Wien (pm) – Meran im italienischen Südtirol liegt in einer topografisch und klimatisch begünstigten Tallage. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Stadt zur Kurstadt; das milde Klima ermöglicht selbst im Winter Aufenthalt im Freien und begünstigt eine für den Alpenraum ungewöhnliche Vegetation mit Palmen und subtropischen Pflanzen. Hotels, Villen und Promenaden entlang der Passer strukturieren die Stadt als Gefüge aus Bewegung, Aufenthalt und Landschaft. Diese Ordnung bleibt bis heute prägend: Meran ist ein Beispiel für eine Stadt, die trotz wechselnder Formensprachen eine städtebauliche Haltung bewahrt hat — und damit ihre Maßstäblichkeit. Das Hotel ist als Bauaufgabe ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung. (Walter Gadner, Magdalene Schmidt: Auf gerader Linie. Bozen: Raetia, 2017.)
Bauherrschaft: Familie Aukenthaler
Die Familie Aukenthaler ist seit Generationen mit dem Haus verbunden und prägt seit Jahrzehnten das kulturelle und gesellschaftliche Leben Merans. Diese enge Beziehung zur Stadt bildet eine wesentliche Grundlage für die Transformation des Hotels und prägt dessen Verständnis von Gastfreundschaft, Öffentlichkeit und kulturellem Austausch.
feld72 gewinnen den Wettbewerb nicht mit einem klassischen Hotelkonzept, sondern mit einem Ansatz, der das Aurora als Teil der Stadt versteht. Das Hotel wird nicht als abgeschlossener Ort der Beherbergung gedacht, sondern als öffentlicher Schnittstelle zwischen Gästen, Betreiberfamilie und Stadt.
Situation
Das Hotel Aurora liegt an der Passerpromenade in Meran, an einer der prägnantesten Schnittstellen der Stadt: zwischen der offenen Flusslandschaft mit dem Bergpanorama und dem dichten Gefüge der Altstadt rund um den Theaterplatz. Diese Spannung ist die einzigartige Qualität des Orts — und der Ausgangspunkt des Entwurfs.
In direkter Nachbarschaft zum Stadttheater und angrenzend an einen Wohnbau von Armando Ronca aus den 1960er-Jahren — einem prägenden Vertreter der Südtiroler Moderne — wird das Hotel zum städtebaulichen Scharnier zwischen urbanem Gefüge und Landschaft. Im Nebeneinander von historischem Bestand, Nachkriegsmoderne und aktuellem Eingriff wird die Stadt als fortlaufender Prozess lesbar. Architektur versteht sich hier als Fortschreibung, nicht als Bruch.
Das Hotel besteht aus einem historischen Westflügel aus dem 19 Jahrhundert mit zwei Geschossen und Mansarde sowie einem fünfgeschossigen Ostflügel der 1960er-Jahre, der den Bestand entlang der Promenade deutlich überragt. Das Projekt reagiert auf diese räumliche Hierarchie, indem es dem Altbau neue Präsenz verleiht und das Potenzial des Orts aktiviert.




Entwurf
Die bestehende Typologie wird fortgeschrieben: Das Haus erscheint weiterhin als zweigeschossiges Gebäude mit einem neuen, überhöhten Mansardendach — umhüllt von einem luftigen Lamellenkleid. Die zweigeschossige Aufstockung krönt den historischen Bestand als eigenständige, zeitgenössische Setzung. Das umlaufende Gesims des Altbaus bleibt die klare Zäsur zwischen Bestand und Neuem; die neue Gebäudehöhe orientiert sich am jüngeren Bau und nimmt wesentliche Fluchten auf. Kontinuität in Typologie, Proportion und Farbwirkung vermittelt zwischen dem historischen Bestand und dem zeitgenössischen Eingriff. Nach Süden wird die Promenadenfront räumlich fortgeschrieben und die Kohärenz des Hotels als Ensemble geschärft, nach Norden formuliert der Aufbau zum Theaterplatz hin einen präzisen städtebaulichen Abschluss und stärkt im Zusammenspiel mit dem Stadttheater die räumliche Lesbarkeit des Platzes.
In den beiden neuen Geschossen entstehen achtzehn Doppelzimmer, jeweils neun pro Etage an einem Mittelgang. Strukturell sind die kompakten Räume als Zweibettzimmer organisiert. Entlang der Gangseite liegt die Sanitärzone; freistehende Waschtischmöbel gliedern die Raumsequenz zwischen Eingang und Schlafbereich. Die Zimmer öffnen sich mit raumbreiten Fenstern und vorgelagerten Loggien zur Aussicht — nach Süden zur Passer, nach Norden zum Theaterplatz.
Das Interieur von Hannes Peer Architecture führt den gestalterischen Anspruch als gesamtheitliche räumliche Atmosphäre im gesamten Haus weiter.
Neue Erschließung – neuer Begegnungsraum
Kern des Umbaus ist eine neue Erschließungsschicht an der Schnittstelle der beiden Gebäude. Sie verbindet Passerpromenade und Theaterplatz räumlich und öffnet das Hotel als durchlässige Passage zur Stadt. Zugleich führt die neue vertikale Erschließung Bestand und Erweiterung über alle Ebenen hinweg zusammen.
An der Passerpromenade formuliert ein tief eingeschnittener, gedeckter Eingangsbereich eine prägnante Adresse. Er führt in eine neu gefasste Lobby, die nicht nur Schwelle, sondern Erweiterung des Stadtraums ist — eine Fortsetzung der Promenade ins Innere, an der Hotelgäste und Stadtbewohner gleichermaßen teilhaben können. Eine Öffnung zwischen Altbau und jüngerem Bau verbindet den Restaurantbereich visuell mit der Lobby.
Eine großzügige Treppe mit Aufzug aktiviert den bislang ungenutzten Eingang am Theaterplatz und bildet die neue vertikale Erschließung des Hauses. Nach oben verjüngt sich der Treppenraum unter der Dachschräge; zenitales Tageslicht fällt ein — der Raum wird zur Skulptur.




Neue Fassade: ein Kleid für Aurora
An dieser prominenten Lage setzt die Erweiterung eine behutsame Geste. Eine filigrane Haut umhüllt das neue Volumen und lässt es je nach Blickrichtung und Bewegung im Stadtraum dichter oder durchlässiger erscheinen — als subtile, veränderliche Irritation. Als vermittelnde Schicht reagiert die Haut auf die spezifischen Anforderungen des Hotelzimmers: Offenheit und Rückzug, Aussicht und Schutz.
Die Materialisierung der überhöhten Mansarde wird zum Leitthema. Leichtigkeit und Bewegung — an luftige Gewänder erinnernd — bestimmen den Charakter der Erweiterung. Ein Kleid aus geschosshohen, eloxierten Aluminiumlamellen umhüllt und zeichnet die Konturen der Aufstockung samt der vorgelagerten Freiraumzone nach. Die gezielte Aufdoppelung einzelner Lamellen in unterschiedlicher Höhenlage erzeugt ein rhythmisch differenziertes Ornament — eine minimale Störung innerhalb des seriellen Gefüges. Die Lamellen knicken jeweils im unteren Drittel leicht nach außen — als würde sich das Kleid zur Stadt hin leicht lüften. Dahinter liegt das eigentliche Volumen mit einer hinterlüfteten Außenhaut aus Alucobond-Paneelen in gebrochenem Weißgold. Je nach Tageszeit, Lichteinfall und Witterung verändert sich die Wahrnehmung der Lamellen: Die Struktur erscheint kompakt oder aufgelöst, geschlossen oder durchlässig. Von der Promenade aus, im schrägen Blick entlang der Fassade, verdichtet sich die Haut zu einer nahezu geschlossenen Fläche; wer sich von der Theaterbrücke oder vom Theaterplatz frontal nähert, erlebt eine offenere, durchlässigere Struktur.
Während sich aus den Zimmern weite Ausblicke eröffnen, bleiben Einblicke von außen gefiltert. Diese Ambivalenz ist Teil des Entwurfs: Privatheit ohne Abschottung, Präsenz ohne Offenlegung. Sichtbarkeit und Rückzug liegen in der Hand des Gastes. Eine textile Außenbeschattung in gebrochenem Weiß ermöglicht den vollständigen Rückzug. Die Fassade beginnt zu flimmern — ein weißgoldenes Kleid aus wechselnden Feldern, das im Rauschen der Passer zu wehen scheint.
Neue Freiräume für Aurora
Den Abschluss bildet eine Dachterrasse mit Lounge — vorgesehen für einen zweiten Bauabschnitt. Sie schließt niveaugleich an das angrenzende Hotelgebäude an und ist aus beiden Gebäuden zugänglich. Die Ausrichtung der Zimmer — zur Passer mit Bergkulisse oder zum Stadttheater — erweitert sich hier zum Rundblick über die Stadt. Der Loungepavillon hält sich formal zurück — das Panorama bleibt prägend.
Konstruktion und Energie
Die Nachhaltigkeit des Projekts gründet in der Verdichtung: kein neues Bauland, keine zusätzliche Bodenversiegelung — sondern das Weiterbauen im Bestand. Das neue Volumen ist in Holzbauweise ausgeführt: KLH-Decken mit Verbundestrich sowie KLH-Trenn- und Außenwände mit außenliegender Dämmung und Metallbekleidung. Die Wahl der Holzbaukonstruktion für die zweigeschossige Aufstockung war zugleich eine Antwort auf die konstruktiven und logistischen Rahmenbedingungen des Bestands: leicht, durch die Vorfertigung präzise und schnell in der Montage. Die innere Erschließung erfolgt über die neue Treppe in Stahlbeton.
Das Energiekonzept verzichtet auf fossile Brennstoffe. Die Versorgung erfolgt über das städtische Fernwärmenetz; reversible Wärmepumpen übernehmen die Kühlung im Sommer und unterstützen im Winter den Betrieb der Niedertemperatursysteme. Die Warmwasserbereitung des neuen Gebäudeteils erfolgt separat.
Planungsgeschichte
Das Projekt entwickelte sich im Austausch mit Denkmalamt, Gestaltungsbeirat, Stadtverwaltung und Bauherrschaft — die behördliche Abstimmung wurde als integraler Teil des Entwurfsprozesses verstanden, nicht als nachgelagertes Korrektiv. So wurde die Aufstockung in unmittelbarer Nähe des geschützten Stadttheaters auch seitens des Denkmalamts mitgetragen: Der Lückenschluss stärkt den städtebaulichen Zusammenhang und schreibt das heterogene Gefüge der Promenadenfront fort.
Der Entwurf geht auf einen geladenen Wettbewerb aus dem Jahr 2017 zurück und wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt — zuletzt im Zuge der Überarbeitung des Wiedergewinnungsplans im Jahr 2022 bis zur Baugenehmigung im Dezember 2024. Die durch COVID bedingten Verzögerungen schufen dabei Spielraum für Vertiefung und für einen intensivierten Dialog mit allen Beteiligten.
Quelle: feld72 Architekten ZT GmbH