Luzern (pm) – Wie fühlt es sich an, mit einer Sehbehinderung den Weg durch eine Baustelle finden zu müssen? Wie für Menschen mit Autismus, wenn akustische und optische Reize an einer Kreuzung auf sie einströmen? Die Hochschule Luzern, das Recherchekollektiv Correctiv.Schweiz sowie zentralplus.ch machen diese Erfahrungen mit Mixed-Reality für alle nachfühlbar. Die Konsequenzen daraus sollen auch in die Stadtplanung einfliessen.
Neurodivergenz, eingeschränkte Sehkraft und altersbedingte Einschränkungen sieht man den Menschen oft nicht an. Dennoch erschweren sie den Alltag. Das Projekt «Achtung Barriere!» des Recherchekollektivs Correctiv.Schweiz und der Hochschule Luzern mit der Medienpartnerin zentralplus.ch konzentriert sich auf diese unsichtbaren Behinderungen, die bis jetzt in der Stadtplanung noch wenig berücksichtigt werden. In einem ersten Schritt lud das Projektteam Betroffene zu Stadtspaziergängen in Luzern ein. Den Auftakt machte ein Pop-up-Stand mitten auf dem Löwenplatz. Hier befragte das Team Luzernerinnen und Luzerner direkt vor Ort zu Barrieren und Hürden, die sie im öffentlichen Raum erleben. Auf der Website CrowdNewsroom.org riefen sie zudem die Öffentlichkeit dazu auf, weitere Hindernisse auf einer Karte der Stadt Luzern einzutragen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: Welche Hürden erschweren euch den Alltag?
Mixed Reality macht versteckte Hürden erlebbar
Vielleicht kann man sich noch vorstellen, wo es mit einem Rollstuhl schwierig wird, sich durch eine Stadt zu bewegen. Bei Neurodivergenzen hingegen geht das deutlich weniger leicht. Genau hier setzt der Beitrag der Hochschule Luzern an. Im Rahmen des von der Gebert Rüf Stiftung finanzierten Projekts entwickelt sie Mixed-Reality-Anwendungen – also digitale Erlebnisse, die virtuelle Elemente mit der echten Umgebung verbinden. Diese Anwendungen sollen Erlebnisse von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen für andere erlebbar machen.
Mit Autismus an einer belebten Kreuzung stehen
Entstanden ist ein virtueller Stadtrundgang. «Wir haben im ersten Schritt eine webbasierte Anwendung entwickelt, die ortsunabhängig auf dem eigenen Smartphone oder Tablet mit Kopfhörern erlebt werden kann», erklärt der auf Augmented und Mixed Reality spezialisierte Designforscher Tobias Matter. In einer fiktiven Luzerner Innenstadt werden unterschiedliche Perspektiven sichtbar – etwa wie herausfordernd es für eine sehbehinderte Person ist, eine Strasse zu überqueren und wie viel Stress dabei entsteht.
«Die zweite Anwendung ist eine immersive Mixed-Reality-Erfahrung. Mit einer entsprechenden Brille ist ein immersives Eintauchen in die Szene möglich», fährt Tobias Matter fort. So werde beispielsweise die multisensorische Überreizung spürbar, die entstehen kann, wenn Lärm, Bewegung und die chaotische Situation einer Baustelle auf eine autistische Person einwirken. Man kann die unzähligen sich überlagernden Geräusche hören, fühlen, wie der persönliche Raum von allen Seiten beengt wird, wie der Kopf jede weitere Wahrnehmung verweigert, während man sich eigentlich darauf konzentrieren sollte, ob die Ampel grün wird. Dank MR-Brille und Kopfhörer versteht man so auf eine ganz andere Weise, warum viele der eingegangenen Rückmeldungen sich auf zu kurze Grün-Phasen für Zebrastreifen bezogen.
Betroffene berichten von ihren Alltags-Hürden
Ausgangspunkt für die virtuellen Erfahrungen waren die Erzählungen der Menschen mit Behinderung über ihr Erleben an einzelnen Orten. «Dann war eine Übersetzungsleistung von unserem Design-Team gefragt», erklärt Tobias Matter. Denn wie es sich anfühlt, mit Autismus an einer befahrenen Kreuzung zu stehen und von Reizen überflutet zu werden, lässt sich natürlich nicht 1:1 darstellen. Genaues Zuhören war gefragt sowie visuelle und akustische Versiertheit. Und dann ausprobieren: Wie abstrakt darf oder muss die Darstellung sein? Was hat welchen Effekt auf welche Testgruppe? So galt es dann, die eigenen Vorschläge wieder und wieder zu überprüfen, bis die Beschreibung der Testpersonen möglichst nahe an der ursprünglichen Beschreibung war.
Das Erlebnis fördert den Dialog
Das Resultat soll die unsichtbaren Hürden für Menschen mit Behinderung im Stadtalltag spürbar machen; für die Bevölkerung, die Mitglieder der Verwaltung und Politik. Deshalb werden Tablets und Brillen zum Beispiel an Veranstaltungen oder mit Schulklassen eingesetzt. «Bei unseren Veranstaltungen merken wir auch, dass dieses Erlebnis den Dialog zwischen den Beteiligten über mögliche Veränderungen in Richtung einer inklusiven Stadtentwicklung fördert. Denn natürlich sollen die Resultate der Recherche und ihre Umsetzung letztlich auch Einfluss auf die Stadtplanung nehmen.» Tobias Matter, der bereits früher verschiedene Gemeinde- und Stadtentwicklungsprojekte mit der Mixed-Reality-Technologie begleitet hat, weiss um die Vorteile des Sicht- und Hörbarmachens: «Räumliche Fragestellungen sind oft schwer vorstellbar. Mixed Reality ermöglicht es Designerinnen und Designern, solche Situationen anschaulich zu vermitteln und damit eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, sodass Politikerinnen und Politiker räumliche Auswirkungen besser nachvollziehen und fundiertere Entscheidungen treffen können.»
Die Stadt Luzern war in diesem Projekt nicht Auftraggeberin, aber Ansprechpartnerin. Pascal Ruedin, Bereichsleiter Projekte beim Tiefbauamt, fasst seine Erfahrung zusammen: «An fast jeder Ecke der Stadt treffen verschiedene Perspektiven, Erwartungen und Erfahrungen aufeinander. Die Designleistung der Hochschule Luzern kann helfen, die Perspektiven von Betroffenen, Bevölkerung, Verwaltung und politischen Entscheidungstagenden in einen gemeinsamen Austausch zu bringen.»
Das Eidgenössische Departement des Innern war von den Resultaten überzeugt und wird das Folgeprojekt «Gemeinsam Barrieren erkennen, Wandel ermöglichen» unterstützen.
Quelle: Hochschule Luzern