17. Juni 2024

Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen für offenes Europa: Baukultur hält Europa zusammen – Staatsminister Pentz für Beitrittsperspektive für Westbalkanländer

v. l. n. r.: Brigitte Holz, ehemalige Präsidentin AKH, Dr. Martin Kraushaar, AKH-Hauptgeschäftsführer, Ruth Schagemann, Präsidentin ACE, Gerhard Greiner, AKH-Präsident, Staatsminister Manfred Pentz, Prof. Dr. Stephan Albrecht © AKH/Sandra Hauer

Wiesbaden (pm) – Nicht nur der Europäische Binnenmarkt macht Europa für den weiteren Erfolg der hessischen Wirtschaft mit Frankfurt als einer der Städte mit den meisten europäischen Institutionen unverzichtbar; Europa sei auch für die Sicherheit zentral, sagte der Hessische Staatsminister für Europa Manfred Pentz auf der Veranstaltung der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH) unter dem Motto „Europa gestalten – Verantwortung, Demokratie, Freiheit“. Daraus leitete er im Vorfeld der Europawahl die Forderung ab, den Ländern des Westbalkans eine glaubhafte und rasche Beitrittsperspektive zu eröffnen.

Gerhard Greiner, neu gewählter Präsident der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen, ging in seiner Begrüßung auf die in ganz Europa spürbare Bindungswirkung einer gemeinsamen baukulturellen Geschichte ein. Sie stärke und präge das Zusammengehörigkeitsgefühl. Er hob die Bedeutung der jährlichen Auszeichnung der Kulturhauptstädte hervor und wies darauf hin, dass dieses Jahr Tartu in Estland die Kraft der kleinen Städte zeigen will und nächstes Jahr Chemnitz die Aufmerksamkeit auf die ungesehene Stadt und ungesehenen Orte richten wird.

Eine Kathedrale sei kein architektonisches Gesamtkunstwerk, sondern die Gleichzeitigkeit verschiedener Techniken, Stile, Farbgebung und Ikonographie, merkte Prof. Dr. Stephan Albrecht, Kunsthistoriker aus Bamberg, in seinem Vortrag zur Rekonstruktion des Denkmals mit europäischer Strahlkraft nach dem verheerenden Dachstuhlbrand von 2019 an. Albrecht war selbst über Jahre an dieser Baustelle als Experte beteiligt. Er zeigte sich fasziniert von der Aufgabe und den wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten, die ihm Frankreich und Paris wie selbstverständlich einräumten. Denn er hatte noch vor dem Brand eines der präzisesten digitalen Scan-Modelle der Kirchenportale erstellt und konnte daher wichtige Hinweise zur Rekonstruktion der verloren gegangenen Schätze geben. Die Kathedrale soll Ende des Jahres wieder eröffnet werden. Albrechts ursprüngliches Forschungsinteresse galt dem Zusammenspiel von rahmenartiger Planung von Bauteilen der Kirche, bei gleichzeitiger individueller künstlerischer und technischer Freiheit der Steinmetzarbeiten. Auf dieser historischen Baustelle sei es üblich gewesen, solch unterschiedliche Herangehensweisen auszuhalten und zu integrieren. Dies entspreche der Freiheitsidee Europas.

Die Präsidentin des Architects‘ Council of Europe (ACE) Ruth Schagemann stellte den Zusammenhang her zur Erklärung von Davos von 2018 aller Kulturministerinnen und Kulturminister Europas zur Baukultur. Darin stellen sie fest, dass die gegenwärtigen Herausforderungen, wie die langfristigen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise, die vierte industrielle Revolution, die zunehmende Urbanisierung, die Entvölkerung peripherer Regionen, die Migration und der demographische Wandel, die wachsenden Ungleichheiten, der Klimawandel und die Umweltschäden, bedeutende Auswirkungen auf unseren Lebensraum haben und die Baukultur und die Rolle der Architektur bei der Bewältigung dieser Herausforderungen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Schagemann erläuterte, wie es der scheidenden Europäischen Kommission mit dem Projekt des Neuen Europäischen Bauhauses genau darum gegangen sei, ein Narrativ der Chancen durch Baukultur angesichts der zahlreichen Umbrüche und Herausforderungen aufzubauen und es die Aufgabe des Berufsstands sei auf die weitere Umsetzung dieser positiven Ansätze auch in der nächsten Legislatur des Europaparlaments zu dringen.

Die jüngst aus dem Amt geschiedene Präsidentin der AKH Brigitte Holz betonte als Moderatorin der Veranstaltung, dass es eine unmittelbare, negative Auswirkung auf die Möglichkeiten der Berufsausübung der Freien Berufe gebe, wenn die Gesellschaften autoritärer und damit unfreier würden. Sie sagte, es komme nicht von ungefähr, dass das Grundgesetz, die freiheitlichste Verfassung, die Deutschland je hatte, und der Bundesverband der freien Berufe zum selben Zeitpunkt ihr 75-jähriges Bestehen feierten. Eine offene liberale Gesellschaft sei zwingend erforderliches Umfeld für die berufliche Entfaltung als Angehörige bzw. Angehöriger eines freien Berufs, welche stets auch gesellschaftliche Verantwortung trügen. Denn die Allgemeinwohlorientierung sei Wesensmerkmal freier Berufe.

Quelle: Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen