7. August 2022

Bauwirtschaft: Materialmangel und Preissteigerungen verhageln Umsatzbilanz

Bauwirtschaft geht neue Wege bei Personalgewinnung

Stuttgart (pm) – „Bauen ist Vertrauen auf die Zukunft. Auch wenn der Traum von den eigenen vier Wänden 2021 merklich teurer geworden ist, gibt es derzeit keine bessere Alternative, um sein Geld krisensicher zu investieren“, sagt Markus Böll, Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Trotz einer Nachfragedelle im vergangenen Herbst bleibe der Wohnungsbau auch 2022 ein stabiler Faktor innerhalb des Baugeschehens. Grund für die extremen Preissteigerungen der letzten Monate waren vor allem die Lieferschwierigkeiten bei Baumaterialien und die weltweit gestiegene Nachfrage nach Baustoffen. „Wir Bauunternehmer haben diese Preiserhöhungen nicht zu verantworten und sind leider gezwungen, sie an unsere Kunden weiter zu geben“, erklärt Böll. Allein im Wohnungsbau betrug der Preisanstieg im November gut 14,5 %, im Straßenbau waren es 5,7 %. Eine Entspannung an der Preisfront wird es wohl erst ab zweitem Quartal 2022 geben.

Der massive Preisauftrieb hat die Umsatzbilanz der baden-württembergischen Bauwirtschaft insgesamt getrübt. Lediglich 0,8 % Plus gegenüber dem ersten harten Coronajahr verzeichnete die Branche zwischen Januar und November 2021. Das Umsatzvolumen der Betriebe mit 20 und mehr Mitarbeitern lag bei 12,9 Mrd. Euro. Bis Jahresende rechnet der Verband mit einem Umsatz von plus/minus Null. Deutlich besser entwickelten sich die Auftragseingänge. Hier gab es vor allem im Wirtschaftshochbau im zweiten Halbjahr einen kräftigen Auftragsschub. Über alle Bausparten hinweg stieg die Nachfrage in den ersten elf Monaten im Vergleich zum Vorjahr um 15,8 %. Enttäuschend entwickelte sich dagegen der öffentliche Bau. Bis Ende November gab es hier ein Umsatzminus von 1,4 %, die Ordereingänge lagen bei mageren +3 %. Insbesondere der Straßenbau hat im letzten Jahr unter den fehlenden Aufträgen der Kommunen gelitten, obgleich das Land für coronabedingte Einnahmeausfälle extra Unterstützungspakete bereitgestellt hat.

Ernüchternd war 2021 außerdem die zögerliche Auftragsvergabe der neu gegründeten Autobahn GmbH des Bundes. Mathias Waggershauser, Vizepräsident des Verbandes, sieht sich heute in seinen Befürchtungen bestätigt: „Die Autobahn GmbH ist noch immer mehr mit ihrem Umstrukturierungsprozess beschäftigt anstatt Projekte auszuschreiben. Obwohl genügend finanzielle Mittel bereit stehen, kommt das Geld einfach nicht auf die Straße. Wir können nur hoffen, dass das 2022 besser wird.“ Daneben fordert Waggershauser vom Land mehr Mittel für die Landesstraßen in Baden-Württemberg und mehr Personal für die Straßenbauverwaltung. Zudem sollten Bund und Land schnellstmöglich ein Programm zur Beschleunigung von Vergabeverfahren insbesondere im Bereich Straßen- und Infrastrukturbau verabschieden.

Für 2022 rechnet der Verband angesichts der hohen Auftragsbestände mit einem preisbereinigten Umsatzplus von real 1 %. Dies setzt jedoch voraus, dass die Unternehmen genügend Arbeitskräfte finden. Aktuell ist der Fachkräftemangel eines der größten Probleme in der Branche. Dabei brauche es beides, erklärt Markus Böll: gut ausgebildete Baufachleute, aber auch Arbeitskräfte aus dem Ausland, die man hier zu Fachkräften qualifizieren kann. Das geplante Zuwanderungsgesetz könne da ein sinnvoller Türöffner sein, vorausgesetzt der Bundesgesetzgeber zeigt sich offen für neue Wege. „Wir haben in Deutschland sehr hohe Qualifikationsanforderungen, die viele potentielle Bewerber aus dem Ausland nicht erfüllen. Deshalb plädieren wir für ein pragmatisches Vorgehen: Schon heute existieren in der Bauwirtschaft Programme wie etwa ‚Berufsstart Bau‘ oder ‚Teilqualifizierung Bauwirtschaft‘. Diese sollten wir in veränderter Form auch bei der Qualifizierung ausländischer Arbeitskräfte anwenden“, so Böll.

Im Rahmen dieser speziellen Programme könnte man beispielsweise gering qualifizierte Erwachsene über 25 Jahre für ein halbes Jahr nach Deutschland holen. Diese werden direkt von den Baufirmen eingestellt, parallel bekommen sie in den Baubildungszentren praktische Qualifikationen vermittelt. Die Lohnkosten würden befristet vom Staat übernommen. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, muss das Land spätestens nach einem halben Jahr wieder verlassen. Sehr gute Erfahrungen haben einige Bauunternehmen auch mit der klassischen 3-jährigen Ausbildung von vietnamesischen Baulehrlingen gemacht. Außerdem möchte die Baubranche künftig das Berufspotential von Frauen auf dem Bau stärker nutzen.

 

Pressemitteilung: Bauwirtschaft Baden-Württemberg