Gastbeitrag – Über Jahrzehnte wurden Städte für den Normalbetrieb geplant. Verkehrsströme sollten funktionieren, technische Infrastruktur zuverlässig laufen und öffentliche Räume effizient genutzt werden. Dieses Verständnis stößt zunehmend an seine Grenzen. Die Realität, mit der wir heute in der Stadtplanung konfrontiert sind, ist eine andere: längere Hitzeperioden, häufigere Starkregenereignisse, anhaltende Dürrephasen und gleichzeitig ein wachsender Nutzungsdruck auf die vorhandenen Flächen.
Diese Entwicklung verändert unsere Arbeit als Architekt:innen und Stadtplaner:innen grundlegend. Resilienz wird zunehmend zum Maßstab guter Planung. Dabei geht es nicht darum, einzelne Klimarisiken isoliert zu betrachten, sondern Städte so zu entwickeln, dass sie auch unter veränderten Rahmenbedingungen dauerhaft funktionieren: ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr, wie eine Stadt unter idealen Bedingungen funktioniert. Entscheidend ist vielmehr, wie leistungsfähig sie bleibt, wenn genau diese Maßstäbe nicht mehr gelten.
Digitalisierung ist ein Werkzeug – keine Lösung
In den vergangenen Jahren stand die Smart City häufig für Digitalisierung, Sensorik und datenbasierte Steuerung. Diese Instrumente bleiben wichtig. Aus meiner Sicht verändert sich jedoch ihre Rolle. Digitale Werkzeuge helfen vor allem dabei, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Sie zeigen, wo Hitzeinseln entstehen, welche Quartiere besonders stark von Starkregen betroffen sind oder welche Grünflächen für das Stadtklima unverzichtbar sind. Digitale Zwillinge ermöglichen es, Szenarien zu simulieren und Investitionen dort einzusetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten.
Doch genau an dieser Stelle endet die Aufgabe der Digitalisierung. Ein Sensor verhindert keine Überhitzung. Eine App schützt kein Quartier vor Starkregen. Daten allein machen Städte nicht resilient. Erst wenn Erkenntnisse konsequent in planerische Entscheidungen übersetzt werden, entsteht echter Mehrwert: durch Entsiegelung, Verschattung, Regenwassermanagement, klimaangepasste Freiräume oder multifunktionale Grünflächen. Digitalisierung liefert damit nicht die Lösung selbst, sondern die Grundlage für fundierte Entscheidungen.
Planung jenseits von Standardmodellen
Die größte Veränderung liegt aus meiner Sicht darin, dass Stadtplanung heute deutlich komplexer geworden ist. Freiräume sind längst nicht mehr ausschließlich Orte mit hoher Aufenthaltsqualität. Sie übernehmen zugleich Aufgaben im Regenwassermanagement, verbessern das Mikroklima, fördern Biodiversität und schaffen gesundheitliche Mehrwerte. Grünstrukturen entwickeln sich zur Infrastruktur. Gebäude und Quartiere müssen unterschiedliche Anforderungen gleichzeitig erfüllen – funktional, wirtschaftlich und klimatisch.
Gerade deshalb reichen Standardlösungen immer seltener aus. Jede Kommune bringt andere räumliche Voraussetzungen, andere klimatische Risiken und andere finanzielle Spielräume mit. Gute Planung beginnt deshalb immer mit einer fundierten Analyse des jeweiligen Standorts.
Resilienz entsteht vor Ort
Wie unterschiedlich diese Anforderungen ausfallen können, zeigen die Erfahrungen aus zahlreichen Projekten. In Dormagen analysieren wir bei Drees & Sommer beispielsweise systematisch die Klimarisiken und überführen die Erkenntnisse unmittelbar in die strategische Stadtentwicklung. Im Kreis Düren beschäftigen sie sich mit sehr heterogenen Teilräumen: von dicht bebauten urbanen Bereichen bis hin zu den Transformationslandschaften des Rheinischen Reviers. Die Fragestellungen reichen dabei von Hitzebelastung und Versiegelung über Dürre und Wind bis hin zur Renaturierung großräumiger Landschaften.
Allen Projekten ist jedoch eines gemeinsam: Resilienz entsteht nicht durch allgemeingültige Konzepte, sondern durch standortbezogene Lösungen. Genau darin liegt die eigentliche planerische Herausforderung.
Die Rolle von Architektur und Stadtplanung verändert sich
Für Architekt:innen und Stadtplaner:innen bedeutet diese Entwicklung einen Perspektivwechsel. Unsere Aufgabe besteht heute nicht mehr allein darin, Gebäude oder Freiräume zu entwerfen. Gefragt sind integrierte Lösungen, die unterschiedliche Anforderungen miteinander verbinden und langfristig tragfähig bleiben. Resilienz wird damit zu einer zentralen Entwurfsaufgabe. Sie entscheidet darüber, wie anpassungsfähig Städte künftig sind und wie gut sie auf Krisen reagieren können.
Die Stadt der Zukunft wird deshalb nicht daran gemessen werden, wie digital sie ist. Entscheidend wird sein, ob sie Veränderungen antizipieren, Risiken beherrschen und ihre Funktionsfähigkeit dauerhaft sichern kann. Digitale Werkzeuge leisten hierfür einen wichtigen Beitrag. Den eigentlichen Unterschied macht jedoch die Planung selbst – also die Fähigkeit, Erkenntnisse in konkrete, gebaute Lösungen zu übersetzen. Genau darin sehe ich die zentrale Aufgabe unserer Disziplin in den kommenden Jahren.

Autorin: Tanja Sprenger, Leading Consultant und Klimaexpertin bei Drees & Sommer