOKU-Professorin Stangl. Intensive Kooperation zwischen Energie-, Bau- und der Begrünungsbranche ist gefordert, um Klimaschutz fair für alle zugänglich zu machen.

Pressemitteilung: Universität für Bodenkultur