3. November 2026

Ein Jahr Bau-Turbo: Kommunen nutzen neue Spielräume für mehr Wohnraum – Kommentare

Berlin (pm) – Seit dem 30. Oktober 2025 eröffnet der Bau-Turbo den Kommunen neue Möglichkeiten, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und Wohnungsbauvorhaben schneller auf den Weg zu bringen. Seit Beginn unterstützt das BMWSB die Kommunen aktiv bei der Umsetzung des Bau-Turbos und geht mit dem Umsetzungslabor neue Wege bei der Gesetzgebung und dem Praxistransfer.

Ein vom BMWSB initiiertes Datenmonitoring macht nun sichtbar: Die Kommunen nutzen die neuen Spielräume. In 72 Prozent der circa 400 am Monitoring teilnehmenden Kommunen wurde bereits über Bau-Turbo-Anträge verhandelt. Mehr als die Hälfte der gestellten Anträge erhielt bereits eine Zustimmung. Mit acht Modellkommunen geht das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) nun den nächsten Schritt und vertieft gemeinsam mit den Kommunen den Praxistransfer.

Dazu Verena Hubertz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen:

„Vor einem Jahr haben wir den Bau-Turbo gezündet. Mit dem Bau-Turbo können Kommunen einem Bauvorhaben bis zu 20-mal schneller zustimmen als zuvor. Heute sehen wir durch unser Monitoring: Er ist in der Praxis angekommen. In mehr als zwei Drittel der befragten Kommunen wurden bereits Bau-Turbo-Anträge gestellt. Kommunen im ganzen Land packen an und nutzen die neuen Möglichkeiten des Bau-Turbos.

Dabei geht es nicht darum, immer auf der grünen Wiese zu bauen. Im Gegenteil: Die Ergebnisse zeigen, dass der Bau-Turbo Flächen schont, etwa um Baulücken zu schließen oder Gebäude aufzustocken. Fast neun von zehn zugestimmten Wohnungen entstehen auf Flächen, die schon genutzt werden.

Mit unseren acht Modellkommunen gehen wir jetzt den nächsten Schritt. Gemeinsam wollen wir schauen, was vor Ort gut funktioniert, wo wir Verfahren noch einfacher machen können und wie wir diese Erfahrungen auch für andere Kommunen nutzbar machen. So können möglichst viele Städte und Gemeinden von den neuen Möglichkeiten profitieren.“

Der Bau-Turbo stärkt die Innenentwicklung und schont Flächen

Die Monitoring-Ergebnisse zeigen, dass die Kommunen den Bau-Turbo vor allem für die Weiterentwicklung bereits genutzter Flächen einsetzen. Fast neun von zehn zugestimmten Wohneinheiten entstehen auf Flächen, die bereits genutzt werden – etwa in Wohn- und Gewerbegebieten, auf gemischt genutzten Flächen, in Leerständen oder auf Brachen. Lediglich rund zwölf Prozent der zugestimmten Wohneinheiten entfallen auf bisherige Grün- oder Landwirtschaftsflächen.

Von Januar bis Juni 2026 erhielten in den am Monitoring teilnehmenden Kommunen insgesamt 7.892 Wohneinheiten eine Zustimmung. Rund 84 Prozent der zugestimmten Wohneinheiten entstehen in Mehrfamilienhäusern. Neben Neubauvorhaben nutzen die Kommunen den Bau-Turbo auch für Aufstockungen und Umnutzungen bestehender Gebäude.

Bund und Kommunen lernen gemeinsam

Seit Inkrafttreten des Bau-Turbos begleitet das BMWSB die Kommunen bei der Umsetzung der neuen Regelungen. Im Umsetzungslabor haben sich bereits tausende Kommunen an Informations- und Austauschformaten beteiligt. Gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. (vhw) sowie der Forward Planung und Forschung GmbH werden praxisrelevante Fragen aufgegriffen, Erfahrungen gebündelt und konkrete Hilfestellungen für die Anwendung entwickelt.

Mit acht Modellkommunen München, Frankfurt am Main, Duisburg, Kiel, Trier, Ratingen, Rüdersdorf bei Berlin und der Landkreis Nienburg (Weser) wird diese Arbeit nun vertieft. Alle Städte bringen unterschiedliche Ausgangslagen und Fragestellungen dabei ein. Sie untersuchen konkrete Anwendungsfälle, entwickeln kommunale Leitlinien und erproben, wie sich Verfahren beschleunigen und gleichzeitig städtebauliche Qualitäten sichern lassen.

Parallel wird das bundesweite Datenmonitoring weiterentwickelt. Es erfasst die kommunale Anwendung der einzelnen Regelungen und schafft eine Grundlage für die gesetzlich vorgesehene Evaluierung des § 246e BauGB bis zum 31. Dezember 2029.

Die Erkenntnisse aus dem Monitoring, dem Umsetzungslabor und den Modellkommunen sollen auch in die weitere Modernisierung des Planungsrechts einfließen.

Hintergrund

Der Bau-Turbo ist am 30. Oktober 2025 mit dem „Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung“ (BGBl. 2025 I Nr. 257) in Kraft getreten. Er umfasst neben der bis zum 31. Dezember 2030 befristeten Experimentierklausel (§ 246e BauGB) auch Erleichterungen für Wohnungsbauvorhaben im Geltungsbereich von Bebauungsplänen (§ 31 Abs. 3 BauGB) und im unbeplanten Innenbereich (§ 34 Abs. 3b BauGB). Die Zustimmung der Gemeinde ist Voraussetzung für die Anwendung der neuen Regelungen.

In allen Fällen gilt, dass das Vorhaben unter Würdigung nachbarlicher Interessen mit den öffentlichen Belangen vereinbar sein muss. Außerdem ist nach § 36a BauGB die Zustimmung der Gemeinde erforderlich.

Zum Datenmonitoring: Die Ergebnisse beziehen sich auf den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. Juni 2026. Insgesamt haben 393 Kommunen freiwillig Daten zur Anwendung des Bau-Turbos gemeldet. Da keine gesetzliche Berichtspflicht besteht, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ, geben aber einen Einblick in die bisherige kommunale Anwendungspraxis.

Weitere, ausführliche Informationen zum Datenmonitoring Sie finden anbei oder allgemeine Informationen zum Bau-Turbo hier.

Quelle: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB)

Kommentare

GdW zur Bauturbo-Jahresbilanz: Bezahlbarer Wohnungsbau steckt weiter fest

Ein Jahr nach Einführung des Bauturbos zieht die sozial orientierte Wohnungswirtschaft eine gemischte Bilanz: Das Instrument kann Verfahren deutlich verkürzen, kommt bislang aber nur bei einem kleinen Teil der vom Spitzenverband GdW befragten Wohnungsunternehmen zum Einsatz. Damit aus schnelleren Genehmigungen mehr bezahlbare Wohnungen werden, müssen Bund, Länder und Kommunen jetzt die Bau- und Finanzierungskosten senken und die Anwendung vor Ort erleichtern.

„Eine Baugenehmigung bietet noch niemandem ein Zuhause. Fakt ist: Der Bauturbo kann wertvolle Zeit sparen. Aber solange sich bezahlbare Wohnungen nicht bezahlbar bauen lassen, bleibt sein Versprechen unerfüllt“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW. „Die Politik muss den Erfolg ihrer Wohnungspolitik daran messen lassen, ob Menschen tatsächlich eine Wohnung finden, die sie bezahlen können.“

Nur rund acht Prozent der sozial orientierten Wohnungsunternehmen berichteten im Rahmen einer GdW-Umfrage im September 2026, dass der Bauturbo bereits in einem konkreten Genehmigungsverfahren ihres Unternehmens angewendet wurde. Rund 92 Prozent verneinen dies. Zugleich belegen die berichteten Erfahrungen das Potenzial: Die Genehmigungsdauer lag im Mittel bei drei Monaten. Den Beschleunigungseffekt für ihr Vorhaben schätzten die Unternehmen auf durchschnittlich 13 Monate.

Rund 31 Prozent der befragten Wohnungsunternehmen beabsichtigen, den Bauturbo bei weiteren Vorhaben zu nutzen. Bei knapp 48 Prozent ist dies noch ungewiss.

„Ein Zeitgewinn von mehr als einem Jahr kann für ein Bauvorhaben entscheidend sein. Dieses Potenzial darf nicht ungenutzt bleiben. Kommunen brauchen klare Anwendungshilfen und den politischen Rückhalt, die neuen Möglichkeiten konsequent einzusetzen“, sagt Gedaschko.

Der GdW fordert, die seit Langem angemahnten Lösungen endlich zusammenzuführen:

  • Bezahlbaren Neubau finanzierbar machen: durch dauerhaft niedrige, verlässliche Förderzinsen und eine langfristig planbare Förderung. Neben dem sozialen Wohnungsbau braucht auch das mittlere Mietpreissegment wirksame Unterstützung.
  • Baukosten durch einfachere Standards senken: Ein rechtssicherer Basisstandard und die praxistaugliche Absicherung des Gebäudetyps E müssen einfaches, gutes und kostengünstiges Bauen ermöglichen. Serielles und modulares Bauen muss leichter in die breite Anwendung kommen.
  • Bezahlbarem Wohnungsbau wirksamen Vorrang geben: mit einer verbindlichen „Fast Lane“, die auch konkrete Bauvorhaben erreicht, digitalen Verfahren und weniger Prüf- und Dokumentationsaufwand. Aufstockung, Nachverdichtung und Umnutzung müssen einfacher werden.


„Unsere Unternehmen wollen Wohnungen bauen, die sich auch Menschen mit normalen Einkommen leisten können. Dafür brauchen sie Bedingungen, unter denen sich diese Projekte rechnen. Die Lösungen liegen seit Langem auf dem Tisch. Jedes weitere Jahr des Zögerns verlängert die Wohnungssuche und verschärft den Druck auf den Wohnungsmärkten weiter“, so Gedaschko.

Wie der Bauturbo in der Praxis zum Erfolg wird: Das Beispiel Oldenburg zeigt, wie entschlossenes kommunales Handeln und serielles Bauen zusammenwirken können, um bezahlbaren Wohnraum schneller zu schaffen. Mehr dazu hier im Beitrag „Bau-Turbo und serielles Bauen – eine erfolgversprechende Kombination“ auf Wohnungswirtschaft Online.

BFW: Bauen wird nur günstiger, wenn weitere staatliche Kosten sinken

Der BFW Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen bewertet die Bilanz zum Jahrestag der Einführung des sogenannten „Bau-Turbo“ kritisch.

„Wir befinden uns noch im unteren Drehzahlbereich. Denn nicht jede Kommune will den Bau-Turbo zünden. Der Name Bau-Turbo ist eigentlich ein Etikettenschwindel, es ist eine mögliche Planungsbeschleunigung, die schneller zu Genehmigungen führen kann. Davon rollt der Bagger aber nicht zur Baustelle.

Wir haben es zudem mit der denkbar schlechtesten Konstellation zu tun, die möglich ist: Hohe Baukosten treffen auf hohe Bauzinsen, dann noch die explodierenden Energiekosten, hohe Anforderungen und deshalb auch hohe Preise und so gut wie keine Nachfrage. Und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern, egal wie sehr wir uns das Gegenteil wünschen“, betont BFW-Präsident Dirk Salewski in Berlin.

„Nur wenn wir es schaffen, den normalen Leuten wieder Eigentum zu ermöglichen, wird sich etwas ändern. Familien und Angestellte stehen im Abseits, und nur noch die mit dickem finanziellem Polster könnten sich das Bauen noch leisten. Ein „Bau-Turbo“ alleine macht noch keinen Aufschwung. Nur ein Dreisprung aus Erleichterungen, Beschleunigung und Kostensenkungen führt zu mehr und günstigerem Wohnraum. Es braucht ein Bündel aus Maßnahmen, die im Zusammenspiel wirken können. Dazu muss die Mehrwertsteuer gesenkt werden, es braucht attraktive Förderungen und Abschreibungsmöglichkeiten, keine Grunderwerbsteuer beim Ersterwerb einer selbstgenutzten Immobilie, und wir benötigen einen Gebäudetyp E, der es ermöglicht, ohne Schnickschnack einen Vertrag abzuschließen.

Die Debatte um Vergesellschaftung in Berlin hat die Aussicht auf eine Verbesserung der Lage zudem verschlechtert. Investitionen sind das A und O. Ohne privates Kapital wird nicht gehen. Niemand investiert, wenn Eigentum nicht mehr sicher ist“, erklärt Salewski.

ZIA: Vereinfachungen wirken, Tempo für Neubau jetzt weiter erhöhen 

Ein Jahr nach Einführung des Bau-Turbos zeigt sich: Das Instrument hilft in immer mehr Kommunen, dass die von der Immobilienwirtschaft geplanten Bauprojekte auch schnell umgesetzt werden können. „Die Möglichkeit, gemeinsam Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen und schneller Wohnraum zu schaffen, bringt Lösungen mit Mehrwert für alle Beteiligten“, so die Bilanz von Aygül Özkan, Hauptgeschäftsführerin des ZIA. 

Dazu beigetragen hat insbesondere das Umsetzungslabor des Bundesbauministeriums als Austausch- und Lernplattform, die Länder und Kommunen bei der Anwendung des Bau-Turbos unterstützt und Wissen und Erfahrung aus der Praxis bündelt. Der Erfahrungsaustausch und das gegenseitige Lernen zwischen Bund, Ländern und Kommunen hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Bau-Turbo in den Kommunen angekommen ist. Diese Unterstützung der Kommunen durch den Bund fordert der ZIA seit langem. Gleichzeitig trägt der Bau-Turbo dazu bei, Flächen zu schonen, etwa durch Gebäudeaufstockung und Nachverdichtung auf bereits versiegelten Flächen.

Aufgrund der positiven Erfahrungen spricht sich der ZIA dafür aus, die Geltungsdauer des Bau-Turbos über das Jahr 2030 hinaus zu verlängern, um frühzeitig Planungssicherheit für Kommunen und Projektentwickler zu haben. 

„Der Bau-Turbo zeigt, dass tatsächlich schneller gebaut werden kann, wenn der politische Wille vorhanden ist. Den Mut für Veränderungen, den das Bundesbauministerium hier gezeigt hat, sollten wir auch bei anderen laufenden Vorhaben zeigen, insbesondere beim Gebäudetyp E. Hier gilt: Nur wenn der Basisstandard das neue Normal im Bauen wird, können wir die Herstellungskosten maßgeblich senken.“ so Özkan weiter. „Bei der BauGB-Novelle kommt es neben der Einführung digitaler Verfahren darauf an, Planungszeiten klar zu begrenzen.“ 

Transparenz beim Thema Genehmigungen und Neubau bietet die ZIA-BuildMap (powered by Syte): Die Plattform bündelt amtliche Statistikdaten auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte und ermöglicht einen Einblick und Vergleich von Genehmigungszahlen und Fertigstellungen im Wohnungsbau. Mehr zur ZIA-BuildMap unter: https://zia-buildmap.de.