22. Juni 2024

Architektur: Wie die Marktstraße in Mitwitz ihre alte Bedeutung zurück erhält

Coburg (pm) – Bald gehört sie ganz den Bürgern: Anfang Mai wird die „Neue Mitte“ in Mitwitz eröffnet. Planung und Umsetzung des besonderen Holzpavillons lagen in den Händen von Lehrenden und Studierenden der Fakultät Design der Hochschule Coburg. Die Eröffnung am Samstag, 4. Mai, ist auch was für Holzliebhaber, denn Besucherinnen und Besucher dürfen selbst etwas bauen.

Der neue Holzpavillon im Herzen der Marktgemeinde Mitwitz macht nicht nur was her, sondern ist auch sehr nachhaltig, ist er doch aus recyceltem Käferholz konstruiert worden. Am Samstag, 4. Mai, um 14 Uhr soll das moderne Gebilde mit rustikalem Charme mit musikalischer Untermalung der Band Lizharmonic, einem symbolischen Baumstammsägen und dem Zusammenbau eigener Mini-Pavillons eingeweiht werden. Auch die Mockups und das Modell werden vor Ort ausgestellt sein.

Professor Markus Schlempp, Studiengangsleiter im Master Design und Studiengangsleiter im Bachelor Architektur sieht zwei Lehr-Schwerpunkte der Fakultät in dem Projekt vereint: „Zum einen handelt es sich aus architektonisch städtebaulicher Sicht um eine Stadtreparatur, die an dem vorhandenen Potenzial anknüpft und die Attraktivität in der Ortsmitte erhöht.“ Dadurch würden baukulturelle Werte geschaffen, die den Folgen der allgemeinen Landflucht und dem demografischen Wandel entgegenstehen und somit Heimat schaffen. „Zum anderen zeigt das Projekt, wie die Zukunft des Holzbaus, aber auch des Handwerks an sich aussehen muss.“

Rückkehr zur alten Bedeutung der Marktstraße

Nach dem Abriss eines alten Hauses war im Ortskern von Mitwitz eine Lücke geblieben. Heute steht dort eine neue Markthalle in Form eines Pavillons auf einem modernisierten Dorfplatz. Dieser ist nicht nur multifunktional, sondern verbindet auch ästhetisch die regionale Holzbautradition mit nachhaltigem, modernem Holzbau, der sich beinahe nahtlos in die umliegenden, rustikalen Gebäude einpasst. Der leicht vergrößerte Abstand der Markthalle zum Nachbargebäude schafft eine neue Wegverbindung in die Natur und zu zukünftigen Bauprojekten in Mitwitz und die anliegende Hauptstraße bekommt wieder ihre Bedeutung als Marktstraße zurück.

Wo sich heute wieder Menschen treffen, Märkte und Veranstaltungen stattfinden steht das Herzensprojekt der Studierenden und Lehrenden der Hochschule – ein Paradebeispiel für gewinnbringende Zusammenarbeit von Hochschule, lokalen Betrieben und Markt-Gemeinde. So wird auch an der Hochschule gelehrt, versichert Schlempp: „In unserer Lehre haben die Eins-zu-Eins Projekte einen ganz besonderen Stellenwert, da der Lerneffekt durch das Begreifen, wie das Wort schon innehat, Be-Greifen, am effektivsten ist und den Studierenden eine praxisnahe Ausbildung sichert.“

Startschuss für Idee und Umsetzung hatte ein Symposium des Studiengangs Architektur zum Thema Nachhaltiger Holzbau im Wintersemester 2021/22 gegeben. Die Frage lautete, wie in der industriellen Verarbeitung ein sparsamerer Einsatz von Holz möglich sei, um vor allem regionale Unternehmen zu stärken. Im Rahmen eines interdisziplinären Seminars mit der Marktgemeinde Mitwitz wurden mehrere Entwürfe für einen nachhaltigen Holzbau erarbeitet.

Kaum ein anderer Rohstoff im Bausektor wird im Moment so gefördert, wie das Holz. Diese nachwachsende und CO2-bindende Ressource erlebt trotz seiner traditionellen Verwendung im Hausbau derzeit eine Renaissance, sogar beim Bau mehrgeschossiger Wohnungen. Da der gesamte Bausektor für rund ein Viertel des globalen CO2-Ausstosses verantwortlich ist, verwundert es nicht, dass auch hier neue Wege zum Umweltschutz und der Schonung von Ressourcen gefunden werden müssen und zukünftige Fachkräfte sich genau darauf spezialisieren.

Auch vonseiten der Politik, muss sich etwas tun, weiß Professor Schlempp: „Das Handwerk vor Ort muss wieder gestärkt werden. Große, industrialisierte Handwerksbetriebe sind zu schwerfällig, unflexibel und oft zu weit weg, um angemessene Lösungen im Bestand zu erbringen. Es braucht nachhaltige, ressourcenschonende und partizipative Ansätze, um mit den Leuten und den Materialien vor Ort, einfache und erschwingliche Gebäude zu erstellen, die an der traditionellen Baukultur im ländlichen Raum anknüpft und vertraute Werte schaffen.“

Höchste Präzision

Im Wintersemester 2022/23 erstellten Studierende die ersten Modelle und Mock-Ups. In Zusammenarbeit mit regionalen Betrieben wie einem Betonfertigteilhersteller und einem Zimmerermeister wurden die notwendigen Grundarbeiten ausgeführt. Obwohl die Fundamente in höchster Präzision gefertigt und versetzt wurden, mussten sie im Nachgang nochmals genau vermessen werden, um den Abbund millimetergenau darauf anzupassen. Dies geschah in einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit dem Masterstudiengang Digitale Denkmaltechnologien der Hochschule Coburg in Kooperation mit der Universität Bamberg. Mittels eines 3D-Scanners wurden die Fundamente durch Gerhard Gresik von der Coburger Fakultät Design lagerichtig, millimetergenau erfasst. So konnten passgenaue Pläne entwickelt werden.

In den Semesterferien, nachdem die Ausführungsplanung von dem Prüfstatiker freigegeben und das Holz im Sägewerk begutachtet worden war, konnten die Studierenden mit dem Zimmerermeister den Abbund des Holzes für den Pavillon beginnen. Im März 2023 wurden die Bauarbeiten für die Platzgestaltung durch das Gartenbauunternehmen abgeschlossen. Nachdem das Gerüst gestellt war, starteten die Studierenden im April nach Ostern mit dem Zimmermeister Samuel Friedrich mit der Montage der abgebundenen Holzkonstruktion. Innerhalb einer Woche und der tatkräftigen Mithilfe des Zimmerermeisters Harald Gräf aus Mainleus und des Krahns der Zimmerei Kögel, stand der Rohbau innerhalb einer Woche. Am 3. Mai wurde das Richtfest gefeiert.

Mitte August 2023 wurde ein Unterdach aus Polycarbonatplatten montiert, wonach die Dach- und Fassadenelemente aus heimischer Lärche, die die Studierenden an der Hochschule vorgefertigt hatten, montiert wurden und der Pavillon bis auf die Beleuchtung und kleineren Abschlussarbeiten fertiggestellt werden konnte. Inzwischen sind alle Arbeiten abgeschlossen, nur die Eröffnung steht noch aus. Das Projekt wird von der Bayerischen Städteförderung unterstützt.

Quelle: Hochschule Coburg, Text: Andreas Wolf