13. Juli 2024

Barkow Leibinger: 2 x 4 Texas A-Frame, Mebane Gallery of Goldsmith Hall, Austin, TX, USA

Berlin (pm) – Der amerikanische A-Frame entwickelte sich in der Nachkriegszeit in den USA zu einer nahezu allgegenwärtigen konstruktiven Lösung für preisgünstigen Wohnraum, meist in Form von Ferienhäusern, Skihütten oder Wochenendhäusern. Dieser formal einfache, aber geniale Bautypus wurde überall in den Vereinigten Staaten als kleine Unterkunft mit begrenztem Raumprogramm gebaut: ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, vielleicht ein Dachboden. Trotz der Klarheit und Einfachheit der Struktur wurde diese nur selten baulich erweitert. Die stark geneigten Wände waren ungewöhnlich und eine Herausforderung: Wie sollte man den Geschirrspüler unterbringen? Der Schornstein musste vom Dach abgehängt werden, usw.

Ähnlich wie die „Geodesic Domes“ von Buckminster Fuller hat sich der A-Frame nie über die im Katalog angebotene Do-it-yourself-Realität hinaus weiterentwickelt. Kurz gesagt, diese konstruktive Grundidee wurde nie wirklich „architektonisch“ – mit all den Komplexitäten, Nuancen und Ambitionen, die Architektur verkörpert. Der A-Frame hat es nicht aus den DIY- Seiten von „Popular Mechanics“ oder dem „The Whole Earth Catalog“ herausgeschafft. Mit dem Aufkommen und dem Versprechen digitaler Produktionsmöglichkeiten für vorgefertigte Fachwerkkonstruktionen in Verbindung mit einer neuen, dringenden Notwendigkeit für nachhaltiges Bauen mit Holz glauben wir, dass die Zeit reif ist, sowohl den A-Frame als auch die Fachwerkkonstruktion als architektonische Aufgabenstellung mit einer ebenso wirtschaftlichen wie nachhaltigen Lösung neu zu überdenken.

© Peiying Yang / The University of Texas at Austin, School of Architecture

Die 2×4 Inches messenden Holzbalken werden normalerweise aus einem Douglasienstamm gefräst und erreichen nach dem Trocknen und Hobeln eine Größe von 1-1/2 Inches x 3-3/4 Inches, was sie zu einem der am leichtesten verfügbaren, deswegen weitverbreitetsten und wirtschaftlichsten Bauelemente in der gesamten amerikanischen Bauindustrie macht. Das Material ist so weich, dass es leicht mit Schrauben oder Nägeln verbunden werden kann, und zugleich stabil genug für den Hausbau. Unser Ziel war die Weiterentwicklung des A-Frame zu einem zeitgenössischen Bautypus, der unendliche Möglichkeiten bietet, der formal und programmatisch komplexer sein kann als bisher und der für ganz unterschiedliche Standorte in einem digitalen (Nach-)Nachkriegszeitalter konfigurierbar ist.

Unser Prototyp für die Mebane Gallery bietet unendliche Konfigurationsmöglichkeiten. Der A-Frame funktioniert als „Struktur als Raum“, das heißt, die dreieckigen Konstruktionen sind sowohl stabil als auch räumlich anpassungsfähig, sie ermöglichen die Programmierung von Innenräumen mit Küche, Arbeitsbereich, Schlaf- und Lagerräume, Badezimmer usw.. Die A-Frame-Konfigurationen sind als Einheiten (in diesem Fall vier) konzipiert, die ineinander übergehen und so ein räumliches Kontinuum mit unterschiedlichen Schnitten je nach Programm und Raumbelegung ermöglichen. Die jeweiligen Segmente können auch nach oben oder unten geneigt werden, um an komplexere topografische Anforderungen angepasst werden zu können.

Die 2×4-Inches-Hölzer werden mit Gewindeschrauben zusammengefügt, wodurch eine dreieckige Verbindung entsteht, die einen ausgesteiften, soliden, fachwerkähnlichen Rahmen bildet. Zusätzliche sekundäre Rahmen werden in die Struktur eingeflochten, um Liegeflächen, Tische und Theken auszubilden. Ein freistehender Tisch, von Enzo Mari mit einem ähnlichen Do-it- yourself-Ansatz konstruiert, vervollständigt das Ensemble, ebenso wie andere Objekte und Möbel, die von der Struktur aufgenommen und beherbergt werden können.

Der Prototyp kann (je nach Standort und geografischen Bedingungen) auf einer Betonplatte errichtet werden, die auch als Heiz- und Kühlquelle für das Haus dient. Die Struktur kann an den Stirnseiten mit Dreifachverglasung, mehrzelligen lichtdurchlässigen Polycarbonatplatten und Photovoltaikpaneelen verkleidet werden, um eine Netto-Nullenergieleistung zu erreichen. Die Struktur kann ihr eigenes Grauwasser sammeln, und die „Täler“ der Dachschrägen können als Pflanzgefäße für Blumen oder Gemüse genutzt werden. Das Ergebnis ist ein flexibel konfigurierbares, maßgeschneidertes Haus für weniger als 100.000 US-Dollar.

Unser Ziel ist es, einen überzeugenden, wenn auch bislang unterschätzten Gebäudetyp neu zu interpretieren. So kann mit Hilfe unseren heutigen technischen Möglichkeiten etwas bemerkenswert Neues entstehen, das die Art und Weise, wie wir in Zukunft arbeiten und leben, herausfordert. Etwas Vertrautes und Innovatives zugleich.

Quelle: B-L Barkow Leibinger Partnerschaft von Architekten mbB