Berlin (pm) – Trotz anhaltender Debatten, ambitionierter Neubauziele und leicht wachsender Bautätigkeit bleibt der Berliner Wohnungsmarkt angespannt. Aus Sicht des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) liegt das Problem dabei weniger in einem absoluten Mangel an Wohnraum als in strukturellen Fehlentwicklungen und einer ungleichen Verteilung vorhandener Flächen.
„Berlin hat nicht nur ein Mengenproblem, sondern vor allem ein Verteilungs- und Strukturproblem“, so Christian Müller, Vorstandsvorsitzender des AIV. „Der Pro-Kopf-Wohnflächenverbrauch steigt seit Jahren, während gleichzeitig viele junge Menschen und Familien kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden. Das ist eine Frage der Generationengerechtigkeit und sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Ein wesentlicher Treiber der aktuellen Situation ist die demografische Entwicklung: Viele ältere Berlinerinnen und Berliner verbleiben – aus nachvollziehbaren Gründen – in großen Wohnungen, während kleinere Haushalte und Familien kaum nachrücken könnten. Gleichzeitig entzieht die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen dem Markt zusätzlichen Wohnraum.
Besonders kritisch sieht der AIV die ungleiche Neubautätigkeit in den Berliner Bezirken. Während einige Bezirke stark wachsen, stagnieren oder schrumpfen andere mit der Folge, dass jährlich rund 15.000 Menschen aus Berlin nach Brandenburg abwandern. „Mit jeder Familie, die die Stadt verlässt, verliert Berlin nicht nur Steuerzahler, sondern erzeugt auch zusätzliche Verkehrs- und Infrastrukturprobleme“, so Müller.
Aus Sicht des AIV sind daher mehrere Maßnahmen dringend erforderlich:
- Eine gleichmäßigere Beteiligung aller Bezirke am Wohnungsbau, verbunden mit verbindlichen Zielvorgaben.
- Höhere bauliche Dichten in geeigneten Lagen, etwa durch eine Anhebung der Geschossflächenzahl, um vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen.
- Die konsequente Nutzung landeseigener Grundstücke für den Wohnungsbau ohne ideologische Tabus, etwa bei Randbereichen von Kleingartenanlagen oder bereits erschlossenen Flächen.
„Wer mehr Wohnraum fordert, muss auch bereit sein, Veränderungen im eigenen Umfeld zu akzeptieren“, betont Müller. „Demokratie lebt vom Kompromiss. Wenn wir weiter an Besitzständen festhalten, bleibt die Wohnungsfrage unlösbar.“
Der AIV warnt davor, die Wohnungsbaupolitik weiterhin von Partikularinteressen bestimmen zu lassen. Stattdessen brauche es den politischen Mut zu klaren Entscheidungen – vergleichbar mit dem gesellschaftlichen Aufbruch, den der damalige Bundespräsident Roman Herzog bereits 1997 in seiner so genannten Ruck-Rede eingefordert hatte. „Die Wohnungsfrage ist lösbar“, so Müller abschließend. „Aber nur, wenn wir bereit sind, uns zu bewegen – alle, Politik wie Gesellschaft.“
Der AIV plant zu dem Thema eine Veranstaltungsreihe im Herbst. Details und Einladungen dazu folgen.
Quelle: Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg e.V. (AIV)