3. November 2026

Interview mit Architektin Barbara Buser: „Dieser Ansatz kehrt die Planung um!“

Barbara Buser gehört zu den bedeutenden Wegbereiterinnen des zirkulären Bauens. Bereits in den 1990er Jahren setzte sich die Schweizer Architektin für die Wiederverwendung von Bauteilen und den Erhalt bestehender Gebäude ein, lange bevor Kreislaufwirtschaft zu einem zentralen Thema der Architektur wurde. Mit Projekten wie dem Gundeldinger Feld in Basel und dem Kopfbau K.118 in Winterthur hat sie gezeigt, wie sich ressourcenschonendes Bauen, architektonische Qualität und gesellschaftlicher Mehrwert miteinander verbinden lassen. Für ihr Engagement wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Drew Prize 2026. Nun widmet ihr die Regisseurin Gabriele Schärer den Dokumentarfilm „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit“, der seit dem 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos läuft.

© mindjazz pictures

Wie haben Sie zur Architektur gefunden?

Ich habe schon mit 14 Jahren in einem Schul-Aufsatz geschrieben, dass ich Innenarchitektin oder Sportlehrerin werden möchte. Im Sport war ich dann aber nicht gut genug …..

Nach Ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich haben Sie rund zehn Jahre im Sudan und in Tansania gearbeitet. Inwiefern haben diese Erfahrungen Ihren Blick auf Architektur, den Umgang mit Ressourcen und Ihr persönliches Verständnis von Nachhaltigkeit geprägt?

Durch die ersten beiden Oelpreiskrisen von 1973 und 1979/1980 habe ich realisiert, dass alle unsere Rohstoffe endlich sind, und dass wir uns aber verhalten, wie wenn sie in unendlichen Mengen zur Verfügung ständen.

Die Zeit in Afrika hat mir die nötige Distanz gegeben, das Leben in der Schweiz kritisch zu reflektieren: und ich war schockiert über den Überfluss, in dem wir leben und die Menge von Abfall, die wir dabei produzieren.

Bereits 1995 haben Sie in Basel eine Bauteilbörse gegründet, zu einer Zeit, als die Wiederverwendung von Baustoffen in der Architektur noch kaum Beachtung fand. Wie wurde Ihre Initiative damals aufgenommen? Und was hat Sie darin bestärkt, diesen Weg über Jahrzehnte konsequent weiterzuverfolgen?

Die Initiative wurde wohlwollend aufgenommen: tolle Idee, macht weiter so, ganz wichtig! Aber nicht bei mir…ist mir zu kompliziert, habe die neuen Teile schon bestellt, das alte Zeug passt doch nicht in ein neues Haus, habe nichts gefunden in der Bauteilbörse …. 

Die Bauteilbörse hat finanziell nie rentiert, sie konnte nur in Kombination mit Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose bestehen.

Die kleinen Erfolgserlebnisse, die wir doch ab und zu hatten, haben mich immer aufs Neue motiviert zum Weitermachen.

Architektur wird häufig daran gemessen, etwas Neues und Eigenständiges zu schaffen. Sie stellen diesem Verständnis den Erhalt und die Weiterentwicklung des Bestehenden gegenüber. Worin liegt für Sie die eigentliche schöpferische Leistung von Architektinnen und Architekten?

Das Transformieren und Weiterentwickeln des Bestehenden braucht genau soviel schöpferische und gestalterische Leistung und Kapazität wie ein Neubau, dazu kommt die Auseinandersetzung mit der Arbeit, den Überlegungen der ursprünglichen Gestalter:innen, mit Respekt zu begegnen. Das ergibt eine Art von zeitlich verschobenem Teamwork mit unseren Vorgänger:innen, mit denen wir leider nicht direkt diskutieren können …..

Der Kopfbau K.118 in Winterthur gilt als wegweisendes Beispiel für das Bauen mit wiederverwendeten Materialien. Hier musste sich die Planung teilweise nach den verfügbaren Bauteilen richten und nicht umgekehrt. Wie verändert dieser Ansatz den Entwurfsprozess? Welche gestalterischen Möglichkeiten eröffnet er, und wo liegen seine Grenzen?

Dieser Ansatz kehrt die Planung um! Nach einer groben Machbarkeitsstudie gingen wir auf die Suche nach geeigneten Materialien. Ja nach Fundstücken wurde dann die Planung Schritt für Schritt konkretisiert und im Laufe des iterativen Prozesses immer detaillierter. Wir nennen das „design to availability“ – das verlangt eine hohe Flexibilität und ist ganz schön aufregend!

Obwohl die Wiederverwendung von Baustoffen technisch vielfach möglich ist, bleibt sie im Baualltag bislang die Ausnahme. Worin sehen Sie die größten Hindernisse für eine breitere Anwendung? Und was müsste sich ändern, damit zirkuläres Bauen zur Selbstverständlichkeit wird?

Die Materialien sind zu billig, die Löhne zu hoch. So fehlt der finanzielle Anreiz, die Komplikationen der Wiederverwendung auf sich zu nehmen. Der durch den Bau verursachten CO2 Ausstoss ist noch zu wenig gewichtet. Eine CO2 Abgabe und klare einfache Vorschriften würden vieles verändern!

Mit dem Gundeldinger Feld in Basel haben Sie gemeinsam mit Ihren Mitstreitern eines Ihrer ersten großen Umnutzungsprojekte verwirklicht. Aus dem ehemaligen Areal der Maschinenfabrik Sulzer Burckhardt entstand ein lebendiges Quartierzentrum mit Raum für Kultur, Gewerbe und Begegnung. Dabei ging es Ihnen nicht allein um den Erhalt der bestehenden Gebäude, sondern auch um einen gesellschaftlichen Mehrwert. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter dem Begriff „Stadtrendite“?

In unseren Städten werden die letzten Nischen privatisiert, Zwischenräume zugebaut und dadurch das Lebendige eingeschränkt. Was keine Miete bezahlen kann, findet nicht mehr statt.

Jede Stadt braucht konsumfreie Orte, neuerdings werden sie „3.Orte“ genannt: Flächen, die für Innovationen, für das Leben und Zusammenleben genutzt werden können. Sie machen eine Stadt lebenswert. Der Öffentlichkeit solche Flächen, solche Orte zur Verfügung zu stellen heisst, privaten Gewinn weiterzugeben sodass die ganze Stadt davon profitieren kann.

Ursprünglich war auf dem Gundeldinger Feld der Bau von rund 200 Wohnungen vorgesehen. Sie haben sich stattdessen für eine vielfältige Nutzung des Areals eingesetzt. Würden Sie diese Entscheidung angesichts des heutigen Wohnungsmangels wieder so treffen? Und wie lassen sich die unterschiedlichen Bedürfnisse einer Stadt gegeneinander abwägen?

Ja, ich würde wieder so entscheiden. Das Gundeli ist das dichtest besiedelte Quartier der Schweiz. Hier braucht es keine weitere Verdichtung, sondern Freiräume, Allmende, Nischen und Zwischenräume, Orte die die Menschen ohne Konsumzwang nutzen können, Orte der Begegnung, nicht definierte Orte, die Innovation ermöglichen. Seitdem Immobilien immer mehr zum Finanzprodukt werden, werden die Städte zur unwirtlichen Betonwüste.

Mit der Stiftung Abendrot arbeiten Sie seit vielen Jahren mit einer Investorin zusammen, die wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Ziele miteinander verbindet. Welche Bedeutung hat diese Partnerschaft für Ihre Projekte? Und lässt sich Ihr Verständnis von nachhaltiger Stadtentwicklung auch unter den üblichen Renditeerwartungen des Immobilienmarktes verwirklichen?

Zum Glück gibt es nicht nur die Stiftung Abendrot, sondern auch noch die coopera, die Stiftung Edith Maryon, die Stiftung Habitat, etc. die nicht nur auf eine maximale Rendite ausgerichtet sind. Es ist ein fast unlösbares Problem, dass der privatwirtschaftliche, gewinnorientierte Immobilienmarkt Wohnungen nur noch als Finanzobjekt sieht, währenddem das Wohnen ein Grundbedürfnis ist. Dieses kann offensichtlich im Rahmen des „freien Marktes“ nicht gelöst werden.

Mit dem Franck Areal in Basel begleiten Sie erneut die Transformation eines ehemaligen Industrieareals. Dort sollen Räume für Kultur, Kreislaufwirtschaft und Wohnen entstehen. Welche Erkenntnisse aus Ihren bisherigen Projekten fließen in diese Entwicklung ein? Und was möchten Sie beim Franck Areal bewusst anders machen?

Wir hatten ja meistens 2-3 Industrieareale gleichzeitig entwickelt, sodass das eine Projekt vom anderen profitieren / lernen konnte. Wir sind der Meinung, dass ein solcher Erfahrungsaustausch noch viel mehr genutzt werden sollte.

Beim Franck Areal haben wir uns die zusätzliche Aufgabe gestellt, die Wasserkreisläufe zu schliessen. Wir nutzen das Regenwasser, bauen Trenn- und Komposttoiletten ein, produzieren Dünger aus dem Urin, etc.

Seit mehr als 30 Jahren setzen Sie sich für einen anderen Umgang mit Gebäuden und Ressourcen ein. Nun widmet Ihnen Gabriele Schärer einen Dokumentarfilm, der Sie als „Pionierin der Nachhaltigkeit“ porträtiert. Wie empfinden Sie es, dass Ihre Arbeit heute diese Aufmerksamkeit erhält? Und gab es während der Dreharbeiten Momente, in denen Sie selbst noch einmal anders auf Ihr Leben und Ihre Entscheidungen geblickt haben?

Ich finde es grossartig, dass der Film so viel Aufmerksamkeit erhält. Ich möchte damit vor allem die jungen Architekt:innen ermutigen, sich dem Klimawandel mit innovativen Ideen zu stellen, und nicht mehr einfach im „courant normal“ weiter zu machen.

Sie haben nicht nur neue Wege des Bauens aufgezeigt, sondern auch Unternehmen gegründet und große Stadtentwicklungsprojekte angestoßen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei als Frau in einer lange von Männern dominierten Branche gemacht? Und hat sich die Situation für Architektinnen aus Ihrer Sicht inzwischen grundlegend verändert?

Ich habe gelernt, mir Gehör und Respekt zu verschaffen: Wichtig ist es, selbstsicher und bestimmt aufzutreten, auch wenn man das nicht immer ist. Gute Argumente, vor allem finanzielle, helfen immer. Deshalb habe ich auch ein MBA (Master of Business Administration) gemacht, um die Sprache zu lernen, die die Immobilienentwickler am besten verstehen!

Unterdessen sind 51% der Architekturstudierenden Frauen, aber danach verschwinden sie in Teilzeitarbeit und Familie. Es ist für Frauen immer noch schwieriger, Kinderbetreuung und einen vollen Einsatz im Beruf zu kombinieren. Unsere Welt sähe anders aus, wenn mehr Frauen in der Bauwirtschaft tätig wären!

Sie haben über Jahrzehnte nicht nur Gebäude erhalten und neu belebt, sondern auch Denkweisen und Arbeitsprozesse in der Architektur verändert. Wenn Sie heute auf Ihr Lebenswerk zurückblicken, was erfüllt Sie mit besonderem Stolz, und was möchten Sie der nächsten Generation von Architektinnen und Architekten mitgeben?

Mein Hauptanliegen ist, dass nicht alle Bereiche unseres Lebens renditeorientiert funktionieren dürfen / können / sollen. Auch in unserer Wirtschaftsordnung gibt es dank Freiwilligenarbeit, Spenden und Subventionen Möglichkeiten, Dinge anders zu tun. Nur so wird das Leben wieder lebenswert.

Gibt es einen persönlichen Leitsatz oder eine Überzeugung, die Sie in Ihrer Arbeit als Architektin und Unternehmerin über all die Jahre begleitet hat?

Kämpfe nicht gegen Windmühlen! Aber lass nicht locker, wenn eine gute Idee am Anfang nicht erkannt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.