20. Januar 2022

Auf drei Ebenen kreativ: Architekten zum Entwickler?

(c) HB Reavis

Berlin (pm) – Elisa Rodriguez, Lisa Manns und Oliver Fuchs – drei Architekt*innen, die bei HB Reavis arbeiten, einem internationalen Projektentwickler. Sie realisieren dort Büro- und Handelsimmobilien. Ein Gespräch über die unterschiedlichen Aufgaben und Sichtweisen im Vergleich zum Architekturbüro.

 

Warum hieß es für euch Projektentwicklung und nicht Architekturbüro?

Elisa: Ich war zwölf Jahre lang in einem großen Architekturbüro. Alle dort waren sehr leidenschaftlich und brannten für ihre Entwürfe. Man versteht am Anfang der Beruf des Architekten nur als Planer. Durch die Jahre und Erfahrung verändert man sich aber. Ich persönlich wollte irgendwann auf eine Ebene, wo man mehr mitbestimmen kann.

Lisa: Mich interessiert der Gesamtzusammenhang. Was fordert die geplante Nutzung vom Entwurf? Was heißt eine Entwurfsentscheidung für das Budget? Welcher Teilbereich braucht gerade einen neuen Fokus? Wie wirken sich Veränderungen auf den Zeitplan aus? In der Projektentwicklung hat vieles mit Zahlen und mit dem Organisieren der Abläufe zu tun. Für Architekten, die klassisch kreativ sein möchten, fühlt sich das vielleicht nicht so gut an. Für mich schon.

Oliver: In der Arbeit sucht jeder Dinge, die einen irgendwie triggern. Entscheidungen treffen oder Entwürfe zeichnen.

 

Das heißt, ich tausche Kreativität gegen Mitbestimmung?

Oliver: Als Projektentwickler braucht man unbedingt Kreativität. Es ist nur eine andere Form. Jedes Projekt ist immer ein Unikat. Das ist sehr ähnlich beim Entwurf. Jede Planung ist immer ein Prototyp, sofern man nicht gerade duplizierbare Fertighäuser baut.

Lisa: Schon durch den Ort, der zwangsläufig immer anders ist, verändern sich die Rahmenbedingungen. Und das eben nicht nur für den Entwurf, sondern auch für die Stakeholder in der Projektentwicklung wie zum Beispiel Nachbarn oder Behörden.

Elisa: Ich glaube, man braucht in der Projektentwicklung eine gewisse strategische Kreativität, aber auch eine Prozess- und darüber hinaus eine Stakeholder-Kreativität.

Oliver: Gerade die Prozesskreativität ist wichtiger, als man sich das wahrscheinlich vorstellt. Manchmal ist es der sicherste Weg, ein Vorhaben gegen die Wand zu fahren, indem man einfach alle Prozesse der bisherigen Projekte wiederholt. Selbst an derselben Stelle, auf exakt demselben Grundstück lässt sich ein Prozess manchmal nicht wiederholen. Die Rahmenbedingungen und Abläufe würden allein durch den nun anderen Startzeitpunkt anders aussehen, zum Beispiel haben sich wesentliche Projektbeteiligte, Ziele des Projekts geändert. Und damit auch das Ergebnis, also die realisierte Immobilie. Ein Beispiel wären neue Ziele in Bezug auf den Ressourcenverbrauch und die Nachhaltigkeit.

Elisa: Nach meiner Beobachtung bringen viele Architekten, die im Projektmanagement arbeiten, die erforderliche Prozesskreativität mit. Sie übertragen die kreativen Lösungsansätze und Methoden vom Entwurf auf die Entwicklungsebene und profitieren davon.

Oliver: Und es hilft zu wissen, wann Entscheidungen im Planungsprozess erforderlich werden. Man kann nicht bis zuletzt alles offenhalten. Wenn zum Beispiel aus Unkenntnis, wie Planung funktioniert, notwendige Entscheidungen nicht getroffen werden, entstehen schwere Probleme im Projekt.

Lisa: Ich denke, dass ein Ingenieurhintergrund in der Projektentwicklung generell wertvoll ist, beispielsweise Architektur und Wirtschafts- oder Bauingenieurwesen.

 

Also kein Kulturschock, wenn Ingenieure zum Entwickler gehen?

Oliver: Von den Menschen, die mit mir gemeinsam studiert haben, arbeitet jeder zweite nicht im Architekturbüro, sondern beim Bauherrn, bei einer Behörde oder anderswo. Manche von Anfang an. Ich glaube, dass sich der Schock in Grenzen hält.

Elisa: Ich habe eine zusätzliche Ausbildung im Real-Estate-Management gemacht. Ich habe mich auf den Schritt, zum Projektentwickler zu gehen, lange vorbereitet. Für mich war der Wechsel dann auch nicht mit großen Überraschungen verbunden. Wer aber direkt aus dem Architekturstudium kommt und noch keine Berührung mit dem Projektmanagement hatte, der wundert sich vielleicht schon, wie viele Probleme man auf der anderen Seite permanent lösen muss. Vom Grundwasser über Schallschutz bis Kunst am Bau.

 

Hört man immer noch, dass der Bauherr die dunkle Seite sei?

Lisa: Ja, ich höre das immer wieder, ein Architekt sei jetzt beim Bauherrn, er habe die Seiten gewechselt. Ich sehe da gar keine unterschiedlichen Seiten. Wir arbeiten doch alle Hand in Hand. Das gesamte Team aus Architektur, Statik, Haustechnik, Projektmanagement etc. muss an einem Strang ziehen. Während der gesamten Planungskette.

Oliver: Trotzdem müssen die Rollen klar sein. Wenn der Projektmanager versucht, die Aufgaben des Architekten zu lösen, wird das genauso schief gehen, wie wenn umgekehrt der Architekt die Arbeit des Projektmanagers machen möchte.

Elisa: Wichtig ist immer auch das Thema Kommunikation mit allen Beteiligten. So hat zum Beispiel die Anforderung an den Entwurf, die sich aus der Nutzung ableitet, immer eine hohe Priorität. Oft steht zum Projektbeginn der Nutzer aber noch gar nicht fest. Und dann kann es sein, dass man eben mittendrin von Büro- auf Laborflächen umplanen muss.

Lisa: Wir hatten den Fall gerade bei einem Mieter in unserem Projekt „DSTRCT.Berlin“, und insbesondere die neuen Anforderungen an die Lüftung waren enorm. Und dann kommt es vor allem auch darauf an, dass man die erforderlichen Anpassungen im laufenden Planungsprozess für jeden nachvollziehbar darstellt. Wenn eine Entscheidung, auch wenn sie eine Extrameile für alle bedeutet, sachlich begründet ist, dann wird sie in der Regel auch mitgetragen.

 

Blicken wir in die Zukunft: Wo geht die Arbeitsreise hin für Architekten?

Oliver: Bauen ist keine One-Man-Show oder One-Woman-Show. Jedes größere Projekt kann nur im Team erfolgreich umgesetzt werden. Es wird also weiterhin darum gehen, die richtigen Beteiligten zusammenzubringen. Entsprechend dürfte der Wert guter Architekten oder Projektmanager noch wichtiger werden, ob im Planungsbüro oder beim Bauherrn.

Elisa: Die Nachfrage nach Architekten wird steigen. Insbesondere nach solchen, die schon Erfahrung mit den Planungsprozessen haben.

Lisa:  Das kann ich nur unterstreichen.

 

Vielen Dank!

 

Quelle: HB Reavis