Berlin (pm) – In der Reihe „Berliner Städtebaugespräche“ des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) kommen bedeutende Protagonisten der Architektur und des Städtebaus sowie der Stadtentwicklung nachdenklich, ideenreich und stets klug zu Wort. In der 5. Staffel die Architekten Inken Baller, Christoph Sattler und Sergej Tchobansowie der Architekturtheoretiker Fritz Neumeyer, der Architekturhistoriker Wolfgang Schäche und der frühere Berliner Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz Volker Hassemer. Die Gespräche mit Rudolf Spindler vom Wasmuth Verlag zeugen von unterschiedlichen Positionen und Visionen darüber, wie Berlin mit seinen Bauten und Quartieren gestaltet wurde und in Zukunft entwickelt werden soll. Die Reihe thematisiert überdies die Schnittpunkte zwischen städtebaulicher Gestaltung und Zukunftsfragen wie Mobilität, Wohnungsmarkt und Klimawandel.
Christian Müller, AIV-Vorstandsvorsitzender: „Unsere Interview-Reihe ist aus unserem Ausstellungsprojekt ´Unvollendete Metropole´ (2020-2022) hervorgegangen und hat sich mittlerweile zu einem unverwechselbaren Format entwickelt, in dem sich Persönlichkeiten, die etwas Eigenes zu sagen haben, über die Geschichte und die Zukunft von Berlin und Brandenburg äußern. Die neue Kooperation mit der Redaktionswebsite ´Entwicklungsstadt´ verleiht den Gesprächen jetzt eine noch höhere Reichweite.“
Die Videos sind im YouTube-Kanal des AIV ebenso zu sehen wie auf www.aiv-berlin-brandenburg.de, www.entwicklungsstadt.de und www.immermodern.de. Für Kamera, Licht, Ton und Schnitt sind André Spilker und Michael Krügerverantwortlich, Regie und Produktion: Fabian Burns (AIV).
Die sechs Gespräche
Die Architektin Inken Baller, 1942 geboren, lebt seit Beginn ihres Architekturstudiums an der Technischen Universität 1962 in Berlin. Sie war ab 1989 Professorin an der Gesamthochschule Kassel und hatte von 1996 bis 2007 den Lehrstuhl für Entwerfen und Bauen im Bestand an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) inne. 2023 wurde sie für ihr gemeinsames Werk mit Hinrich Baller (1936-2025) mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet. Baller erzählt im „Berliner Städtebaugespräch“ mit Rudolf Spindler von ihrem Werdegang als Architektin und erklärt ihr architektonisches Selbstverständnis, das sich dem sozialen Wohnungsbau und dem Um- und Weiterbau im Bestand verschrieben hat. Sie plädiert dafür, möglichst wenige Gebäude zugunsten von Neubauten abzureißen, und betrachtet es als große Herausforderung für Architekten, „neue Schichten auf Bestehendes zu setzen“; dies erfordere ebenso viel Kreativität und Wissen wie das Bauen neuer Strukturen. Baller kritisiert, dass heutzutage zu viele Häuser gebaut werden, die „stumm sind“, und würdigt die baulichen Qualitäten des Li-Ma-Wohnhofs in Kreuzberg (1984-1986) des niederländischen Architekten Herman Hertzberger. Darüber hinaus kommt sie auf das Wohn- und Geschäftshaus mit der expressiven Fassade von Bruno Taut am Kottbusser Damm 2-3 zu sprechen, das sie zusammen mit Hinrich Baller rekonstruierte und umbaute (1979-1982). Auf die Frage nach außerbaulichen Einflüssen auf ihre Tätigkeit als Architektin verweist Inken Baller mit Blick auf „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Blochdarauf, dass der Gedanke des „Vorscheins auf eine bessere Welt“ auch im Wohnungsbau berücksichtigt werden kann, indem neben dem „Grundbedürfnis, ein Dach über dem Kopf“ zu haben, auch anderen menschlichen Bedürfnissen wie Denken, Träumen und Heimat Raum gegeben wird.
Sergei Tchoban, geboren am 9. Oktober 1962 in St. Petersburg, ist Architekt und Architekturzeichner und lebt und arbeitet seit 1996 in Berlin. Tchoban ist geschäftsführender Gesellschafter des Büros TCHOBAN VOSS Architekten und Gründer der Tchoban Foundation, die das Museum für Architekturzeichnung am Prenzlauer Berg betreibt. Für das Städtebaugespräch im Gebäude des ehemaligen Reichskriegsgerichts in der Witzlebenstraße zeichnete Tchoban die Fassade der gegenüberliegenden Lietzensee-Schule, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde. Aufgrund verlorener Fähigkeiten im Bauhandwerk, aus Kostengründen sowie aufgrund veränderter ästhetischer und politischer Trends, so Tchoban, „wäre eine solche Fassade heute so nicht mehr möglich“. Er betrachtet Architekturzeichnungen als Ausdrucksmittel, mit dem Körper zu denken und zu entwerfen. Zudem erläutert Tchoban die zeichnerische Herangehensweise, die er beim AIV-Jubiläumsprojekt „immer modern! Berlin und seine Straßen“ anwandte, um sich seiner Zukunftsvision für die Möllendorffstraße in Lichtenberg anzunähern.
Christoph Sattler, geboren 1938, ist Mitbegründer des Architekturbüros Hilmer & Sattler und lebt und arbeitet in München. Sein Büro hat das Stadtbild Berlins nach der Wiedervereinigung wie kaum ein anderes geprägt, u.a. durch den städtebaulichen Masterplan für den Potsdamer Platz (1991) und die Bauten Gemäldegalerie am Kulturforum (1998), U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park (1998), Beisheim-Center am Potsdamer Platz (2004) oder den Wohnpark am Lützowplatz (IBA 1987). Im „Berliner Städtebaugespräch“ mit Rudolf Spindler blickt er auf sein Erstlingswerk, das 1971/72 erbaute Wohnhaus des Philosophen Jürgen Habermas in Starnberg, zurück und erzählt überdies, wie es zum Bau des Berliner Stadtschlosses auf der Grundlage eines Entwurfs von Franco Stella kam. Mit Blick auf die Nachbarn des Humboldt Forums auf der Museumsinsel spricht er von einem „gelungenen Raumzusammenhang“ in der Mitte Berlins insbesondere, wenn man weiß, „wie das vorher in der DDR-Zeit war mit dem Plattensee als Aufmarschplatz“ an dieser Stelle. Für Sattler steht das Berliner Schloss für die europäische Stadt, die eine Großform wie das barocke Schloss verträgt, aber ebenso nach Kleinteiligkeit verlangt, wie sie beispielsweise in Sichtweite des Schlosses rings um Schinkels Friedrichswerdersche Kirche den Maßstab bildet.
Der 1948 in Berlin geborene Architekt und Bauhistoriker Wolfgang Schächewar von 1988 bis 2015 Professor für Baugeschichte und Architekturtheorie an der Beuth Hochschule für Technik (heute Berliner Hochschule für Technik) und ist Autor zahlreicher Bücher zur Architektur- und Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Im „Berliner Städtebaugespräch“ mit Rudolf Spindler blickt er auf die Anfänge seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Städtebau im Nationalsozialismus Ende der 1960er Jahre sowie auf seine Begegnungen und Gespräche mit den Planern des NS-Regimes zurück. Darunter Albert Speer, der als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ab 1937 den radikalen Umbau Berlins plante und die Bauvorhaben Hitlers wie die Neue Reichskanzlei realisierte. „Er hat uns bei unseren vier Besuchen das gesamte Bild- und Planmaterial von damals zur Verfügung gestellt und nahezu frei und offen über alle Dinge mit uns gesprochen, bis auf einen Bereich, bei dem er sich verschlossen hat: das Schicksal der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge sowie die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Berlin.“ Für Schäche war Speer, der 1942 auch Reichsminister für Bewaffnung und Munition war, „der manipulativste unter den Kriegsverbrechern“. Nach Hitlers und Speers Plänen sollte Berlin zu einer „Welthauptstadt“ ausgebaut werden, die „nichts mehr mit dem früheren Berlin zu tun hatte“. Die erste große, realisierte Baumaßnahme war die Westachse als Teil der geplanten Ost-West-Achse. Wie der Straßenzug vom Brandenburger Tor über den Großen Stern bis in den Westen Berlins zwischen 1937 und 1939 auf eine Breite von 50 Metern ausgebaut wurde, schildert Schäche im Interview ausführlich.
Volker Hassemer, 1944 geboren, war zweimal Berliner Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz (1981-1983 und 1991-1996) sowie Kultursenator (1983-1989). Nach seiner Zeit in der aktiven Politik arbeitete er als Geschäftsführer von Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing, und engagierte sich als Vorstandsvorsitzender für die Stiftung Zukunft Berlin. Im „Berliner Städtebaugespräch“ mit Rudolf Spindler skizziert er den Markenkern Berlins, der für ihn in der „individuellen Freiheit“ seiner Bürgerinnen und Bürger liegt: „Eine Stadt mit einer Atmosphäre der großen Offenheit, in der die Bürgerinnen und Bürger konstruktiv ihr eigenes Leben verwirklichen können.“ Für Hassemer handelt es sich dabei um „eine Freiheit, die sich nicht von selbst einstellt und nicht ohne Weiteres erhalten bleibt“. Am Beispiel des Hamburger Bahnhofs an der Invalidenstraße skizziert er überdies die Stadtentwicklung Berlins nach der Wende. Und er lobt die vom Senat 2025 beschlossene Verwaltungsreform, die das Ziel hat, das „Behörden-Ping-Pong“ zwischen Hauptverwaltung und Bezirken zu beenden und klare Zuständigkeiten und Prozesse festzulegen. Zugleich fordert Hassemer eine Reform nach der Verwaltungsreform und plädiert für eine „ganz neue Koproduktion von Verwaltung und städtischer Gesellschaft“; sie soll dafür sorgen, dass das „Projekt Stadt“ mehr denn je „nicht allein Sache von Politik und Verwaltung“ ist, sondern in die „Verantwortung der Berlinerinnen und Berliner“ kommt, unter dem Motto „Uns gehört diese Stadt“.
Der 1946 geborene Fritz Neumeyer war von 1992 bis 2012 Lehrstuhlinhaber für Architekturtheorie an der TU Berlin und lehrte als Professor u.a. in Harvard, Princeton und Dortmund. Im „Berliner Städtebaugespräch“ erzählt Neumeyervon seinen ersten Architekturerlebnissen als Gymnasiast – dem romanischen Kaiserdom in Königslutter sowie dem Kulturhaus des finnischen Architekten Alvar Aalto in Wolfsburg – und berichtet von seinem Architekturstudium ab 1967 in Berlin, das für ihn „eine einzige Enttäuschung“ gewesen sei. Sein beruflicher Zugang zur Architektur erfolgte dann über seinen akademischen Lehrer Julius Posener und seine Auseinandersetzung mit dem Architekten Peter Behrens. Sein 1986 erschienenes Werk „Das kunstlose Wort: Gedanken zur Baukunst“ – eine bis heute unübertroffene Analyse der Ideenwelt von Mies van der Rohe – verschaffte ihm später den Zugang zur internationalen akademischen Welt. Neumeyer erinnert sich an Berlin Ende der 1960er Jahre als „Insel und eingemauerte Stadt“ sowie als das „moderne Pompeji“, das noch von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Außerdem spricht er von der Entdeckung der „Abwesenheit der Stadttextur“ in der Mitte Berlins nach dem Fall der Mauer 1989. „In Ost-Berlin war die Peripherie in der Mitte“, und in den Jahren danach galt es, eine „Stadt in der Stadt zu bauen“, eine Aufgabe, die, so Neumeyer, die Architekten der Moderne, die „Städte auf der grünen Wiese bauten“, verlernt hätten. In dem späteren Diskurs um das „Neue Berlin“ und dem so genannten Berliner Architekturstreit habe er seinen „Kopf aus dem Fenster gesteckt“ und „entsprechend auch was um die Ohren bekommen“. Im „Berliner Städtebaugespräch“ mit Rudolf Spindler spricht Neumeyer zudem über die Dialektik von Haus und Stadt, über Häuser, die „singen können“, und er erinnert an die „erotische Macht der Architektur“ und den Zusammenhang von Musik und Architekt
Gäste bisher
Seit Beginn der ersten Staffel 2021 waren bei den „Berliner Städtebaugesprächen“ zu Gast: Tobias Nöfer, Architekt und AIV-Vorstandmitglied; Arno Lederer (1947-2023), Architekt; Prof. Dr. Harald Bodenschatz, Stadtplaner, Kurator und ehem. Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin; Thomas Stellmach, Architekt und Gründer des Büros TSPA, Berlin; Prof. Petra Kahlfeldt, Senatsbaudirektorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen; Prof. Dr. Markus Tubbesing, Professor für Entwurf und Denkmalpflege am Studiengang Architektur und Städtebau, FH Potsdam; Dr. Hans Stimmann (1941-2025), Architekt und ehemaliger Berliner Senatsbaudirektor; Katrin Lompscher, ehemalige Berliner Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen; Andreas Rost, Fotograf und Dozent; Regula Lüscher, Architektin und ehemalige Berliner Senatsbaudirektorin; Jonas Tratz, Architekt und Mitgründer von FAKT; Prof. Dr. Silvia Malcovati, Architektin und Professorin an der FH Potsdam; David Wagner, Schriftsteller; Rob Krier (1938-2023), Architekt und Bildhauer; Dr. Christoph Rauhut, Direktor des Landesdenkmalamt Berlin und Landeskonservator Berlin; Lars Krückeberg, Architekt und Mitbegründer des Architekturbüros GRAFT, Dr. Wolfgang Sonne, Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Dortmund; Prof. Hans Kollhoff, Architekt, Kollhoff Architekten.
Quelle: Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg e.V. (AIV)