22. Oktober 2026

„Alles muss sich ändern, damit es bleiben kann, wie es ist“

Bregenz (pm) – Sozial orientierte Nachverdichtung statt formaler Architekturgesten: Das neue „Quartier Im Metzgergrün“ in Freiburg im Breisgau

Dietrich Untertrifaller – kurz DTFLR – und Ramboll Studio Dreiseitl erstellen den städtebaulichen und architektonischen Entwurf für die Quartiersentwicklung der Freiburger Stadtbau als ein sozial gemischtes Quartier mit rund 580 Wohnungen. Dafür muss eine ehemalige Arbeitersiedlung aus der Nachkriegszeit rückgebaut werden. Allen Bewohner:innen wird die Möglichkeit angeboten, im Quartier zu verbleiben. Die neue Architektur soll die gewachsenen nachbarschaftlichen und sozialen Strukturen berücksichtigen. Der erste von mehreren Bauabschnitten ist fertiggestellt und zeigt mit ersten Ergebnissen, wie das ermöglicht wird.

In den Städten herrscht Wohnungsnot, gleichzeitig muss der Flächenverbrauch gebremst werden. Innenverdichtung ist eine Lösung, aber auch ein heißes Eisen. Was geschieht mit den Bestandsbauten und den Menschen, die darin wohnen? Wie lässt sich Gentrifizierung vermeiden? Wie viel Dichte verträgt der Mensch, wie steht es um das soziale Miteinander, und wie gelingt die Anbindung an die Nachbarschaften? Vor diesem Problem steht auch die beliebte und wachsende Stadt Freiburg. Das Quartier Im Metzgergrün im westlichen Stadtteil Stühlinger zeigt einen Lösungsweg, wie Innenentwicklung durch Nachverdichtung gelingen kann. Das Angebot des Umzugsmanagements, der Beteiligungsformate sowie Kommunikations- und Informationsinstrumente ermöglichen es, in der gewohnten Umgebung zu verbleiben, bei gleichzeitiger Verbesserung des Wohnumfeldes. Damit gelingt es, das, was die Bewohnenden an ihrem bestehenden Lebensraum so schätzen, in die neuen Wohnraumstrukturen zu übertragen.

Der Fall Metzgergrün

Die rund 250 bestehenden Wohnungen waren in zweigeschossiger Zeilenbauweise organisiert und von viel Grün, kleinen Gärten und altem Baumbestand umgeben – eigentlich eine Oase des günstigen und einfachen Wohnens, praktisch mitten in der Stadt. Teilweise noch mit Kohle beheizt und ohne Bad, waren sie energetisch, schall- und brandschutztechnisch längst sanierungsbedürftig und nicht mehr vermietbar. Nach jahrzehntelangem Ringen um die Zukunft des Quartiers entschied sich die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB) 2017 für eine komplette Neubebauung. Dadurch konnten im Ergebnis 580 Wohnungen in mehreren Bauabschnitten ermöglicht werden, im ersten Bauabschnitt sind bereits 175 Wohnungen realisiert worden, davon 125 öffentlich gefördert, 26 freifinanzierte Wohnungen sowie 24 Eigentumswohnungen. Ausdrücklich gewünscht war eine soziale Mischung und Vielfalt, um das Quartier zu beleben, aber auch um die sozial geförderten Wohnungen refinanzieren zu können.

Trotzdem war die Kritik zunächst groß. Es stellte sich die Frage, ob die neue Architektur über Jahrzehnte gewachsene nachbarschaftliche Strukturen mit hohen atmosphärischen Qualitäten ersetzen kann. Um das zu verstehen, waren zwei Dinge nötig: Analysieren, was macht das bestehende Quartier aus? Wie leben die Menschen in der gewachsenen Umgebung? Was ist wichtig, was kann transformiert werden? Im Rahmen eines bis heute andauernden Beteiligungsprozesses konnten sich die Bewohner:innen über verschiedene Formate einbringen. Dazu gehörten unter anderem Umfragen, Informationsveranstaltungen, Arbeitsgruppen, Begehungen vor Ort, regelmäßige Sprechstunden und der persönliche und individuelle Austausch mit der Bewohnerschaft.

Im Zentrum: Das Wechselspiel von öffentlich und privat

In einem Wettbewerb von 2017 überzeugte der Entwurf des Architekturbüros Dietrich Untertrifaller und der Landschaftsarchitekt:innen Ramboll Studio Dreiseitl vor allem mit der Organisation von öffentlichen, gemeinschaftlichen und privaten Freiräumen, die sich miteinander verzahnen und dadurch viel Begegnung und sozialen Austausch ermöglichen. So entstehen Nachbarschaften im Kleinen, aber auch eine Durchlässigkeit nach außen zu den benachbarten Bereichen (Bissier- und Ferdinand-Weiß-Straße). Sechs gegeneinander verdrehte Wohnblöcke, deren Einzelbauten sich locker um einen jeweils eigenen begrünten Innenhof gruppieren, organisieren sich um einen zentralen Platz mit Kindergarten, Geschäften und einem Wochenmarkt. Durch die lockere Gruppierung der Bauten bilden sich Wege, Zwischenräume und Freiflächen, darunter Gemeinschaftsgärten – und daraus wiederum eine spannungsvolle Abwechslung, durch die man sich gerne bewegt. Dieses Wechselspiel ist bereits eine Übertragung der Funktionsweise des alten Metzgergrün: Dort ist auch deshalb ein so gutes Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden, weil das Verhältnis von gemeinschaftlichen Flächen, Übergängen und Privatem gelungen war.

Erkannt wurde dabei auch das Potenzial eines eher zufälligen Umstandes. Am Nordrand des Areals floss ein unterirdischer Gewerbekanal, die sogenannte Runze. Diese wurde als Erstes umgeleitet und fließt jetzt schon mäandernd als Bach durch die künftige Mitte am Nordrand des Platzes. Schon jetzt lässt sich die hohe Aufenthaltsqualität an den breiten bewachsenen Ufern erkennen. So wird der Platz, seit jeher ein kommunikatives Zentrum von Städten und Dörfern, zugleich zu einem erholsamen – und ökologisch wichtigen – Grünraum.

Dimension und Dichte, Nähe und Distanz, Abwechslung und Atmosphäre

Aus der Organisation der Wege und Freiräume ergeben sich unterschiedliche Gebäudetypen. Je nach Lage sind die Einzelbauten der Wohnblöcke drei- bis vierstöckige Zeilen- oder Winkelbauten und Punkthäuser. Zur Bahnlinie und den beiden Straßen bildet sich ein lockerer Blockrand. Die Punkthäuser sind aus Holz errichtet, die Zeilenbauten in Massivbauweise. So ergibt sich ein lebendiges und abwechslungsreiches Bild, das auch durch die Fassadengestaltung unterstützt wird. Hellverputzte Wandflächen mit unterschiedlich gefärbten Balkonbrüstungen und Holzverkleidungen wechseln sich ab. Diese eher kleinteilige Gestaltung entspricht der alten Struktur ebenso wie der neuen Dichte und soll auch die soziale Diversität widerspiegeln. Vor allem aber hilft sie den Bewohner:innen, sich mit ihrem Haus zu identifizieren und zuhause zu fühlen.

Der erste Bauabschnitt ist bereits weitestgehend fertiggestellt. Seine Innenhöfe unterscheiden sich grundlegend. Im westlichen Hof, der sehr schmal ist, stehen sich Eigentumswohnungen und geförderte Wohnungen gegenüber. Die Eigentumswohnungen kann man sich als gestapelte und gereihte Maisonettewohnungen vorstellen, die oberen mit Dachgärten, die unteren mit zum Hof ausgerichteten privaten Terrassen. Die geförderten Wohnungen gegenüber sind über Laubengänge zugänglich. Gelten diese alleine schon als kommunikationsfördernd, so steigern dies regelmäßige Vertiefungen, die sich zu großen möblierten Aufenthaltsbereichen formen und auch hier zwanglose und spontane Treffen ermöglichen. Zusammengenommen bildet sich hier ein lockeres Fassadenbild, und die Blicke von beiden Seiten des Hofes können sich in vielerlei Möglichkeiten kreuzen.

Betritt man den zweiten, großzügigeren Innenhof, fällt sofort ein ausgewachsener, schattenspendender Baum auf – ein ungewohnter Anblick in einem gerade erst fertiggestellten Bauwerk. Dieser 150 Jahre alte „Japanische Schnurbaum“, der mit seinem leichten Laubwerk am ehesten einer Esche ähnelt, sollte stehen bleiben. Um seine Wurzeln zu schonen, hat man die darunterliegende Tiefgarage an dieser Stelle ausgespart. Durch den südlichen Teil des Innenhofes fließt jetzt das ehemalige Runzgewässer als frischer, grüner Bachlauf. Baum und Bach sind atmosphärische Elemente, die das Einleben von Anfang an leichter machen. Die Fassadengestaltung in diesem Hof ist ebenfalls vielfältig und kleinteilig. Hier sind es, abgesehen vom Holz-Punkthaus, vor allem die Balkonbrüstungen in unterschiedlichen Materialien und Farben, die sich von der hell verputzten Wandfläche abheben.

Beteiligung und Partizipation

Jede:r kennt das Gefühl: Wenn man etwas Angenehmes wiedererkennt, ist es wie zu Hause ankommen. Die emotionale Symbolkraft vieler scheinbarer Kleinigkeiten wurde erkannt und in Maßnahmen umgesetzt. Was kann aus dem alten Quartier erhalten oder mitgenommen werden, das lieb und teuer geworden ist? An dieser Stelle kommt die Partizipation ins Spiel. So wurde in Befragungen und Workshops gemeinsam mit den Bewohner:innen ermittelt, welche Pflanzen ihnen wichtig waren. Auf der Grundlage von Fotos, Listen und Zetteln an den Pflanzen entstand das Pflanzkonzept der Landschaftsarchitekt:innen. In die Gemeinschaftsflächen und -gärten des ersten Bauabschnitts wurden dann Bäume wie Walnuss, Feige, Pfirsich sowie Sträucher, Kletterpflanzen und Stauden umgezogen. Ähnlich wurde mit dem Baumaterial vorgegangen. Heute spenden Fensterläden der Altbauten auf den Hof-Pergolen Schatten, und an verschiedenen Stellen zeigen sich Pflastersteine, Gartenfassungen und Bänke aus dem Bestandsmauerwerk. Schließlich flossen Anregungen der Bewohner:innen in die Grundrissgestaltung ein. Wohnungsgrößen, Raumprogramme – wie beispielsweise separate Küchen oder kombinierte Wohnküchen – oder auch Wünsche zur Platzierung der Fenster nahmen die Architekt:innen in ihre Planung auf. Inzwischen ist ein Großteil der Bewohner:innen umgezogen und äußert sich zufrieden.

Verbessert oder verschlechtert?

Die gestellte Frage bleibt weiterhin: Kann ein neues Quartier die alten gewachsenen Strukturen ersetzen und gleichzeitig Wohnraum für mehr Menschen schaffen? Architekt:innen und Landschaftsarchitekt:innen haben gemeinsam mit ihrer Bauherrin auf viele weiche Faktoren geachtet, die nicht auf den allerersten Blick erkennbar sind oder wie Nebensächlichkeiten erscheinen. „Das soziale Zusammenleben spielt sich nicht nur, aber auch zwischen den Räumen und Gebäuden ab“, sagt Patrick Stremler, CEO und Partner bei DTFLR. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, durch die Architektur Möglichkeiten anzubieten, damit Hausgemeinschaften und nachbarschaftliche Begegnungen entstehen können. Soziale Beziehungen und die Einbindung in Gemeinschaften machen Menschen zufrieden. Wenn es uns gelingt, eine langfristige gute Lebensqualität jenseits von Luxus oder expressiven Gebäudeformen zu schaffen, sind wir unserem Anspruch, als Architekt:innen soziale Verantwortung zu übernehmen, schon recht nahegekommen.“

Facts and Figures

In Zahlen und Fakten ausgedrückt konnte allen 400 Menschen eine neue Wohnung angeboten werden. Die Wohnfläche wird mehr als verdreifacht, sodass hier insgesamt etwa 1.000–1.400 Menschen bei etwa gleichbleibender Dichte leben können.

Dass das neue Metzgergrün über die zeitgemäßen ökologischen Standards wie Photovoltaik, Regenwassermanagement, Fernwärme und ein Mobilitätskonzept, das es weitgehend autofrei hält, ebenso verfügt wie eine Fassadenbegrünung und Gründächer, entspricht einem eher selbstverständlichen Nachhaltigkeitsanspruch von DTFLR. Dies hat dem Projekt bereits während der Planungs- und Erschließungsphase das DGNB-Zertifikat mit der höchsten Stufe Platin eingebracht.

Bis die neu gepflanzten Bäume wieder für eine so romantische und ursprüngliche Stimmung sorgen können wie im alten Metzgergrün, dauert es freilich noch ein wenig. Die Architekt:innen und Landschaftsarchitekt:innen haben den Lebensraum komplett transformiert, um seinen atmosphärischen Charakter erhalten zu können. Nun ist es an den Menschen, ihn neu zu beleben.

Quelle: DTFLR