23. Oktober 2026

Wenn die Hülle das Haus macht

Berlin (pm) – Fünf Preisträger in vier Kategorien: Der Fachverband Baustoffe und Bauteile für vorgehängte hinterlüftete Fassaden (FVHF) hat am 15. Oktober 2026 im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin den 16. Deutschen Fassadenpreis für vorgehängte hinterlüftete Fassaden verliehen. Ausgezeichnet wurden Büro Voigt, RIEHLE KOETH, augustinundfrank/Winkler Architekten, Modersohn & Freiesleben Architekten sowie allmannwappner. Das Spektrum der prämierten Bauaufgaben reicht von der Sanierung historischer Theaterwerkstätten über ein Biotechnologiezentrum bis hin zu Schul- und Sozialbauten sowie einem Wohn- und Büroensemble.

„Die 2026 ausgezeichneten Projekte zeigen eindrucksvoll, was möglich wird, wenn Gestaltung, Planung, Materialkompetenz und Ausführung konsequent zusammengedacht werden“, betont FVHF-Vorstandsvorsitzender Tom Clayton. Der Deutsche Fassadenpreis mache diese Qualität sichtbar und stärke die Wahrnehmung der VHF in Architektur, Planung und Öffentlichkeit.

Der seit 1999 ausgelobte Fassadenpreis für VHF spiegelt den Wandel der Gebäudehülle wider: Neben architektonischer und konstruktiver Qualität gewinnen Weiterbauen im Bestand, Ressourcenschonung, Kreislauffähigkeit und Energiegewinnung an Bedeutung. Die ausgezeichneten Projekte stehen exemplarisch für diese Entwicklung.

Preisträger „Bauen im Bestand“: Theaterwerkstätten Eisenach

Mit der Sanierung der Theaterwerkstätten Eisenach zeigt Büro Voigt, wie energetische Ertüchtigung, Weiterbauen im Bestand und architektonische Identität zusammenfinden. Die bestehende Putzfassade wurde additiv gedämmt und mit einer horizontalen Holzschalung als VHF versehen; vorhandene Fenster und Sonnenschutzelemente konnten weiterverwendet werden. Horizontale Brandschotts erscheinen bewusst als Gesimse und werden so Teil der Gestaltung.

Die Jury würdigte die präzise, handwerklich geprägte Lösung, die vorhandene Substanz bewahrt, technische Anforderungen integriert und zugleich reparaturfreundlich und reversibel bleibt.

Preisträger „Das besondere Detail“: Biotechnologiezentrum Tübingen

Beim Biotechnologiezentrum Tübingen von RIEHLE KOETH verbindet die VHF architektonische Klarheit mit technischer Präzision. Filigrane Lisenen und gewelltes Aluminiumlochblech bündeln unterschiedliche Funktionen zu einem ruhigen Fassadenbild. Die perforierte Hülle dient zugleich als Sonnen- und Sichtschutz und integriert die dezentrale Lüftung.

Die Jury überzeugte besonders das Wechselspiel zwischen Strenge und Transparenz sowie die selbstverständliche Integration von Verglasung, Brüstungen, Öffnungselementen und Gebäudetechnik.

Preisträger „VHF-Funktionsfassade“: Schulmensa und Stadtteilzentrum Pasewalk

Mit der Schulmensa und dem Stadtteilzentrum Pasewalk zeigen augustinundfrank/Winkler Architekten, wie die Gebäudehülle zum zentralen Bestandteil eines Low-Tech-Konzepts werden kann. Geschlossene und perforierte Trapezblechflächen schaffen unterschiedliche Transparenzen, unterstützen solare Gewinne und natürliche Nachtauskühlung und übernehmen zugleich den sommerlichen Wärmeschutz.

Die Jury hob hervor, dass die Fassade nicht nur technisch überzeugt, sondern auch einen sozialen Beitrag leistet: Das Gebäude stärkt als neuer Treffpunkt das gemeinschaftliche Miteinander im Quartier.

Sonderpreis „VHF-Holzbekleidung“: Zwei ausgezeichnete Projekte

Der erstmals ausgelobte Sonderpreis VHF-Holzbekleidung ging an zwei Projekte, die das gestalterische und konstruktive Potenzial von Holz auf unterschiedliche Weise zeigen. Beim „Haus im Park“ in Berlin von Modersohn & Freiesleben Architekten verbinden sich rot lasierte Lärchenholzfassaden mit geneigten „Brandschürzen“ aus Faserzement zu einem charakteristischen Fassadenbild. Die Jury würdigte das Projekt als „elegant, fröhlich und pragmatisch zugleich“ und hob die sensible Materialwahl und Detailausbildung hervor.

Das Wohn- und Büroensemble „Vinzent“ in München von allmannwappner überträgt den Holzbau dagegen in einen gründerzeitlich geprägten Stadtraum. Vorgefertigte hinterlüftete Holzfassaden, ornamentierte Oberflächen, kräftige Farbakzente und integrierte Begrünung schaffen eine eigenständige zeitgenössische Interpretation des Quartiers. Die Jury überzeugten sowohl die Bewältigung der komplexen bauphysikalischen Anforderungen als auch die lebendige, vielschichtige Gestaltung.

Fassade zwischen Transformation und Baukultur

Rund 140 Gäste aus Architektur und Bauwirtschaft, darunter die nominierten Architektenteams gemeinsam mit ihren Bauherrschaften, kamen zur Preisverleihung im Deutschen Architektur Zentrum in Berlin. Für eine abwechslungsreiche und lebendige Preisverleihung sorgte das Bühnenformat: Alle zwölf nominierten Architektenteams stellten ihre Projekte persönlich vor. Die Preisträger wurden anschließend jeweils mit einer Laudatio durch ein Mitglied der Jury gewürdigt.

Den inhaltlichen Auftakt vorab bildete die Keynote von Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, unter dem Titel „Kleider machen Häuser. Wie die Fassade aus dem Bestand die Zukunft des Wohnens baut – und unseren Städten wieder ein Gesicht gibt.“ Gerade beim seriellen Sanieren gelte es, Tempo und Standardisierung mit gestalterischer Qualität zu verbinden. Flexible Fassadensysteme könnten dabei individuelle Lösungen ermöglichen und zugleich neue Funktionen übernehmen – von Energiegewinnung und Verschattung bis zur Klimaanpassung. Technische Innovation und Baukultur müssten deshalb gemeinsam gedacht werden.

Für FVHF-Geschäftsführer Wolfgang Häußler zeigt sich darin ein grundlegender Wandel: „Die Fassade entwickelt sich zunehmend zur Funktionsfassade.“ Die VHF könne Energie erzeugen, das Mikroklima verbessern, Begrünung integrieren und vor Hitze und Witterung schützen. Damit werde sie zu einem aktiven Bestandteil nachhaltiger Architektur und der Transformation des Gebäudebestands.

Die hohe Qualität der eingereichten Arbeiten stellte auch die siebenköpfige Jury unter Vorsitz von Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur, vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Nach mehreren Bewertungsrunden und intensiver Diskussion fiel die Entscheidung über Nominierte und Preisträger schließlich einstimmig. Neben Nagel gehörten Dr.-Ing. Simon Banakar, Tim Bauerfeind, Prof. Mikala Holme Samsøe, Christoph Jopp, Heiko Sasse und Johann Simons der Jury an.

Der nächste Deutsche Fassadenpreis für vorgehängte hinterlüftete Fassaden (VHF) wird turnusgemäß im Jahr 2028 verliehen.

Quelle: Fachverband Baustoffe und Bauteile für vorgehängte hinterlüftete Fassaden e. V. (FVHF)