23. Juli 2026

Wir können das Alter nicht mit den Konzepten von gestern planen – Warum Senior Living neu gedacht werden muss

Gastbeitrag – Deutschland wird älter. Diese Entwicklung ist bekannt. Weniger diskutiert wird jedoch, welche Konsequenzen sich daraus für Architektur, Stadtentwicklung und Immobilienwirtschaft ergeben. Denn mit dem demografischen Wandel verändern sich nicht nur Bedarfe, sondern auch die Erwartungen an das Leben im Alter.

Aus meiner Sicht stehen wir vor einer Entwicklung, die immer noch häufig unterschätzt wird: Ein Großteil der kommenden Generation älterer Menschen sucht weder verstaubte Seniorenresidenzen am Waldrand noch stationäre Pflegeeinrichtungen. Sie möchte selbstbestimmt leben, sozial eingebunden bleiben und gleichzeitig die Sicherheit haben, bei Bedarf auf Unterstützung zurückgreifen zu können.

Aus dieser Überzeugung heraus haben wir livree entwickelt. Das Konzept verbindet eigenständiges Wohnen mit flexibel nutzbaren Services, Technologie und einem aktiven Gemeinschaftsgedanken. Für uns ist das weit mehr als ein neues Produkt. Es ist eine Antwort auf die Frage, wie modernes Wohnen im Alter künftig aussehen kann.

In der Diskussion wird häufig zwischen Gebäude und Betrieb unterschieden. Für die Menschen, die dort leben, existiert diese Trennung jedoch nicht. Sie erleben einen Ort immer als Ganzes, wo Grundrisse Selbstständigkeit ermöglichen, Gemeinschaftsflächen Begegnungen fördern und Services den Alltag sinnvoll ergänzen.

Die Frage lautet nicht nur, welche Leistungen angeboten werden, sondern welche Räume diese überhaupt ermöglichen. Gute Architektur schafft Orientierung und unterstützt Menschen dabei, ihren Alltag möglichst lange eigenständig zu gestalten. Sie kann Lebensqualität erhalten und gleichzeitig verhindern, dass Wohnangebote institutionell wirken. Denn wir sehen in unseren Projekten immer wieder, wie stark die gebaute Umgebung das tägliche Leben beeinflusst. Barrierearme Grundrisse, großzügige Bewegungsflächen, schwellenlose Übergänge oder gut erreichbare Außenbereiche sind wichtige Voraussetzungen.

Für mich liegt darin die Herausforderung für die Branche. Senior Living darf nicht als Sonderimmobilie betrachtet werden. Wir sehen dies als eine barrierefreie Wohnimmobilie, mit diversen Gewerbemietern, überwiegend im Erdgeschoss. Diese runden das Serviceangebot für die Bewohner ab und bieten ihre Dienstleistungen auch anderen externen Kunden an. Physiotherapeut, ambulanter Pflegedienst, Café oder Restaurant, ggf. eine ambulante Pflege-Wohngemeinschaft und Clubräume (“livree”) gehören idealerweise zu den Dienstleistern im Objekt.

Entscheidend ist die Frage, wie Gebäude betrieben werden und welche Angebote dort entstehen. Gemeinschaft entsteht nicht automatisch durch einen Aufenthaltsraum.

Senior Living sollte sich zunehmend zu einem festen Bestandteil moderner Quartiersentwicklung entwickeln.

Mit livree verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz. Die Erfahrungen von Tertianum im Premium Senior Living verbinden wir mit der Expertise von RAS im Concierge Service und Community Management. Daraus entsteht ein Modell, das Wohnen, Service und Gemeinschaft als Einheit versteht, aber gleichzeitig mit den Herausforderungen im Alter umgehen kann. Um den künftigen Kunden passende Wohn-Angebote mit Services zu ermöglichen, haben wir kürzlich eine Rahmenvereinbarung mit der Blankbau Gruppe geschlossen, um livree in Nordrhein-Westfalen aufzubauen. Perspektivisch sollen bis zu zehn Standorte entstehen. Das erste Projekt befindet sich derzeit in Essen in der Entwicklung.

Für mich zeigt die Entwicklung vor allem eines: Die Anforderungen einer alternden Gesellschaft lassen sich nicht mit den Antworten der Vergangenheit lösen. Wer heute über die Zukunft des Senior Living nachdenkt, sollte deshalb nicht nur über Gebäude sprechen. Wir müssen darüber sprechen, wie wir den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund stellen können.

Autor: Felix von Braun, Geschäftsführender Gesellschafter der DPF Group

Felix von Braun © Yves Sucksdorff

Felix von Braun ist geschäftsführender Gesellschafter der DPF Group. Seit der Gründung im Jahr 2010 entwickelt die Unternehmensgruppe Service- und Wohnkonzepte an der Schnittstelle von Immobilien, Betrieb und Nutzerbedürfnissen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf hochwertigen Wohnformen für ältere Menschen sowie auf Konzepten, die Architektur, Service, Gemeinschaft und Lebensqualität miteinander verbinden. Zur Markenwelt der DPF Group gehören unter anderem die Tertianum Residenzen und Suites, RAS Services, livree sowie die Brasserie Colette Tim Raue in Berlin, München und Konstanz.
Mit diesem Portfolio verfolgt die DPF Group einen ganzheitlichen Ansatz, der Wohnen nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil urbaner Quartiere, verlässlicher Serviceangebote und langfristig tragfähiger Lebensräume versteht.